Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ortskartell: Vorsitzender kritisiert Gemeinde und Vereine

Das waren noch Zeiten, als das Ortskartell das Bürgerfest organisierte. Markenzeichen waren Konzerte von Stimmungsbands wie hier
Das waren noch Zeiten, als das Ortskartell das Bürgerfest organisierte. Markenzeichen waren Konzerte von Stimmungsbands wie hier Cherry on Cream 2014.

Steht der Dachverband der Bobenheim-Roxheimer Vereine, das Ortskartell, vor dem Aus? Vorsitzender Florian Lobocki will nac h der Mitgliederversammlung im Frühjahr nur dann weitermachen, wenn sich ein neues Vorstandsteam findet.

Die Aktivitäten des Ortskartells konzentrierten sich zuletzt auf die Organisation des Bürgerfestes auf der Rathauswiese, des Fischerstechens beim Gondelfest und des Kerweumzugs. Dann kam Corona, und diese Veranstaltungen fanden nicht mehr statt. Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen aber ebenfalls nicht. Außer Florian Lobocki gehören dem Vorstand offiziell noch Tobias Stichter, Petra Nickel und Markus Bodri an.

Bei der Recherche, ob es das Ortskartell überhaupt noch gibt und in welcher Form, scheint die RHEINPFALZ in ein Wespennest zu stechen. Jedenfalls mag Lobocki den Stillstand nicht nur am pandemiebedingten Mangel an Veranstaltungen und Zusammenkünften festmachen. Vor allem habe das Interesse der Vereine spürbar nachgelassen. Noch 64 Bobenheim-Roxheimer Klubs und Interessengemeinschaften seien dabei, die meisten als rein zahlende Mitglieder. Der Jahresbeitrag bemisst sich an der Vereinsgröße und beträgt mindestens zehn Euro.

Viele Vereine kämpfen mit sich selbst

Die Bereitschaft zur Mitarbeit habe extrem nachgelassen, berichtet Lobocki. Viele Vereine kämpften ums Überleben wegen Überalterung, Mitgliederschwunds und Helfermangels. Sich dann auch noch für das Ortskartell zu engagieren, falle schwer. „Von den Vereinen kommt nichts mehr“, sagt der Vorsitzende und spricht mit Blick auf sich selbst von einer „One-Man-Show“. Welche Rolle seine drei Vorstandskollegen noch spielen, lässt Lobocki weitgehend offen. Ja, sagt er, es habe schon viel zu lange keine Generalversammlung mit Kassenprüfung und Entlastung des Vorstands mehr stattgefunden.

Kritik übt Lobocki aber auch an der Gemeindeverwaltung. Von partnerschaftlicher Zusammenarbeit könne keine Rede mehr sein, sagt er. Das gelte vor allem für das Bürgerfest, das Gemeinde und Ortskartell seit 1982 stets „Hand in Hand“ auf die Beine gestellt hätten. Nach dem letzten Fest 2019 ist die Gemeinde in Absprache mit Lobocki von der Funktion des Mitveranstalters zur Funktion des Zuschussgebers gewechselt. 6000 Euro soll das Ortskartell künftig pro Fest bekommen, dann aber von Strom über Tontechnik und Bühnenshow alles selbst auf die Beine stellen. Inzwischen sagt der Vorsitzende, dass dem Verband dafür wohl das Personal fehlen werde. Viele Arbeiten seien früher von Gemeindemitarbeitern erledigt oder in die Wege geleitet worden. „Und unter Corona-Bedingungen ist das Bürgerfest auch finanziell nicht zu stemmen.“

Deutliche Kritik am Beigeordneten Frank Peter

Ziemlich deutlich wird im Gespräch, dass Lobocki mit dem zuständigen Ersten Beigeordneten Frank Peter (CDU) gar nicht gut auskommt, dass es gegensätzliche Wahrnehmungen und Erinnerungen gibt. Ein Beispiel: Während Lobocki sagt, man habe dem Ortskartell 1000 Euro für das Mähen der Rathauswiese berechnet, versichert Peter: „Das Mähen der Wiese wurde nie in Rechnung gestellt, war auch nie Inhalt einer Kostenrechnung oder -aufstellung.“ Oder: Die Gemeinde habe auf der Wiese ohne Rücksprache mit dem Ortskartell Bäume gepflanzt, die es erschwerten, das Bürgerfest aufzubauen. Dazu Peter: „Die Bäume wurden extra so gepflanzt, dass sie die Feste nicht beeinträchtigen. Warum die Gemeinde das mit dem Ortskartell absprechen muss, ist mir nicht ersichtlich.“

Was sagen die Vereine?

Und was sagen die Vereine in Bobenheim-Roxheim dazu? Halten sie das Ortskartell mittlerweile für entbehrlich? Sitzungspräsident Michael Schmitt vom Roxheimer Carnevalverein stellt die Institution nicht grundsätzlich infrage. Auch wenn Sand ins Getriebe gekommen sei, sei das Ortskartell doch immer noch ein Bindeglied zwischen Verwaltung und den Vereinen gewesen. Ähnlich sieht es auch Anna Kernbach, Präsidentin des deutsch-französischen Freundschaftskreises. Ihr ist aufgefallen, dass Florian Lobocki „zuletzt fast immer allein in Erscheinung trat“.

Gerdi Schäfer, Vorsitzende der Chorvereinigung, verweist darauf, dass viele Vereine an Überalterung, Mitgliederschwund und dem Rückgang ehrenamtlichen Engagements litten. Insofern sei es nachvollziehbar, dass sie nicht noch Leute für das Ortskartell abstellten. Christian Anton, Chef des Würfelclubs, sind die „Unstimmigkeiten“ zwischen Ortskartell und Verwaltung aufgefallen. Florian Lobockis Ehrenamt sei ein undankbarer Job: „Fast jeder kommt und fordert, aber keiner will sich in die Verantwortung nehmen lassen.“

Christian Reber, Vorsitzender des Sportclubs, bezweifelt, dass das Ortskartell angesichts der Entwicklungen in den Vereinen wieder zur früheren Dynamik zurückfindet. Auf jeden Fall aber müsse dessen Vorstand wie jeder eingetragene Verein darauf achten, dass turnusgemäß Jahreshauptversammlungen anberaumt sowie Rechenschafts- und Kassenberichte abgeliefert werden.

Florian Lobocki 2017 nach dem Amtsantritt als Ortskartellvorsitzender.
Florian Lobocki 2017 nach dem Amtsantritt als Ortskartellvorsitzender.
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