Frankenthaler Umland
Flüchtlingshilfe: Wohnraum ist am wichtigsten
In Bobenheim-Roxheim wundert man sich, dass sich – Stand Donnerstag – erst 50 Ukraine-Flüchtlinge in der Gemeinde angemeldet haben. Die meisten sind über private Wege gekommen und untergekommen. Frank Unvericht, der den Fachbereich Bürgerdienste leitet, hatte vermutet, dass die Kreisverwaltung um diese Zeit wesentlich mehr Menschen zur Unterbringung an die Kommunen verteilen würde. Aber aus der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes wurden Bobenheim-Roxheim erst neun Personen zugewiesen. Und die haben es offenbar gut getroffen.
„Es ist eine Großfamilie mit Hund, und wir sind sehr, sehr dankbar, dass der Wassersportverein sein Klubheim zur Verfügung gestellt hat und sich kümmert“, berichtet Unvericht. Zum Glück könne man sich gut auf Englisch verständigen. Die Gemeinde prüft, ob auch die Immobilien des Sportclubs und des Bobenheimer Carnevalvereins als Quartiere geeignet sind. Unvericht benutzt zwar den behördlichen Begriff „Beschlagnahme“, meint aber die Nutzung der Gebäude im Einvernehmen mit den Vereinen.
Manche Gastgeber sind schon genervt
Der Verwaltungsfachmann hört mit Sorge, dass andernorts schon Einheimische, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben, des gemeinsamen Haushalts überdrüssig geworden seien und die Kommunen um Hilfe bäten. „Deshalb prüfen wir alle uns angebotenen Wohnmöglichkeiten genau“, sagt Unvericht. Er findet abgeschlossene Einheiten mit eigenem Bad am besten und bereitet dennoch eine Option vor, die viel problematischer klingt als eine Wohngemeinschaft: die Unterbringung in der Turnhalle der Rheinschule.
In der Verbandsgemeinde (VG) Lambsheim-Heßheim seien aktuell 106 ukrainische Gäste bei 25 Wohnungsgebern untergebracht, berichtet Bürgermeister Michael Reith (SPD). Dreimal sind Ehrenamtliche im Auftrag der VG mit Hilfsgütern an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren und haben auf dem Rückweg insgesamt 25 Geflüchtete mitgenommen. Ein Heuchelheimer Ehepaar hat es ihnen nachgemacht und in Polen eine Frau mit Tochter und Enkelin abgeholt und bei sich untergebracht.
DRK Lambsheim engagiert sich stark
Weil die rund 160 Neuankömmlinge im Kreisnorden erst der Anfang sind, müssen Strukturen geschaffen werden, um den vor Tod und Elend geflohenen Menschen hier vor Ort zu helfen. In der Verbandsgemeinde kommt erneut dem Deutschen Roten Kreuz eine tragende Rolle zu, wie Bürgermeister Reith informiert. Dessen Lambsheimer Ortsverband hat die Versorgung und Betreuung übernommen und arbeitet unter anderem mit der Kleiderkammer und der Fahrradwerkstatt zusammen.
In Bobenheim-Roxheim engagieren sich der Sozialverein Kunterbunt und der Migrationsbeirat. Kleidung, Lebensmittel, Fahrräder besorgen, bei behördlichen Dingen helfen, Dolmetscher finden, Corona-Impfungen organisieren, Kinder in Kitas und Schulen unterbringen ... „Wir machen das, was wir immer machen“, sagt Andrea Hettmannsperger, die in beiden Organisationen sehr aktiv ist. Sie erinnert an die aus Syrien geflüchteten Mitbürger und freut sich, dass einer davon seine Hilfe angeboten hat, weil er in der Ukraine studiert hat und die Sprache spricht.
Bald Unterricht in der Herkunftssprache
Von einem ähnlichen Glücksfall berichtet der Rektor der Roxheimer Rheinschule, in der bereits zwei ukrainische Kinder angemeldet wurden und weitere erwartet werden. Andreas Mock kann auf eine Lehrerin aus dem Land zurückgreifen, deren Ausbildung eventuell nun doch hier anerkannt werde. „Sie ist hoffentlich ab der nächsten Woche mit hoffentlich vielen Stunden bei uns“, sagt Mock. Sein Plan: Diese Kollegin, die auch russisch spricht, soll die neuen Schüler über das deutschsprachige Schulprogramm hinaus ein oder zwei Stunden pro Tag in ihrer Herkunftssprache unterrichten. Unter den der Gemeinde bekannten Neubürgern aus dem Kriegsgebiet sind laut Unvericht 18 Minderjährige, in der VG Lambsheim-Heßheim sind es Reith zufolge 50.
Sich treffen und in der Muttersprache austauschen können die ukrainischen Gäste unter anderem samstags von 14 bis 16 Uhr im Lambsheimer VG-Rathaus. Es sei ein Café eingerichtet worden, auch für Wohnungsgeber, berichtet der Verbandsbürgermeister. Die Protestantische Kirchengemeinde Heuchelheim-Niedesheim lädt die geflüchteten Familien jeden Donnerstag ab 15 Uhr in ihr Großniedesheimer Gemeindehaus ein, damit sie sich gegenseitig stützen oder Gemeindemitglieder um Hilfe bitten können, teilt Pfarrerin Sabine Tarasinski mit.
In Bobenheim-Roxheim fehlt zentraler Treffpunkt
In Bobenheim-Roxheim fehlt es noch an einer Einrichtung dieser Art. Das Café International gibt es nicht mehr, seit das Asylbewerberheim im Pfalzring aufgegeben wurde. Und das relativ neue Beratungszentrum der Gemeindeverwaltung auf dem Kurpfalzplatz leidet aktuell massiv unter Personalmangel, wie Fachbereichsleiter Unvericht beklagt. Er setzt im Moment darauf, dass die Ukrainer, die bei Verwandten und Bekannten untergekommen sind, von diesen unterstützt werden.
Danach gefragt, welches bürgerschaftliche Engagement sich die beiden Kommunen im Moment am meisten wünschen, nennen Reith und Unvericht die Bereitstellung von Wohnraum. Die Verbandsgemeinde nimmt Angebote unter der Telefonnummer 06233 3791-304 entgegen, die Verwaltung in Bobenheim-Roxheim unter 06239 939-1309 oder per E-Mail an wohnraum@bobenheim-roxheim.de.