Rhein-Pfalz-Kreis / Korczowa
An der Grenze zwischen Polen und der Ukraine: Einfach entkommen
Ein leises Schluchzen durchbricht die Stille der Nacht, hier auf der polnischen Autobahn 4, in der Nähe von Katowice, mit 130 Kilometern pro Stunde auf dem Weg zur deutschen Grenze. Olena sitzt auf der Rückbank des Kleinbusses. Eben hat die 30-jährige Frau aus der Ukraine noch geschlafen, unruhig zwar, aber immerhin. Nun hat sie Tränen in den Augen. Neben ihr ihre siebenjährige Tochter, hinter ihr die Oma der Kleinen. Sie haben sich für die Flucht entschieden, als die Raketen von Russlands Präsident Wladimir Putin auf ihre Heimatstadt Charkiw niedergingen. Ihre Wohnung ist zerstört, bei dem Angriff wurde ein Stück des Wohnblocks geradezu herausgerissen. Der Krieg ist jäh in das Leben von Olena gekommen.
In 25 Stunden hat sich das Trio die gut 1000 Kilometer zur Grenze nach Polen durchgeschlagen. Dort musste die Familie erneut mehrere Stunden ausharren, bis es weiter ging in eine Auffangstation. Nun ist Olena auf dem Weg in den Rhein-Pfalz-Kreis, weitere 1400 Kilometer. Unsicherheit sei das vorherrschende Gefühl, sagt sie, keine Erleichterung, sondern Angst um die Verwandten, die noch in der Ukraine sind. In ihrem Blick liegt Verzweiflung.
Korczowa ist einer der wichtigsten Grenzübergänge zwischen Polen und der Ukraine. Knapp 600 Menschen wohnen in dem Dörflein. Auf der anderen Seite der Grenze, in Jaworiw, leben 13.000 Menschen, im nahe gelegenen Lwiw rund 700.000. Dort tobt der Krieg noch nicht, aber er hängt wie ein Schatten über der Stadt. Mit jedem Fliegeralarm kommt er näher – und man kann ohne Zweifel davon ausgehen, dass es noch viele Ukrainer an diese Grenze treiben wird, wenn die russische Armee weiter in ihr Nachbarland vorrückt.
Die Aufgabe wandelt sich
Schon jetzt sind es Tausende, die die Grenze hier jeden Tag überqueren. Sie schieben Rollkoffer, haben in der einen Hand eine Tasche, an der anderen ihre Kinder. Die Autobahn, die zur Grenze führt, ist abgeriegelt. Es ist eine gespenstige Ruhe. Nur der rote Bus, der die Flüchtlinge zur Auffangstation bringt, pendelt in regelmäßigen Abständen. Leer in die eine Richtung, voll besetzt in die andere. Auch Olena saß in einem dieser Busse, bevor sie die Hala Kijowska betrat, die Auffangstation in der Nähe der Grenze. Etwa 2000 Feldbetten stehen hier, die meisten sind belegt.
Während Olena mit ihrer Familie nicht weiß, wie es weitergeht, sind drei Busse der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet unterwegs – und die sechs freiwilligen Fahrer haben ganz ähnliche Gedanken. Denn so einfach ihre Mission in der Theorie klingt, umso schwieriger stellt sie sich in der Realität dar: hinfahren, Hilfsgüter ausladen, Menschen einladen, zurück in die Pfalz und die Geflüchteten bei Gastfamilien unterbringen. Doch es zeichnet sich ab, dass sich die Aufgabe wandelt: Auskundschaften, Kontakte knüpfen, improvisieren, das Beste daraus machen. Aus dem Hilfskonvoi ist ein Spähtrupp geworden. „Es ist eine Pionierleistung“, sagt Serge Endrizzi, der das Unterfangen für die Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim federführend betreut. Bei den nächsten Touren, die fest geplant sind, soll alles koordinierter laufen. „Ihr wisst nicht, was euch erwartet“, hatte Endrizzi dem Konvoi kurz vor der Abfahrt mit auf den Weg gegeben. Im Nachhinein gewinnen diese Worte noch ein bisschen mehr an Gewicht, und der Schlafmangel ist nicht die größte Belastung.
Einer dieser Freiwilligen ist Luca Dietrich, 25 Jahre alt, Azubi zum Industriekaufmann in Dannstadt-Schauernheim. Er hat den Aufruf für die Hilfsaktion gelesen und sich spontan dazu bereit erklärt. „Man muss helfen, es ist ein gutes Gefühl“, sagt der junge Mann, als er am Steuer eines Kleinbusses sitzt. Im Gepäckraum liegen Hygieneprodukte, Wasserflaschen, Essen, Decken. Dietrich war bei der Bundeswehr, nach der Grundausbildung im bayerischen Feldkirchen war er in Pfungstadt stationiert. „Es ist ein Angriffskrieg, den wir hier erleben“, sagt er, „die Argumente Putins sind sehr weit hergeholt.“ Kaum müde zu bekommen ist er, am liebsten würde er die 15 Stunden ins Krisengebiet nun an einem Stück zurücklegen. Zum Vergleich: Nach Nizza sind es etwa zehn Stunden. Der Krieg ist aktuell gar nicht mal so viel weiter entfernt als ein Urlaub am Mittelmeer.
Nachrichten sind dramatisch, aber wichtig
Immer wieder schaut Dietrich auf seine digitale Armbanduhr, die mit seinem Telefon verbunden ist. Der Blick auf das Handy ist während der Fahrt durch das polnische Hinterland, über all die holprigen Landstraßen, nicht empfehlenswert. Und dennoch sind die Nachrichten wichtig, schärfen sie doch bei aller Dramatik den Blick für die Mission. Laut den Vereinten Nationen haben seit dem Einmarsch Russlands knapp 700.000 Menschen die Ukraine verlassen, 36 Stunden später sind es etwa 1,2 Millionen – mehr als zwei Prozent der gesamten Bevölkerung. Dem Flüchtlingshilfswerk der UN zufolge ist es eine Fluchtbewegung, die in diesem Jahrhundert in seiner Geschwindigkeit beispiellos ist. 57.000 Menschen sind bislang nach Rumänien geflohen, 145.000 nach Ungarn, 90.000 in die Slowakei – und 650.000 nach Polen. Schon vor dem Krieg haben hier Hunderttausende Ukrainer gelebt.
Maximal 18 Menschen haben in den drei Bussen aus der Pfalz Platz, eher weniger. 18 von so vielen. Das wird den Freiwilligen allmählich klar. Was tun sie hier? Wie wählen sie aus? Was ist das, etwa fair? Ist es die Chance auf einen Neuanfang, die Möglichkeit, den Krieg hinter sich zu lassen? Ein Lottogewinn für die, die aus ihrer Heimat flüchten? Die mitkommen – ja was – können? Oder dürfen? Und zu welchem Preis? Ohne Familie, ohne Freunde, dazu die Ungewissheit, wie es den Daheimgebliebenen geht. 1500 Kilometer von zu Hause entfernt. In einer Region, die sie nicht kennen. Dafür aber in Sicherheit, zumindest für den Moment. „Eine Rakete ist auf dem Freiheitsplatz in Charkiw eingeschlagen“, liest Dietrich eine weitere Nachricht vor und sagt: „Das ist sicher kein militärisches Ziel.“ Es ist jene Stadt in der Ukraine, die Olena verlassen hat.
Spontan ins Orga-Team
Plötzlich steht Natalya auf der anderen Seite des Tresens und hat neben ihrer hellblauen Mütze auf dem Kopf auch eine gelbe Warnweste an. Gemeinsam mit ihrem polnischen Freund Przemek lebt sie eigentlich in Karlsruhe. Sie wollten Urlaub machen, doch dann kam der Krieg. Jetzt helfen sie, wo sie können. „So ist sie“, sagt Przemek auf Englisch, als er seine Freundin sieht. Natalya hat sich spontan dem Orga-Team in der Hala Kijowska angeschlossen. Organisation ist wichtig in diesem Auffanglager mit seinen 2000 Feldbetten, daran mangelt es. Es gibt keine wirkliche Registrierung, kaum Infrastruktur. Das wissen die freiwilligen Helfer, aber was sollen sie gegen das große Chaos tun? Der polnische Staat hat zwar die Grenzen mehr oder weniger geöffnet für all die Flüchtlinge, und das Militär geleitet sie in die Lager. Aber ab hier sind sie größtenteils auf sich alleine gestellt.Je weiter man in diese Halle vordringt, desto undurchsichtiger wird es. Männer liegen auf den Pritschen, schlafen eingehüllt in Decken. Familien spielen Karten. Es riecht nach Schweiß, die Mülleimer quillen über. Es gibt einen Bereich nur für Frauen und Kinder. Während es in der Nähe des Eingangs noch möglich scheint, die Ziele der Flüchtlinge und die Transportangebote einander zuzuordnen, ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Menschen weiter hinten mit ihrem Schicksal abgefunden haben. Es gibt keine Übersicht, wohin die Flüchtlinge weiterreisen wollen, ob an einen anderen Ort in Polen, nach Deutschland oder Litauen beispielsweise. Viele wollen bei Freunden und Verwandten unterkommen. Die Europäische Union hat entschieden, den Flüchtlingen aus der Ukraine schnellen und unkomplizierten Schutz zu gewähren. Aber auch Menschen aus Bangladesch oder Ecuador sind hier. Manche von ihnen sind Studenten und waren für ein Auslandssemester in Kiew, als der Krieg begann.
„Die Lage ist dramatisch“, sagt Natalya. Sie habe gehört, dass in der Nacht zuvor zehn Kinder an der nahe gelegenen Grenze erfroren seien. Und sie berichtet von weiteren Gerüchten, die in der Hala Kijowska kursieren – und Angst machen. Von Menschenhändlern etwa, die sich hier herumtreiben, sich als Helfer ausgeben sollen und geflüchtete Personen mitnehmen wollen. Oder von Zuhältern, die offenbar das Ziel verfolgen, Prostituierte anzuwerben. Was an diesen Geschichten dran ist, lässt sich kaum überprüfen. Medien sind in den Lagern nicht gerne gesehen, Fotos verboten. Aber: Wo Leid ist, wird das Schicksal der Menschen gerne ausgenutzt. Und die, die es nicht gut mit den Flüchtlingen meinen, wissen, dass hier viele Frauen und Kinder ankommen, schutzlos, hilflos, mitunter wehrlos. Junge Männer dürfen die Ukraine meist nicht verlassen, weil das Militär sie nicht gehen lässt.
Zweimal die gleiche Geschichte
Mehr als 20 solcher Lager sind an der mehr als 500 Kilometer langen polnisch-ukrainischen Grenze mittlerweile entstanden, fast überall das gleiche Bild. Verzweiflung. Angst. Hoffnungslosigkeit. Hilfsorganisationen nehmen Spenden an, vom Plüschtier bis zum Obstkorb. Wasserkanister stapeln sich. Die Helfer haben Zelte aufgebaut, schenken Tee und Suppe aus. Sie verteilen Zettel mit Informationen und suchen Mitfahrgelegenheiten für die Ankommenden. Dass Angebot und Nachfrage zusammenpassen, ist oft Zufall. Ein Busfahrer aus Belgien erzählt an der Grenze in Dorohusk, er warte seit 36 Stunden. In seinem großen Reisebus sind erst zwei Plätze belegt. Er gibt nicht auf.
Die Hilfsbereitschaft ist groß. Auf den polnischen Autobahnen leuchten in der Nacht Solidaritätsbekundungen samt der ukrainischen Flagge in blau und gelb. In vielen Autos ist die Flagge in der Heckscheibe zu sehen, ausgedruckt und festgeklebt. „Das meiste hängt an der Zivilgesellschaft“, sagt Thymoteusz, „vom Staat kommt wenig.“ Er arbeitet in einem Auffanglager in Hrubieszów. Bestenfalls sollen die Flüchtlinge nicht lange hier bleiben. Aber er gibt auch zu bedenken, dass es nicht immer so sein kann, dass sie sich ihr Wunschziel gewissermaßen aussuchen können. Denn lang könne Polen das Flüchtlingsaufkommen nicht mehr stemmen. 138 Kilometer entfernt von Korczowa erzählt auch er die Geschichte von den erfrorenen Kindern an der Grenze. Ob es stimmt, bleibt offen. Ein Mitglied des Lambsheimer Konvois gibt derweil seine Handynummer bekannt. Wenn sich jemand findet, der nach Deutschland möchte, sollen sich die Helfer melden. Stunden später klingelt das Telefon. Da sind die Busse aber bereits weitergefahren zur Hala Kijowska.
Der Soundtrack des Friedens
Natalya hat Olena im Arm, beide haben Tränen in den Augen, die Tochter sitzt vor ihnen auf einem Koffer, auch die Oma kommt dazu. Die Frau aus Karlsruhe und ihr Freund sind ein wahrer Segen für die Gruppe aus Lambsheim. Sie dolmetschen, sprechen Menschen an, suchen nach Kandidaten, die sich eine vorläufige Zukunft in Deutschland vorstellen könnten. Olena zum Beispiel. Insgesamt zehn Personen machen sich letztlich auf den Weg in den Rhein-Pfalz-Kreis.Doch nicht alle können mit. Etwa die Gruppe, die nicht in der Pfalz bleiben möchte, sondern weiterreisen will nach Hamburg oder München. Allerdings stehen in Lambsheim Gastfamilien parat – und Züge können Geflohene derzeit kostenlos nutzen. Das weiß nur kaum einer in der Hala Kijowska. Es fehlt nicht nur an Organisation, sondern auch an Information. Ein Ehepaar mit vier Kindern möchte ebenfalls in den Bus einsteigen. Die Frau hat allerdings keinen ukrainischen Pass, sondern kommt aus Kirgistan. Zählt sie dann als Kriegsflüchtling? Nach langem Ringen sagen die Freiwilligen „nein“, die Familie muss vorerst in Polen bleiben. Zu groß ist das Unbehagen – oder die Unkenntnis der Einwanderungspolitik. Es sind schwierige Entscheidungen. Belastende Entscheidungen, die niemand sollte treffen müssen.
Als Olena auf der Rückbank schluchzt, hat der Bus gerade ein Auto mit ukrainischem Kennzeichen überholt. Sie sind vermehrt unterwegs oder stehen auf den Rastplätzen. Die Menschen schlafen darin auf ihrer Flucht in den Westen Europas. Der Motor läuft, draußen sind es minus sieben Grad. Es fühlt sich deutlich kälter an. Das Lied „Nie wieder Krieg“ von Tocotronic schießt durch den Kopf. Das tut es immer wieder, seit es auf dem Heimweg vom ersten Planungstreffen der Hilfsaktion im Radio lief. Der Song ist in den Gedanken, auf der Autobahn, in den Auffanglagern, beim Blick in die verzweifelten und traurigen Augen der Menschen, die ihre Heimat verlassen haben – ohne zu wissen, ob sie je zurückkehren werden. Nie wieder Krieg. Der Soundtrack des Friedens. Es könnte doch so einfach sein.