Neustadt
Wie ein Bayer die Pfalz erlebt: „Bei mir wird das mit dem Dialekt nichts mehr“
Herr Durner, Ihr Heimatbundesland ist ja eher fürs Bier bekannt. Wie kommt man denn dann zum Wein?
Im südwestlichen Bayern, da wo ich aufgewachsen bin, spielen Bier, Milch und Käse eine große Rolle. Ich habe als Kind und Jugendlicher in den landwirtschaftlichen Betrieben meiner Familie mitgeholfen. Ich erinnere mich an viele Diskussionen über die Wertschöpfung in der Land- und Viehwirtschaft. Das hat mich maßgeblich geprägt. Für mich stand fest, dass ich mich beruflich mit Landwirtschaft und Lebensmitteln beschäftigen möchte. Nach dem Abitur habe ich das Studium an der TU Weihenstephan begonnen. Ich habe mich immer intensiver mit dem Weinbau, der Weinerzeugung und dem Produkt Wein auseinandergesetzt, von meinen studentischen Arbeiten über Auslandsaufenthalte in den USA und in Neuseeland, wo ich in Weingütern gearbeitet habe, bis hin zu meiner Doktorarbeit, in der es um Oxidationsreaktionen in Rotwein ging. Anders als die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse steht Wein auch heute noch für eine durchgehende Wertschöpfung vom Rebstock bis ins Glas. Ich bin überzeugt davon, dass die durchgehende Wertschöpfung die Grundlage für eine gesunde Landwirtschaft ist.
Was hat Sie dann in die Pfalz verschlagen?
Mein Mentor, Uli Fischer, der bis heute mein wunderbarer Kollege und Freund ist, hat Ende der 1990er-Jahre begonnen, die Weinforschung in Neustadt auszubauen. Als ich Mitte der 2000er-Jahre an die Lehr- und Forschungsanstalt kam, standen die Zeichen auf Standortentwicklung, was mich gepackt hat. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren großartigen Kollegen haben wir den Weincampus zu dem gemacht, was er heute ist: eine international anerkannte Wirkungsstätte für Lehre und Forschung im Weinbau.
Nach Ihrer Ankunft in der Pfalz, was war Ihre größte Umstellung?
Als ich 2006 hier ankam, hatte ich relativ wenig Wissen über die Region. Ich habe sie dann über die Jahre lieben gelernt, sowohl die Menschen dieser Region als auch die Landschaft, die sie einmalig macht.
Wenn Sie in die Bäckerei gehen, bestellen Sie dann noch Semmeln?
Das mache ich tatsächlich auch heute noch. Ich komme von diesem Ausdruck nicht weg. Ich bemühe mich zwar, aber ich krieg’s nicht los.
Werden Sie dann komisch angeguckt?
Anscheinend verspürt man hier in der Region eine gewisse Nähe zu den Menschen aus Bayern. Wenn man eine Semmel bestellt, dann wird es hier mit einem Lächeln goutiert.
Es gibt ja ähnliche Speisen, die aber unterschiedlich zubereitet werden. Leberknödel sind in Bayern Teil einer Suppe. Hier sind sie ein Hauptgericht. Hat Sie das irritiert?
Ich brauche den Leberknödel nach wie vor in der Suppe.
Und wie ist es mit den Dampfnudeln, die in der Pfalz eine Salzkruste haben, in Bayern aber nicht?
Mit der Salzkruste tue ich mich auch noch schwer. Ich mag Dampfnudeln süß.
Was vermissen Sie aus Bayern?
Bayern ist sehr stark geprägt von den Voralpen-Seen, die vermisse ich. Auch die Alpen selbst fehlen mir, denn ich bin leidenschaftlich gerne in den Bergen unterwegs, im Winter beim Skifahren und im Sommer zum Wandern.
Bayerische Lebensart ist hier ja auch populär. Es gibt Weißwurstfrühstücke oder Oktoberfest-Happenings. Gehen Sie zu so etwas hin?
In der Pfalz gehe ich auf Weinfeste und wenn ich in ein Bierzelt will, dann fahre ich nach Bayern.
Auf dem Andechser Bierfest in Haßloch sind Sie dann auch nicht?
Nein. Ehrlich gesagt, schmeckt mir das Bier in München immer noch am besten.
Wenn wir auf die Mentalität von Pfälzern und Bayern schauen, wie würden Sie die vergleichen?
Wenn ich mich in den Ortschaften umschaue, das dortige Brauchtum erlebe und mit den Menschen spreche, ist der Unterschied gar nicht so groß. Ich sehe hier wie da einen großen Stolz auf die Herkunft. Vielleicht leben die Bayern den Patriotismus stärker und mehr nach außen. Ich bin jetzt seit 20 Jahren hier, meine Kinder sind hier geboren und wachsen hier auf, gehen zur Schule und fangen auch an, den pfälzischen Dialekt zu sprechen. Das ist wunderbar. Bei mir wird das mit dem Dialekt aber nichts mehr.
Gibt es trotzdem etwas, das Sie hier stört?
Ich glaube, dass man in Sachen Patriotismus sogar noch eins draufsetzen könnte. Die Pfälzer Lebensart, der Pfälzer Wein, der Pfälzerwald sollten noch stärker und über die Grenzen Deutschlands hinaus beworben werden. Herkunft ist wichtig und die sollte man durch alles Mögliche zum Ausdruck bringen, insbesondere durch Überzeugung, dass es da, wo man wohnt, am allerschönsten ist.
Gibt’s Unterschiede zwischen den Pfälzer Weinfesten und den Volksfesten in Bayern, außer dass ein anderes Getränk dominiert?
Da gibt es einen großen Unterschied. Bei den Volksfesten in Bayern feiert man in großen Bierzelten. Hier, auf den Weinfesten, ist man in kleineren Gruppen zusammen. Ich denke an die Haiselscher beim Deutschen Weinlesefest oder die Schubkärchler auf dem Wurstmarkt. Ich finde das sehr angenehm, weil es familiärer und sogar noch geselliger ist. Ich gehe mittlerweile lieber auf ein Weinfest als in ein Bierzelt. Hoffentlich liest das jetzt niemand in Bayern (lacht).
Pfälzer und Bayern haben ein gutes Stück gemeinsame Geschichte. Spielt das für Sie eine Rolle?
Unmittelbar spielt es für mich keine Rolle mehr. Es ist aber natürlich wichtig zu wissen, welche Geschichte uns dort hin gebracht hat, wo wir heute stehen. Das Wissen über die Geschichte kann uns helfen, zukünftig klügere Entscheidungen zu treffen. Und was die Bayerisch-Pfälzische Geschichte angeht, so lassen sich darin viele Anekdoten finden, die man sich erzählen sollte.
Haben Sie Ihren Lieblingsplatz in Neustadt?
Ganz spontan fällt mir die Welsch-Terrasse ein.
Und haben Sie eine Lieblingsveranstaltung hier?
Da fällt mir das Mandelblütenfest ein. Ich glaube, man muss auf jedem Weinfest gewesen sein, um den „Spirit“ hier richtig zu fühlen. Das ist meine Aufgabe, jedes Weinfest der Pfalz zu erleben.
Wenn Sie Besuch aus Bayern haben, was zeigen Sie dem?
Jeder Gast muss mit auf das Hambacher Schloss, die deutsche Demokratiegeschichte gehört dazu. Und dann lade ich Gäste natürlich auch immer ein, Weingüter mit mir zu besuchen.
Zum Schluss: Den Pfälzern ist ja auch der Pfälzerwald sehr wichtig. Aber aus Ihrer Perspektive sind es wahrscheinlich bloß bessere Hügel, oder?
(lacht) Wir sind als Familie viel im Pfälzerwald unterwegs. Mit den Alpen kann man ihn tatsächlich schwer vergleichen. Aber der Pfälzerwald ist sehr reizvoll als Freizeit- und Urlaubslandschaft.
Zur Person
Dominik Durner ist in einem Ort bei Augsburg aufgewachsen. Am DLR in Mußbach war er zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Seit 2011 ist er Professor für Oenologie am Weincampus Neustadt.
Die Serie
Sie stammen nicht von hier und haben doch in der Pfalz ein Stück Heimat gefunden. In unserer Serie „Wahlpfälzer“ erzählen Zugezogene, was sie in die Region geführt hat und was sie hier hält.


