Forst
Eine Niederländerin über die Pfalz: „Die Pfälzer sind schon sehr locker“
Frau Hagenaars, wenn auswärtige Frauen in die Pfalz kommen, war es oft „der Liebe wegen“, so liest man. Das schmeichelt zwar den pfälzischen Männern, wirkt aber als Erklärungsgrund ein wenig eintönig. Haben Sie eine Abwechslung zu bieten?
Ein bisschen komplexer war es bei uns schon. (lacht) Mein Mann, Deutscher, und ich, Niederländerin – wir lernten uns Anfang der 90er-Jahre in Österreich beim Skifahren kennen. Er studierte in Mannheim, ich arbeitete in Arnheim als Tanzpädagogin. Dann verschaffte er mir an der Mannheimer Uni einen Workshop, bei dem ich Studierenden Flamenco beibringen konnte. Später bekam ich ein Angebot, in Neustadt in einer Ballettschule zu arbeiten. 1992 zogen wir zuerst nach Hambach, schließlich hierher nach Forst.
Und? Alles gut?
Ich hätte mir vor 1990 nie vorstellen können, mal in Deutschland zu leben oder zu arbeiten. Jetzt kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wieder zurückzugehen.
Da ist die Liebe zur Heimat aber in einem Höllentempo verflogen …
Nein, absolut nicht. Ich fahre nach wie vor sehr gerne dorthin und besuche meine Familie. Ich mag die kleinen Städte, die so gemütlich sind, mit ihrer Heimeligkeit, mit den kleinen Läden. Und ich finde es wunderbar, dass ein so kleines Land wie die Niederlande so viel für die Kultur tut. Es gibt da so viele Theater, auch wenn viele klein sind, und auch – mein Sujet – wirklich relativ viele gute Tanz- und Ballettgruppen. Wenn mich junge Leute in meiner Ballettschule in Haßloch fragen, wo man eine Ausbildung zum professionellen Tänzer machen könnte, empfehle ich durchaus niederländische Adressen.
Höre ich da heraus: Da könnten sich Deutschland und die Pfalz eine Scheibe abschneiden?
Vielleicht, allerdings bin ich keine Expertin für deutsche Kulturförderung. Manchmal geht es aber auch nur um Kleinigkeiten. In den Niederlanden stehen im Theaterfoyer in der ersten Pause Getränke auf dem Tisch – „fer umme“, wie man in der Pfalz sagt. Hab’ ich neulich wieder in Den Haag erlebt. Könnte man auch hierzulande so machen.
Aber ansonsten darf die Pfalz Ihren Schilderungen entnehmen, dass Sie nichts Fundamentales schmerzlich vermissen?
So ist es.
Auch nicht die legendäre niederländische Leichtigkeit und Lässigkeit?
Die Pfälzer sind schon sehr locker. Wobei man natürlich immer aufpassen muss bei Klischees. Niederländer sind auch nicht immer nur offen, liberal und lustig.
Gar nicht lustig ist es jedenfalls, wenn sie sich, wie 2023, eine rechtspopulistische Regierung wählen, mit dem Hardliner Geert Wilders als Strippenzieher …
Aber bei den Neuwahlen Ende Oktober haben die Linksliberalen die meisten Stimmen bekommen.
In der Pfalz ist die AfD sehr stark.
Das muss einem schon Sorgen machen. Wenn wir, mein Mann und ich, in einem Bundesland leben würden, in dem die AfD Chancen hat, die Regierung zu übernehmen, würden wir uns schon Gedanken über eine Ortsveränderung machen.
Haben Sie in den Niederlanden Ressentiments gegen Deutschland gespürt, wegen des Zweiten Weltkriegs?
Nein. Ich bin in Venlo aufgewachsen, das liegt ja ziemlich nah an der deutsch-niederländischen Grenze. Dass an Wochenenden die halbe Stadt mit Deutschen gefüllt war, die zum Einkaufen kamen, das fanden nicht immer alle prickelnd. Andererseits hat sich die Karnevalskultur in Venlo sehr eng an den rheinischen Karneval angelehnt, sogar mit gemeinsamen Liedern. Und mein Großvater, der zwei Weltkriege erlebte, hat nie Ressentiments gegen die Leute aus der Bundesrepublik erkennen lassen. Samstags abends hat er deutsches Fernsehen geschaut, vor allem die „Sportschau“.
Klingt fast nach Kitsch-Idylle.
So ist aber das Leben, sogar ziemlich oft. Ich find’ das gut.
Was wussten Sie konkret über die Pfalz, ehe Sie hierher kamen, zuerst nach Neustadt?
Nichts.
Und dann der erste Eindruck?
Wunderschön. Toll. Die Menschen freundlich und aufgeschlossen. Auch meine Geschwister haben das so empfunden, wenn sie mich besuchten, und das hat sich nicht geändert.
Der Dialekt?
Den hab’ ich sofort verstanden. Ich versuche aber nicht, ihn nachzuahmen. Das wäre albern.
Die Küche?
Sehr gut. Ich habe alle Klischees schon früh gekocht und mit Begeisterung gegessen. Unsere ersten Vermieter haben uns sofort überzeugend erklärt, dass Saumagen nicht der Magen der Sau ist.
Der Wein?
Ja gerne. Schorle nicht. Ich kenne niemanden in den Niederlanden, der Wein und Wasser zusammenschüttet.
Festivitäten?
Ja gerne. Aber wir haben nicht den Ehrgeiz, alle Märkte und Kerwen mitzunehmen. Ruhe ist manchmal auch wichtig. Und da ist es Gold wert, schnell im Pfälzer Wald oder in den Weinbergen zu sein.
Ihr Lieblingsort?
An der Madonnen-Statue in Forst.
Lieblingsveranstaltung?
Lagenkostbar in Forst. Und die Forster Kerwe – klein aber fein.
Zur Person
Maricel Hagenaars ist 1964 in Venlo geboren und wuchs dort auf. Sie studierte 1982 bis 1986 an der Hochschule „Academy of Theatre & Dance“ im niederländischen Arnheim mit dem Abschluss Diplom Tanzpädagogin. Danach arbeitete sie in Arnheim als Ballettlehrerin. 1992 kam sie nach Neustadt und unterrichtete in einer Ballettschule. 1995 eröffnete sie in Haßloch eine eigene Ballettschule. Seit 2000 lebt sie mit ihrem Mann in Forst. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder.
Die Serie
Sie stammen nicht von hier und haben doch in der Pfalz ein Stück Heimat gefunden. In unserer Serie „Wahlpfälzer“ erzählen Zugezogene, was sie in die Region geführt hat und was sie hier hält.


