Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Theorie hinter Gittern, Praxis draußen: Die Fahrschule im Gefängnis

Das Fahrschulauto der JVA: Ein unauffälliger Opel Kombi.
Das Fahrschulauto der JVA: Ein unauffälliger Opel Kombi.

In der JVA können Insassen während ihrer Haftzeit den Führerschein machen. Wie die Fahrstunden und Prüfungen ablaufen.

Bevor Fahrlehrer Daniel Riegel die Fahrschule betritt, muss er durch eine Sicherheitsschleuse zwischen den meterhohen Gefängnismauern in Zweibrücken. Sein Handy schließt er in einem Fach weg. Dann läuft er quer durch die Anstalt, durch die Gänge, vorbei an Räumen mit Gittern, immer wieder schließt er schwere Stahltüren auf. Schließlich ist er an seinem Fahrschulzimmer angekommen. Ein Raum wie in einer typischen Fahrschule. Stühle mit ausklappbarer Schreibunterlage stehen in Reihen vor einem Pult. Neben dem Pult steht eine große Tafel, auf der Straßenlinien gemalt sind, darauf Magnete in verschiedenen Autoformen. Hier gibt er zweimal pro Woche Theorieunterricht für seine Fahrschüler. Bis zu 15 Insassen der JVA sitzen dann auf den Stühlen.

„Der Theorieunterricht ist abends, weil alle hier tagsüber arbeiten oder eine Ausbildung machen“, erklärt der 42-Jährige aus Ruppertsweiler. „Für viele ist das ein kleiner Höhepunkt in der Woche. Das bedeutet ja auch Abwechslung für sie“, sagt Riegel. Überhaupt den Führerschein im Gefängnis machen zu dürfen, sei für viele etwas ganz Besonderes. Dafür haben sie sich auf einen Aushang hin beworben. Der Vorstand des Vereins für Verkehrserziehung wählt dann geeignete Kandidaten aus.

Nicht jeder darf Führerschein machen

„Das Verhalten im Vollzug, zum Beispiel, ob sie sich benehmen, ist ein Kriterium“, erklärt Riegel, der seit 2017 im Gefängnis tätig ist. Seit 2008 war er Fahrlehrer in Baden-Württemberg, ab 2015 war er bei Fahrschule Preiß in Pirmasens tätig. Zudem werde bei der Auswahl auch geschaut, ob Theorie- und Praxisunterricht in die Haftzeit der Bewerber passen. „Manche machen bei uns nur die Theorie, wenn sie danach entlassen werden. Sie können bei externen Fahrschulen weiter machen. Die Theorieausbildung ist zwei Jahre gültig.“

Drei Monate lang dauert der Theorieteil im Gefängnis, inklusive Sehtest und Erste-Hilfe-Kurs. Dann pausiert der Führerscheinkurs drei Monate lang. In dieser Zeit ist Riegel nicht als Fahrlehrer, sondern als JVA-Mitarbeiter tätig. Danach ist er wieder für drei Monate Fahrlehrer und es geht für die Fahrschüler, die nicht entlassen wurden, mit Fahrstunden weiter. Parallel dazu starten die nächsten Führerschein-Anwärter abends mit den Theoriestunden. Für viele sei die Praxis einfacher, berichtet der Fahrlehrer.

Aufregung und Prüfungsangst

Hinzukomme, dass die Theorieprüfung für manche Gefangenen die erste Prüfung sei, die sie – manche ohne Schulabschluss – überhaupt in ihrem Leben ablegen müssten. Dementsprechend seien sie sehr aufgeregt, hätten Prüfungsangst.

In dieser Situation sind sie auf sich allein gestellt. Denn die Prüfung legen sie zusammen mit Fahrschülern aus den umliegenden Fahrschulen beim TÜV in Pirmasens ab. Riegel muss dabei mit den anderen Fahrlehrern vor der Tür warten. Dass sie aus dem Gefängnis kommen, sieht man beim TÜV weder Riegel noch seinen Fahrschülern an. Sie tragen Zivilkleidung. Das Fahrschulauto der JVA, mit dem Riegel beim TÜV vorfährt: Ein unauffälliger grauer Opel Kombi ohne Beschriftung mit einem Fahrschulschild auf dem Dach.

Gefangene brauchen Lockerungen

„Ich bringe niemanden in Handschellen zu einer Prüfung. Auch, um Brandmarkung zu vermeiden“, sagt Riegel klipp und klar. Denn die Gefangenen haben Vollzugslockerungen. Das heißt: Sie dürfen die Anstalt in Begleitung eines Beamten verlassen – ohne Handschellen. Deshalb hat Riegel auch keine Bedenken, wenn seine Schüler mit anderen allein im Prüfungsraum sind. „Wer solche Lockerungen hat, ist entsprechend geprüft.“ Bei diesen Prüfungen werde auch untersucht, ob Fluchtgefahr besteht oder Missbrauchsgefahr– sprich: Gefahr einer Straftat.

Diese Lockerungen seien auch Voraussetzung für die Fahrstunden im öffentlichen Verkehr. Was das Können angeht, seien seine Schüler sehr unterschiedlich: „Manche hatten vor dem Gefängnis schon einen Führerschein. Haben ihn abgenommen bekommen. Bei denen muss man nur Kleinigkeiten korrigieren. Andere brauchen mehr Unterstützung, weil sie noch nie gefahren sind.“

Führerschein ab 750 Euro

Die praktische Prüfung dauere genauso lang wie bei allen Fahrschülern. Die Prüfer seien bei Häftlingen nicht strenger oder lockerer. Sie hätten keine Berührungsängste gegenüber Gefängnisinsassen, im Gegenteil: „Die sind manchmal sogar neugierig und fragen den Fahrschüler, warum er im Gefängnis ist“, erzählt Riegel, der nebenbei auch bei der Pirmasenser Fahrschule Busse Fahrstunden gibt.

Die Fahrschüler im Gefängnis finanzieren sich ihren Führerschein selbst. Dementsprechend sei der Preis an den Arbeitslohn der Insassen angepasst. Der Ausbildungsumfang – Theorie- und Praxisstunden – ist laut Riegel derselbe wie „draußen“. Für die Theoriestunden inklusive Lernmaterial werden 150 Euro fällig, für die Praxis 600 Euro für das Mindestmaß an Fahrstunden. Zusammen also 750 Euro aufwärts. Der Monatslohn eines Insassen liege bei 200 bis 300 Euro.

Hat ein Gefangener nach der bestandenen Fahrprüfung seinen Führerschein in der Tasche, ist das oft ein sehr emotionaler Moment. „Das ist eines der größten Erfolgserlebnisse in ihrem Leben für sie. Sowas hatten sie vorher noch nie. Die sind da richtig stolz drauf“, berichtet Riegel. Und das bleibt manchen Fahrschülern ein Leben lang in Erinnerung. „Ein ehemaliger Fahrschüler im Gefängnis hat mittlerweile einen Job, bei dem er viel fährt. Der schickt mir jedes Jahr eine Mail und hält mich auf dem Laufenden.“

Für die Theoriestunden hat die JVA Zweibrücken einen eigenen Fahrschulraum.
Für die Theoriestunden hat die JVA Zweibrücken einen eigenen Fahrschulraum.
Gefangene können während ihrer Haftzeit im Gefängnis bei Fahrlehrer Daniel Riegel ihren Führerschein machen.
Gefangene können während ihrer Haftzeit im Gefängnis bei Fahrlehrer Daniel Riegel ihren Führerschein machen.
"Ich fahre niemand in Handschellen zur Prüfung", sagt Fahrlehrer Daniel Riegel.
»Ich fahre niemand in Handschellen zur Prüfung«, sagt Fahrlehrer Daniel Riegel.
Fahrlehrer Daniel Riegel aus Ruppertsweiler ist seit neun Jahren im Gefängnis in Zweibrücken tätig.
Fahrlehrer Daniel Riegel aus Ruppertsweiler ist seit neun Jahren im Gefängnis in Zweibrücken tätig.
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