Neustadt
Mayschoß sagt: Danke, Neustadt!
Schöner hätte der Empfang am Ziel Deutzerhof nicht sein können: Als die Wandergruppe in Feuerwehruniform am Samstag in Sicht kommt, ist es kurz vor 16.30 Uhr. Gut 100 Kameraden aus Neustadt und viele weitere aus Mayschoß stellen sich links und rechts der Straße auf. Die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge werden eingeschaltet, aus zwei Strahlrohren schießt Wasser in den blauen Himmel. Dominik Loesch, Felix Rusche, Sascha Köppler, Nermin Canetovic und Felix Flick vom Technischen Hilfswerk sind überglücklich. Die Strapazen der vergangenen Tage stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.
Felix Rusche geht an Krücken. Er ist erst seit den letzten paar Kilometern ab dem Nachbarort Dernau wieder dabei. Wegen einer Knochenhautentzündung am Schienbein musste er während der Etappe Bingen–St. Goar aussteigen. Dafür ist Nermin Canetovic an Bord, der Vater dieses ganz besonderen Spendenlaufs. Ihn wiederum hatte Corona daran gehindert, von Beginn an mitzumarschieren.
Einfach unbezahlbar
Hartwig Baltes, Ortsbeigeordneter von Mayschoß, bringt es später auf den Punkt: Die großartige Leistung der Feuerwehrleute bestehe nicht allein darin, auf 290 Kilometern von Neustadt nach Mayschoß weitere Spenden gesammelt zu haben. Unbezahlbar sei das Medieninteresse, das damit neu geweckt worden sei. Neun Monate nach der Flut sei das Schicksal der Menschen an der Ahr angesichts neuer Katastrophen nicht mehr so präsent.
„Die schlimmste Etappe war jene nach St. Goar“, erzählt Dominik Loesch. Da sei er nahe daran gewesen, auszusteigen. Auf den letzten 27 Kilometern von Sinzig nach Mayschoß tat ihnen alles weh, da habe auch das harte Training vorab nichts geholfen. Die Feuerwehr-Wanderer waren in voller Montur unterwegs, auf dem Rücken leere Sauerstoffflaschen, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. „Gefühlt 50 Grad heiß war es unter der Jacke“, berichtet Loesch von den Auswirkungen des dauerhaft guten Wetters während des Laufs. „Zwischen drei und fünf Grad Außentemperatur“ wären optimal gewesen.
Begehrtes Fotomotiv
Doch an diesem Samstagnachmittag sind die Strapazen bald vergessen, obwohl die Wanderer zunächst die Uniform an- und die Flaschen aufbehalten. Erst müssen zig Fotowünsche erfüllt werden. Dafür später alles noch einmal anzuziehen – das würden die erschöpften Feuerwehrleute nicht schaffen.
Das Ende des Spendenlaufs ist auch ein Abschluss der offiziellen Neustadt-Hilfe für Mayschoß. Am Abend werden die Feuerwehren noch gemeinsam feiern, jetzt aber ist die Spendenübergabe angesagt. Oberbürgermeister Marc Weigel hat den symbolischen Spendenscheck handschriftlich von 237.000 auf 250.000 Euro nach oben gerundet. Viele Neustadter Bürger, Vereine, Organisationen und auch Menschen aus dem Umland haben diese Summe ermöglicht. Das i-Tüpfelchen setzten Feuerwehr und Stadt. Ein i-Tüpfelchen, das Baltes als ein „unglaubliches Zeichen der Verbundenheit“ mit Mayschoß ab Tag eins nach der Flut wertet. „Allein hätten wir das nie geschafft“, sagt er auch mit Blick auf die Hilfe des THW, der Notfallseelsorge und des DRK aus Neustadt.
Hälfte für Härtefälle
Die Hälfte des Geldes kommt nun Mayschoßern zugute, die alles verloren haben, die Leistungen von Staat und/oder Versicherung aber nicht ausreichen. Die andere Hälfte wird voraussichtlich für ein Projekt verwendet, das die Zukunft sichern soll: eine Spiel- und Freizeitanlage für Kinder, Jugendliche und Familien am anderen Ahr-Ufer – dort, wo früher der Fußballplatz war. Damit verbunden wird die dauerhafte Erinnerung an die Hilfe aus der Pfalz.
Hilfe, vor allem unbürokratische, verspricht sich Mayschoß natürlich auch vom Land. Und so nutzt der Ortsbeigeordnete die Spendenübergabe, um Randolf Stich (SPD) über ein besonderes Problem aufzuklären. Stich stammt aus Neustadt, ist als Innenstaatssekretär für die Feuerwehr zuständig und wollte die kleine Feierstunde nicht verpassen.
„Wir wollen die Chance nutzen, Dinge neu aufzubauen und dabei besser zu machen“, sagt Baltes auf dem Dorfplatz bei einem kleinen Rundgang vorab.
Nicht für lange
Der Platz soll anders gestaltet werden, zumal einige Gebäude rundum der Flut zum Opfer gefallen sind und nicht mehr aufgebaut werden dürfen. Dazu gehört auch ein Haus, das noch in Privatbesitz ist, also aufgekauft werden müsste. Dabei erwartet sich Mayschoß mehr Unterstützung vom Land, will keinesfalls Spendengelder einsetzen. Stich zeigt Verständnis, verweist aber auf die Zuständigkeit der Kreisverwaltung. Immerhin kennt er das Problem jetzt, das nur eines von vielen im Kampf mit der Bürokratie ist, wie es die Mayschoßer beschreiben.
Ein Abschied für lange soll es an diesem Wochenende aber nicht sein. Der Mayschoßer Krisenstab, fast schon berühmt für seine gute Arbeit, wird vom Neustadter Feuerwehrchef Stefan Klein zu einem „Erholungstag“ im Juli in Neustadt eingeladen. Und dass eine Abordnung zum Winzerfestumzug kommt, dürfte gesetzt sein.