Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Zum Ende der OB-Ära Steinruck: Eine Frau mit Ecken und Kanten, so mutig wie unberechenbar

Jutta Steinruck: Nachdenklich auf dem Dach des inzwischen weitgehend abgerissenen Rathauses.
Jutta Steinruck: Nachdenklich auf dem Dach des inzwischen weitgehend abgerissenen Rathauses.

In Ludwigshafen war sie acht Jahre lang als Krisenmanagerin gefragt. Bald endet die Oberbürgermeister-Ära Jutta Steinruck. Das Porträt einer Frau, die Spuren hinterlässt.

Jutta Steinruck ist eine Vollblut-Politikerin, die einerseits bodenständig und erfrischend unkompliziert ist. Die charmant, eloquent, witzig und empathisch sein kann. Die aber auch polarisiert, provoziert, poltert, zu Jähzorn neigt, Fehler ungern verzeiht, Kritik häufig (zu) persönlich nimmt, im Zweifel mit dem Kopf durch die Wand will, selten den bequemen Weg wählt – und daran wächst wie scheitert.

Acht Jahre lang hat sie ihre Heimatstadt durch einen Ausnahmezustand nach dem anderen gesteuert, mal mehr, mal weniger souverän: einsturzgefährdete Hochstraßen, Corona-Pandemie, den Flüchtlingsstrom vor der Brust, die Finanzaufsicht im Nacken – und zuletzt, sozusagen als das nervige i-Tüpfelchen, das den Krisenkreis schließt: der Hackerangriff auf die Stadtverwaltung.

Sie hat geliefert, oft mit Tempo, manchmal allein, fast immer unter Druck. Das sind ihre Stärken: Tatkraft, Präsenz, Nahbarkeit, Mut zum Unpopulären. Sie hat Finanzierungen gesichert, Bürgerbeteiligungen forciert, Digitalstrukturen neu aufgesetzt, mit der Gründung einer Bauprojektgesellschaft die großen Infrastrukturprojekte professionell in Form gegossen, Vorhaben wie die Helmut-Kohl-Allee, das flankierende Stadtquartier „City West“ und die Rathauslösung aus der Sackgasse sowie einen neuen Großinvestor an Land gezogen.

Mumm und Charakter

Wer sie erlebt, erlebt eine Frau mit Mumm und Charakter, die Klartext spricht, Krisen nicht verwaltet, sondern anpackt. Da ist viel Adrenalin, manchmal zu viel. Und eine Menge Wucht, Ego-Trip und Ehrgeiz. Der richtige Mix schafft Balance und Stabilität, wirft einen aber auch schon mal aus der Bahn, wenn man beratungsresistent ist. Und lieber dirigiert statt delegiert. Eine One-Woman-Show macht auch einsam. Den Teamgeist befeuert sie jedenfalls nicht.

15. Dezember: Bei ihrer letzten Stadtratssitzung schlug Jutta Steinruck versöhnliche Töne an. Künftig will sie sich intensiv um
15. Dezember: Bei ihrer letzten Stadtratssitzung schlug Jutta Steinruck versöhnliche Töne an. Künftig will sie sich intensiv um ihre pflegebedürftige Mutter kümmern.
Im RHEINPFALZ-Interview beim ersten Wahlgang der OB-Wahl am 21. September.
Im RHEINPFALZ-Interview beim ersten Wahlgang der OB-Wahl am 21. September.
Im Stadtrat gab Steinruck meistens den Ton an.
Im Stadtrat gab Steinruck meistens den Ton an.
Beim Hafenfest im Stadtteil Süd mit Ortsvorsteher Christoph Heller (CDU).
Beim Hafenfest im Stadtteil Süd mit Ortsvorsteher Christoph Heller (CDU).
Mit Bauhelm beim Richtfest an der neuen Hochstraße Süd.
Mit Bauhelm beim Richtfest an der neuen Hochstraße Süd.
In ihrem Büro.
In ihrem Büro.
Beim Neujahrsempfang.
Beim Neujahrsempfang.
Mit Nachfolger Klaus Blettner nach dessen Wahlsieg.
Mit Nachfolger Klaus Blettner nach dessen Wahlsieg.
Mit Ministerpräsident Alexander Schweitzer bei einer SPD-Veranstaltung im »Freischwimmer«.
Mit Ministerpräsident Alexander Schweitzer bei einer SPD-Veranstaltung im „Freischwimmer“.
Mit Ankerkette: Steinruck bei ihrem Abschied im Pfalzbau-Foyer am 16. Dezember.
Mit Ankerkette: Steinruck bei ihrem Abschied im Pfalzbau-Foyer am 16. Dezember.
Ihren Nachfolger Klaus Blettner begrüßte Jutta Steinruck bei ihrem Abschied sehr herzlich.
Ihren Nachfolger Klaus Blettner begrüßte Jutta Steinruck bei ihrem Abschied sehr herzlich.
Jutta Steinruck mit dem Team der Bauprojektgesellschaft beim Abschied auf der Bühne des Pfalzbau-Foyers.
Jutta Steinruck mit dem Team der Bauprojektgesellschaft beim Abschied auf der Bühne des Pfalzbau-Foyers.

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Steinrucks Energie ist eben Kante – und Kante trennt. Ihre Emotionalität, die sie selbst als Ehrlichkeit verbucht, ist Motor und Bremse zugleich. Aus Wutreden werden Schneisen, aus Bauchentscheidungen Brüche. Das Bild der beherzten Krisenmanagerin steht neben dem Eindruck der unberechenbaren Alleingängerin. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie – so beschreiben es selbst Weggefährten, die es gut mit „der Jutta“ meinen.

Vertrauen im Stadtvorstand? Bröselig. Linie? Oft überdeckt vom Affekt. Für diese Führung aus der Hüfte hat sie Rückhalt eingebüßt – in der SPD, in Teilen der Verwaltung, in der Stadtgesellschaft. „Bunt, lebendig, manchmal auch ungepflegt und rau“ – so beschreibt Steinruck ihr Ludwigshafen. Immer im Wandel. Ein nicht enden wollender Transformationsprozess im Abrissmodus. Schutt happens in der 180.000-Einwohner-Stadt. Überall Bagger, überall Umleitungen. Das Zentrum: verstopft und verdreckt.

Drohungen zermürben

Politisch ist Steinruck bundesweit zur Lautsprecherin der kommunalen Not aufgestiegen. Unterfinanzierung, Pflichtaufgaben, Kahlschlag: Sie hat die Botschaft in alle großen Medien getragen, hat mit dem SPD-Austritt das Thema zugespitzt und den Rechtsstaat gegen den Rechtsruck in ihrer Stadt robust verteidigt. Das war couragiert, klar in der Haltung – blieb aber nicht folgenlos. Brücken nach Mainz und Berlin wurden instabiler, die Distanzen eher größer. Der Ausschluss des AfD-Kandidaten Joachim Paul bei der OB-Wahl signalisiert demokratische Entschlossenheit, ihre Tonlage zeigt, wie dünn die Luft wurde. Morddrohungen zeugen davon, wie extrem und eisig zugleich das politische Klima mittlerweile ist. Insbesondere in sozialen Netzwerken. Das zermürbt.

Steinrucks Bilanz weist Licht und Schatten auf. Gerade bei Großprojekten, zum Beispiel im Verkehr, steht sie stark und resolut da, bei Sauberkeit, Sicherheit und Bildung eher schwach. Die Vermüllung der Innenstadt wurde nicht gestoppt, Tausende Kita-Plätze fehlen, der Sanierungsstau an Schulen ist immens. Gleichzeitig gilt: Vieles hat sie geerbt – marode Trassen, Schulden, das Berliner-Platz-Bauloch – und unter widrigen Rahmenbedingungen gemanagt. Der Fleiß ist unbestritten, das Ergebnis nicht makellos.

Ochsentour nach oben

Nach dem Abitur studiert Steinruck BWL an der Berufsakademie Mannheim und macht dort 1987 ihren Abschluss. Nach ersten Berufsstationen ist sie ab 1991 Personalreferentin bei Bilfinger Berger und danach Prokuristin der Personalberatung. Von September 2004 bis 2011 ist sie Vorsitzende der Region Vorder- und Südpfalz des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Es ist eher die Ochsentour hinauf in die OB-Verantwortung.

27 Jahre in der SPD, Mitglied des Stadtrats, des Landtags und des Europaparlaments: Steinruck kennt das politische Geschäft aus dem Effeff. Sie versteckt sich auch dann nicht, wenn es stürmt. Sie hat Rückgrat und Reichweite, Eigensinn und Ecken. Ihre Authentizität macht sie menschlich, ihre Impulsivität macht sie angreifbar.

Zwischen mutig und unberechenbar schwingt das Jutta-Pendel. Das hat Sprengkraft und wirkt manchmal wie ein Brandbeschleuniger. Ihr Abschied ist kein Stillstand: Er ist ein Statement über die Grenzen kommunaler Politik, über die Müdigkeit im Krisenmodus und über den Preis, den klare Kante kostet.

Rückkehr zur SPD

Steinruck – geschieden, ein erwachsener Sohn – hat Ludwigshafen und sich nicht geschont, sondern gefordert. Eine Macherin mit Macken. Eine Kämpferin, die Spuren hinterlässt – im Asphalt der Allee, im Rampenlicht der TV-Talker, im Gedächtnis einer Stadt, die sie zugleich aufgerüttelt und aufgerieben hat. Wie sich selbst.

Am Ende, mit 63, fehlt der Diplom-Betriebswirtin die Kraft für eine zweite Amtszeit. Sie hat sich verausgabt und bisweilen rote Linien der Belastbarkeit überschritten – zulasten von Gesundheit, Gelassenheit und der Atmosphäre in der Verwaltung.

„Ich freue mich darauf, wieder mehr als Mensch wahrgenommen zu werden, mich ins Privatleben zurückzuziehen, einfach wieder Jutta sein zu können“, sagt sie. Klingt nach: raus aus der Tretmühle. Ihre Rückkehr zur SPD hat sich angedeutet. „Sozialdemokrat oder Soziademokratin bleibt man wegen der Grundüberzeugung – mit oder ohne Parteibuch.“ Seit Sonntag ist sie es wieder mit Parteibuch.

Bei ihrer letzten Stadtratssitzung Mitte Dezember und dem offiziellen Abschied tags drauf im Pfalzbau schlägt sie versöhnliche Töne an, appelliert ans Miteinander und den Zusammenhalt in der Stadt, wirkt mit sich im Reinen. „Ludwigshafen verlangt einem viel ab, gibt einem aber auch viel zurück“, sagt sie. Ihrem Nachfolger Klaus Blettner (58, CDU) rät sie: „Geh’ deinen eigenen Weg.“

Der BWL-Professor übernimmt von Steinruck manche erledigte, aber auch sehr, sehr viele offene Baustellen, also kein Proseminar vor ein paar Studenten, sondern eine Herkulesaufgabe in der größten Stadt der Pfalz. Aufs Wesentliche reduziert, sollte er sie am besten so angehen: weniger Säbel als Steinruck, mehr Florett, besser verbinden, ohne Tempo zu verlieren.

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