Ludwigshafen
Wohnungsbaugesellschaft GAG schüttet erstmals Dividende aus
„Mitte 2021 hätte ich nicht geglaubt, dass wir derart gut durch diese Zeiten kommen.“ Wer den in aller Regel bedächtig auftretenden Vorstand der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GAG, Wolfgang van Vliet, kennt, weiß, dass ein solcher Satz aus seinem Mund an Euphorie grenzt. Formuliert hat der 65-Jährige ihn zu Beginn seines Jahresberichts an die Aktionäre und den Aufsichtsrat am Mittwoch im Turmrestaurant im Ebertpark. Van Vliet, Chef von rund 200 Beschäftigten, konnte nicht nur mit schwarzen Zahlen aufwarten, sondern auch mit der Ankündigung einer Dividendenzahlung. „Nicht alle städtischen Töchter machen mir so viel Freude“, bedankte sich Oberbürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende Jutta Steinruck (SPD).
Erstmals in der über 100-jährigen Unternehmensgeschichte fließt der Gewinn nicht in die Rücklagen, sondern geht an die Aktionäre. Mit 66 beziehungsweise 33 Prozent sind das im Wesentlichen die Stadt sowie die BASF Wohnen + Bauen GmbH. Die restlichen Anteile halten zehn Unternehmen und Banken, die in Ludwigshafen vertreten sind. Zur Begründung für die Ausschüttung führte OB Steinruck die Haushaltssituation der Stadt an.
12.900 Wohnungen im Bestand
Mit 2,9 Millionen Euro lag der Jahresüberschuss der GAG um 900.000 Euro über dem Vorjahr. Zum Ende des ersten Halbjahrs hatte sie fast 12.900 Wohnungen im Bestand, fast 70 mehr als zwölf Monate zuvor. Am Freitag sollen in der Adolf-Diesterweg-Straße (Oggersheim) 84 Wohnungen übergeben werden, in deren Bau die GAG 23,5 Millionen Euro investiert hat. Der frei finanzierte Wohn- und Bürokomplex in der Bismarckstraße (Bürgerhof-Entrée, Mitte) soll Ende des Jahres bezugsfertig sein, die Gerüste sind mittlerweile abgebaut. In der Wachtenburgstraße (Mundenheim) entstehen 88 Wohnungen. Rasche Fortschritte machen die beiden Häuser am Erfurter Ring in Ruchheim, wo bis Ende 2024 146 Wohnungen, teils barrierefrei, errichtet sein sollen.
Auf absehbare Zeit folgt darauf kein weiteres GAG-Richtfest. Zur Begründung führte van Vliet die anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an. Weder Generalunternehmer noch Banken würden sich auf akzeptable und verbindliche Konditionen einlassen. Die Nachfrage nach Wohnraum sei ebenso vorhanden wie Fläche, erklärte der GAG-Sprecher im Gespräch mit der RHEINPFALZ. „Wir stehen Gewehr bei Fuß“, sagte van Vliet mit Blick auf die Neuwiesenstraße in Friesenheim oder die Semmelweisstraße in Oggersheim. In der Projektphase findet sich das Kopernikusquartier in Friesenheim und ein Quartier östlich der Eichenstraße in der Gartenstadt.
Modernisierungen vorantreiben
Dass er den Gewinn aus 2022 an die Aktionäre abtreten muss und nicht vorhalten oder zur Tilgung nutzen kann, kann van Vliet verschmerzen. „Das würgt keine Prozesse ab, das verlangsamt sie allenfalls.“ Zu den laufenden Projekten gehören Modernisierungen im Bestand, etwa im „Finkennest“ in Friesenheim oder im Norden Oppaus, wo für 8,8 Millionen Euro 56 Wohnungen aufgefrischt werden. Elemente wie vorgestellte Balkone verbesserten die Wohnqualität spürbar. Zu den langfristigen Verpflichtungen des Vermieters zählt überdies der klimaneutrale Umbau des Gebäudebestands bis 2045, der „erhebliche Investitionen“ erfordert.
Das Gros der GAG-Wohnungen wird öffentlich gefördert, firmierte also früher unter der Bezeichnung „Sozialwohnung“. Die durchschnittliche Kaltmiete liegt bei 6,14 Euro pro Quadratmeter. Im Mietspiegel der Stadt wird dieser Durchschnittswert mit 7,60 Euro angegeben.
Den neuen GAG-Aufsichtsrat bilden Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck, BASF Wohnen + Bauen-Geschäftsführerin Johanna Coleman, Susanne Griffiths (Abbvie), die Stadtratsmitglieder David Guthier (SPD), Peter Uebel (CDU), Liborio Ciccarello (Die Linke) sowie für die Arbeitnehmerseite Antonella Perna, Monica Fieger und Jan Weingarte.
Kommentar: Arbeitsaufträge zur Genüge
Gute Nachrichten aus der und für die heimische Wirtschaft: Die GAG steht so gut da wie lange nicht.
So macht eine Bilanz Freude: ein Jahresbericht des Vorstands gespickt mit guten Zahlen und beruhigenden Prognosen, eine satte Dividende an die Aktionäre (allen voran die Stadt) und keine einzige Nachfrage aus deren Kreis. Keine Stunde dauerte die GAG-Hauptversammlung, die Hälfte ging für Formalitäten drauf. Selbst kalkulatorische Unsicherheiten bei vorstellbaren Neubauprojekten bremst das Wohnungsbauunternehmen nicht aus. Da konzentriert es sich eben auf die Modernisierung des üppigen Bestands. Auch das verschafft dem regionalen Handwerk Aufträge. Wenn es denn genug Kräfte hat, um diese abzuarbeiten.