Ludwigshafen
Ein Motor der Stadtentwicklung: Die GAG feiert 100. Geburtstag
So viel hatte die GAG für das Jubiläumsjahr geplant: Ausstellungen, Mieterfeste, Sommer im Park, ein Festakt zum Geburtstag am 18. Juni. Und noch vieles mehr. „Wegen der Corona-Pandemie mussten wir alles absagen“, bedauert GAG-Vorstand Wolfgang van Vliet. Umso mehr freut es ihn, dass jetzt ein Film „100 Jahre GAG“ und eine Festschrift zum Jubiläum mit dem Titel „Wohnen und Leben in Ludwigshafen von 1920 bis 2020“ erschienen sind. Neben zahlreichen historischen Bildern enthält sie Fotografien des Ludwigshafener Künstlers Günther Wilhelms. „Seine Fotos spiegeln den besonderen Charakter der Gebäude wieder“, sagt van Vliet.
Heike Sugge und Tobias Löchner von der GAG erarbeiteten zusammen mit dem stellvertretenden Leiter des Stadtarchivs, Klaus J. Becker, die über 200 Seiten starke Dokumentation. Sie zeigt die Entwicklung der GAG vom Wohnungsversorger zum Immobilien-Dienstleister. Heute verfügt die kommunale Wohnungsbaugesellschaft über 12.800 Wohnungen in allen Stadtteilen. Jeder sechste Ludwigshafener wohnt bei der GAG.
Gartenstadt als Keimzelle
Die 100-jährige Geschichte der GAG begann 1919 in der Gartenstadt. Dort entstand nach Ende des Ersten Weltkriegs auf der Fläche zwischen der Maudacher und Königsbacher Straße sowie der Hochfeld- und Leistadter Straße die Heimstättensiedlung, eine zweigeschossige Siedlung mit dem Roten und Grünen Hof als Mittelpunkt. „Das war die Keimzelle“, sagt Wolfgang van Vliet.
In Ludwigshafen herrschte damals eine große Wohnungsnot, und die Stadt, die BASF Wohnen und Bauen sowie lokale Unternehmen wie die Raschig GmbH, die Pfalzwerke, BK Giulini, Saint-Gobain Isover G+H beschlossen die Gründung einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. So entstand die GAG. Sie erhielt die Form einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft.
Klarer Auftrag an die GAG
Die Aktionärsstruktur hat sich kaum geändert: Auch 100 Jahre später hält die Stadt Ludwigshafen mit 66 Prozent zwei Drittel und damit die Mehrheit der Aktien, gefolgt von der BASF Wohnen und Bauen mit 30 Prozent. Die restlichen vier Prozent teilen sich verschiedene Ludwigshafener Unternehmen und zwei Banken.
Der „ausschließliche Gesellschaftszweck“, so hieß es in der Satzung des neugegründeten Unternehmens, war, „der minderbemittelten Bevölkerung gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen billig und preiswert zu verschaffen“. Eine Leitlinie, der das Unternehmen bis heute treu geblieben ist. Zwar bietet die GAG 100 Jahre später Wohnraum in allen Preissegmenten an, doch liegt ihr Schwerpunkt noch immer auf dem sozialen Wohnungsbau und der Bereitstellung von preiswertem Wohnraum. Die Durchschnittsmiete beträgt 5,71 Euro pro Quadratmeter, und bei 30 Prozent der Wohnungen handelt es sich um öffentlich geförderten Wohnraum.
Ein Stadtteil entsteht
Wie die gesunden und zweckmäßig eingerichteten Wohnungen nun genau aussahen, dokumentiert die Festschrift. Zahlreiche Fotos gewähren Einblicke in das „Innenleben“ von frühen Großsiedlungen wie zum Beispiel der Ebertsiedlung mit über 500 Wohnungen oder der Westend-Siedlung mit 341 Wohnungen, aber auch von kleinteiligeren Siedlungen wie etwa dem Finkennest in Friesenheim. Gleichzeitig erbaute das Unternehmen einzelne Wohngebäude und schloss damit Baulücken wie am Schützenplatz in Süd. Auch das Verwaltungsgebäude der GAG am Bürgermeister-Krafft-Platz, 1930 eingeweiht, wurde in eigener Regie errichtet. Mit ihrer Bautätigkeit trug die GAG somit maßgeblich zur Stadtentwicklung bei.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die GAG angesichts der stark zerstörten Stadt erneut gefragt. Das städtische Wohnungsbauunternehmen errichtete bis 1971 insgesamt vier Großsiedlungen und acht neue Wohngebiete. Mit der Pfingstweide entstand in Zusammenarbeit mit der Wohnungsbaugesellschaft der BASF sogar ein ganzer Stadtteil neu. Der Entwurf der Trabantenstadt von Architekt Albert Speer galt als architektonisch und städtebaulich wegweisend. 1970 zählte der Wohnungsbestand über 11.000 Wohnungen. Seit damals sind in allen Stadtteilen Ludwigshafens GAG-Wohnungen zu finden.
„Gut aufgestellt“
Die von der GAG errichteten Gebäude sind jeweils Spiegelbilder ihrer Zeit – und waren so manches Mal sogar ihrer Zeit voraus. Wie etwa die Ebertsiedlung, die mit klaren Linien nicht nur äußerlich dem Zeitgeist der 1930er-Jahre entsprach, sondern auch im Inneren moderne Wohnungen mit eigenem Bad und Küchen mit Einbauschränken bot. Ein eigenes Fernheizwerk, die zentrale Waschküche und eine Rundfunk-Vermittlungsstelle waren für Mietwohnungen ebenso Neuland.
Manchmal sind auch pragmatische Ideen hilfreich, wie Wolfgang van Vliet aus erster Hand weiß, denn auch er hat schon einmal in einer GAG-Wohnung gelebt: Als er Ende der 1960er-Jahre nach Ludwigshafen kam, bezog die Familie eine GAG-Wohnung in der Kleestraße in Maudach „Die Zimmer waren schon fertig tapeziert“, erinnert er sich. Auch in Sachen Nachhaltigkeit hat die GAG die Nase oft vorn: 2003 baute sie ihr erstes Passivhaus, 2004 wurde in der Hoheloogstraße das erste Bestandsgebäude im Passivhausstandard modernisiert. Mittlerweile sind rund 30 Prozent der Wohnungen energetisch saniert. Im Jubiläumsjahr blickt van Vliet zufrieden auf ein „gut aufgestelltes Unternehmen“. Die Nachfrage nach Wohnungen ist sehr hoch. „Wir haben eine so niedrige Leerstandsquote wie noch nie in unserer Geschichte“, sagt er. Sie liegt bei 1,4 Prozent – bei einer steigenden Nachfrage in allen Preissegmenten. Und so ist eines auch für die Zukunft sicher: Die GAG wird weiter bauen. Aktuell entstehen zahlreiche Neubauten, es wird saniert oder nachverdichtet. Es gäbe also viele Spatenstiche und Richtfeste zu feiern – wenn sie nicht wegen der Corona-Pandemie ausfallen müssten.
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