Ludwigshafen
Wie Ludwigshafener im Erdbebengebiet helfen
Ibrahim Yetkin stecken die Eindrücke seiner Reise ins Erdbebenkatastrophengebiet noch in den Knochen. Ein junger Mann aus Islahiye in der Provinz Gaziantep hat ihm erzählt, dass seine Eltern unter den Trümmern eines Wohnhauses liegen. Es gab kein schweres Gerät, um die Verschütteten auszugraben. Er habe es mit bloßen Händen versucht. Vergeblich. Die Eltern sind tot. Eine andere ältere Frau aus Pazarczik konnte aus den Trümmern gerettet werden. Doch in den Folgetagen wollte sie nichts mehr essen oder trinken, weil es keine Toilette gab. „Viele Leute haben alles verloren und leben jetzt in einem Zelt. Viele sind traumatisiert“, berichtet Yetkin.
Der 61-Jährige gehört zum Vorstand des Freundeskreises Ludwigshafen-Gaziantep. Er war acht Tage vor Ort, um sich ein Bild von der Lage im Krisengebiet zu machen. Denn der Freundeskreis will gezielt Menschen in der Partnerstadt helfen. Yetkin hat familiäre Verbindungen in die türkische Millionenmetropole. Seine Schwiegereltern leben dort und auch seine ältere Schwester. „Meine Familie hatte Glück. Wir haben keine Toten oder Verletzte zu beklagen“, sagt Yetkin. Die Schwester sei nach dem Beben in Ankara bei Verwandten untergekommen. Die Schwiegereltern blieben in Gaziantep, mussten zwei Wochen im Freien leben und schliefen zeitweise in einem Lastwagen in einem Park. Mittlerweile sind sie in ihre Wohnung zurückgekehrt – auch wenn es im Haus Risse gibt. Die Statiker hätten gesagt, dass Haus sei noch bewohnbar.
Unterschiedlich betroffen
Gaziantep lag nicht im Epizentrum und sei sehr unterschiedlich von dem Beben getroffen worden. Manche Stadtteile seien verwüstet, andere weniger betroffen. Die Menschen, deren Häuser zerstört worden sind, lebten teils in Zelten oder Wohncontainern, berichtet Yetkin. Teils sei der Schutt weggeräumt worden, teils lägen die Trümmer von eingesackten Häusern noch herum. Viele Gebäude hätten Risse, müssten noch abgerissen werden. Die Erdstöße hätten elf Städte mit insgesamt 13 Millionen Einwohnern in der Türkei getroffen – und dann kämen noch die Schäden im benachbarten Syrien hinzu. „Das Ausmaß der Katastrophe ist unbeschreiblich groß. Es sieht dort aus wie in einem Kriegsgebiet“, sagt Yetkin, der sich in der ganzen Region umgesehen hat.
„Die Versorgungslage in Gaziantep ist weiter schwierig“, hat Yetkin erlebt. Lebensmittel seien knapp. Strom, Gas und Wasser stünden oft nur stundenweise zur Verfügung. In den vergangenen Wochen gab es Starkregen und Überschwemmungen. Nach Anfangsschwierigkeiten bekämen die Behörden die Lage wieder in den Griff. „In den Städten läuft es besser als auf dem Land“, hat Yetkin beobachtet. In Gaziantep gebe es für die Obdachlosen Zeltlager. Wohncontainer seien auch im Einsatz, aber das sei regelrecht „luxuriös“. Die Bevölkerung leide unter den Nachwirkungen des Bebens. „Die Leute sind fertig. Die Mehrzahl ist froh, dass sie noch lebt. Die Trauer um die Toten ist sehr groß, das ist kaum zum Aushalten“, beschreibt er die Eindrücke von den Gesprächen. Es gebe auch Wut und Diskussionen über Baugenehmigungen in einem Erdbebengebiet, die nicht hätten erteilt werden dürfen.
150.000 Euro Spenden
Yetkin hat sich umgeschaut, wo und wie die Erdbebenhilfe aus Ludwigshafen erfolgen soll. Die gespendeten Hilfsgüter – Lebensmittel und Bekleidung – seien nach Verzögerungen mittlerweile an Bedürftige verteilt worden. Die Feuerwehr Gaziantep half dabei. Auf dem Spendenkonto des Ludwigshafener Freundeskreises sind 150.000 Euro eingegangen. Knapp zwei Drittel der Summe wurde bereits für die Soforthilfe ausgegeben. Neben den beiden Hilfsgütercontainern sind vor Ort 800 Lebensmittelpakete gekauft und verteilt worden, berichtet Yetkin. Teils habe man den Leuten gegen eine Quittung auch Bargeld gegeben, denn es gebe Obdachlose, die völlig mittellos seien. Einst Wohlhabende seien nun auf Almosen angewiesen. Die Dankbarkeit für die Hilfe aus der Partnerstadt sei groß. „Das wird sehr positiv aufgenommen“, sagt Yetkin. Mit einem Teil der Spenden sei auch die Hilfsorganisation Medico International unterstützt worden, die in Syrien medizinische Hilfe leistet.
Der Ludwigshafener traf sich vor Ort mit Sahin Cetin, dem Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Gaziantep, und Vertretern eines Gewerkschaftsverbands, der mit Freiwilligen Hilfe vor Ort leistet. „Wir haben uns da angeschlossen, weil es direkt den Erdbebenopfern in Gaziantep hilft“, erläutert Yetkin. Die Lebensmittelspenden sollen weitergehen. Auch ein längerfristiges Projekt ist geplant: ein Container in einem Obdachlosenzeltlager, in dem eine psychologische Beratungsstelle untergebracht werden soll. Zielgruppe seien beispielsweise Kinder, die ihre Eltern durch das Beben verloren haben. Auch anderen traumatisierten Überlebenden soll das Angebot helfen, das noch in Abklärung mit den Behörden ist.
Schwieriger Übergang
Yetkin ist jetzt seit ein paar Tagen wieder zurück in Ludwigshafen, arbeitet wieder in seinem Job als Leiter des „Treff International“ im Hemshof, eine Kinder- und Jugendeinrichtung. Die Rückkehr in den Alltag fällt ihm nicht leicht. „Wer vor Ort im Katastrophengebiet war, hat schreckliche Dinge miterlebt“, sagt er. Auch ein Nachbeben der Stärke 5,3 bekam Yetkin in Gaziantep mit. „Ich saß in einer Kneipe und habe auf unsere Partner gewartet. Der Stuhl wackelte plötzlich so heftig, dass ich dachte, jemand stößt mich um. Alle sind nach draußen gerannt – ich auch“, erzählt er von dem Schrecken.
Die Betroffenheit in der türkischen Gemeinde in Ludwigshafen sei weiterhin groß. „Ich kenne eine Familie, die hat bei dem Erdbeben 18 Angehörige verloren“, sagt Yetkin. Er schätzt, dass in Ludwigshafen bis zu 4000 Menschen leben, die aus dem Erdbebengebiet stammen. Einigen sei es gelungen, Angehörige aus dem Krisengebiet hierher zu holen. Die Hilfsbereitschaft sei weiterhin groß und werde in Gaziantep benötigt. „Es wird Jahre dauern, bis die Lage dort für die Leute wieder normal wird.“
Noch Fragen?
Der Freundeskreis Ludwigshafen-Gaziantep bittet weiter um Geldspenden auf das vereinseigene Spendenkonto, Stichwort Erdbeben, Konto IBAN DE 67 5455 0010 0191 2849 34, bei der Sparkasse Vorderpfalz.
Zur Sache: Gaziantep
Die Stadt in Südostanatolien ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und liegt nahe der syrischen Grenze. Mit etwa 2,1 Mio. Einwohnern (Stand 2019) ist sie die sechstgrößte Stadt der Türkei. Das Gebiet war bereits in der Antike besiedelt. Seit 2012 gibt es eine Städtepartnerschaft mit Ludwigshafen, die in Folge der Brandkatastrophe am Danziger Platz entstand, bei der im Februar 2008 neun Menschen ums Leben kamen, die aus Gaziantep stammten. Bei dem Erdbeben am 6. Februar stürzten nach Medienberichten rund 1000 Gebäude in Gaziantep ein, über 1000 Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt. Oberbürgermeisterin ist seit 2014 Fatma Sahin (AKP).