Ludwigshafen „Es ist mein Schicksal“

Die Eheleute Cevdet und Seda Kaplan.
Die Eheleute Cevdet und Seda Kaplan.

Heute vor zehn Jahren ereignete sich in Ludwigshafen die schlimmste Brandkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Neun Menschen türkischer Herkunft starben, 60 wurden verletzt. Eines der Opfer ist Cevdet Kaplan. Sein Leben hat sich für immer verändert. Auch für Feuerwehrchef Stefan Bruck und Polizeivizepräsident Eberhard Weber ist der Tag unvergesslich.

Der Überlebende: Cevdet Kaplan

In der Wohnung von Cevdet Kaplan (37) im Hemshof dominieren die Farben Schwarz und Weiß. An der einen Wand hängen Fotos von Frauen und Kindern. Es sind seine Familienangehörigen, die vor zehn Jahren bei der Brandkatastrophe starben. Cevdet Kaplan hat damals seine Mutter (Medine, 48), seine Frau (Döne, 21) sowie die beiden Söhne Kamil (3) und Kenan (2) verloren. Auf einem der Bilder sind die beiden Söhne zu sehen. „Wir haben das Foto zwei Tage vor der Katastrophe machen lassen“, sagt er. Cevdet selbst ist seit dem Brand an den Rollstuhl gefesselt. Damals sprang er aus einem Fenster des brennenden Hauses und verletzte sich dabei am Rückenmark. In dem Sprungkissen der Feuerwehr sei nicht mehr genug Luft gewesen, weil kurz vorher drei andere Menschen gesprungen seien und die Luft entwichen gewesen sei. Seitdem ist Cevdet gelähmt. Die Ärzte haben ihm aber nicht alle Hoffnung genommen. „Vielleicht in einem, in fünf oder zehn Jahren kannst du laufen“, haben sie ihm gesagt. Er ist in Physiotherapie, nebenbei besucht er ein Fitnessstudio im Hemshof und übt sich im Gewichtheben. „Das tut mir gut“ sagt er. Cevdet ist wieder verheiratet, seine neue Frau heißt Seda (26). Die Ehe besteht seit 2011. Der 37-Jährige ist ein Mann, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hat. Wegen des Brandes hegt er niemandem gegenüber Groll. Sein Verhältnis zu anderen Menschen bezeichnet er als gut. „Ich habe deutsche, italienische, griechische Freunde. Wir kommen gut zurecht“, sagt er. Er hat ein Stück weit seinen Trost im Glauben gefunden. „Wenn es nicht passiert wäre ... Das gibt es bei uns nicht. Es ist Schicksal, mein Schicksal. Ich muss damit klarkommen“, sagt er. Das erste Jahr nach dem Brand sei sehr schlimm gewesen. Erst im zweiten Jahr habe er sich allmählich gefangen. Dabei haben ihm neben Bekannten auch Gespräche mit Imamen in Moscheen und mit einem Psychologen geholfen. In den ersten sechs Monaten nach der Katastrophe hatte er keinen Sinn darin gesehen, mit einem Psychologen zu sprechen. Doch dann habe er gemerkt, dass es ihm sehr half, über die Erlebnisse mit dem Therapeuten zu sprechen. In den ersten Jahren hat Cevdet immer wieder von den gestorbenen Familienmitgliedern geträumt. „Die Träume taten mir zuerst gut“, erzählt er. Er habe nicht unterscheiden können, ob alles echt oder eine Einbildung war. Doch durch die Träume trübte sich seine Stimmung. Seit einem Jahr träume er nicht mehr. Der 37-Jährige ist eigentlich gelernter Bäcker. Nach Deutschland kam er 1990. Er stammt aus Gaziantep, doch die Stadt sah er erst wieder nach dem Brand. Nach der Bäcker-Lehre fing er bei der BASF an. Dann passierte das Unglück. Auch danach wollte er arbeiten. „Ich war ein arbeitssüchtiger Mensch“, sagt er. Doch die Arbeitsagentur habe für ihn als Schwerbehinderten keine Jobs vermitteln können. 2009 habe er einen EDV-Kurs besucht, was ihm geholfen habe. Er sei abgelenkt gewesen. Seit zwei Jahren bekommt er Rente. Schmerzen habe er heute keine. „Die Tage sind voll gefüllt mit Therapie, Sport und Ähnlichem. Ich hoffe, dass ich eines Tages wieder laufen kann. Ich darf die Hoffnung nicht verlieren“, sagt er. Der Feuerwehrchef: Stefan Bruck „Es ging rasend schnell“, sagt der heutige Feuerwehrchef Stefan Bruck (50). Sieben Minuten nach dem ersten Notruf stand das Haus am Danziger Platz 32 vom Keller bis zum Dachstuhl in Flammen. 90 Sekunden nach dem Alarm waren die ersten Feuerwehrleute vor Ort, die vom Europaplatz kamen. Wegen des Fasnachtsumzugs befanden sich viele Einsatzkräfte in unmittelbarer Nähe des Brandorts. Gegenüber vom Haus war der Sammelpunkt von Polizei und Rettungsdiensten. Sanitäter und Streifenbeamte halfen sofort bei der Evakuierung. Die Feuerwehr hatte binnen weniger Minuten 65 Mann vor Ort. Zwei Drehleitern und mehrere mobile Leitern waren im Einsatz. „Wir haben 47 Personen aus dem Haus gerettet. Es war ein Einsatz gegen die Zeit und es hätte noch wesentlich schlimmer ausgehen können“, sagt Bruck. Drei Frauen und fünf Kinder im obersten Stock des Hauses seien nicht mehr zu retten gewesen. Eine Frau sprang neben das von der Feuerwehr aufgebaute Luftkissen und erlag später ihren Verletzungen. Andere Menschen sprangen in Panik gleichzeitig auf das Rettungsgerät, das 15 Sekunden braucht, bis es sich nach dem Aufprall eines Menschen wieder aufrichtet. Im Haus hatte eine Familienfeier stattgefunden. Und auch der Fasnachtszug konnte dort in erster Reihe beobachtet werden. „Es befanden sich wesentlich mehr Leute im Haus als die dort 24 gemeldeten Personen“, sagt Bruck. Die Feuerwehr habe gute Arbeit geleistet – auch wenn es belastend sei, dass neun Menschen starben. „Die Vorwürfe, die danach gegen uns erhoben wurden, haben wir nicht verstanden. Wir haben nichts falsch gemacht“, sagt Bruck. Türkische Medien hatten die Stimmung aufgeheizt, es wurden sofort Parallelen zu Brandanschlägen gezogen, bei denen Türken starben. Der Feuerwehr wurde unterstellt, sie habe zu zögerlich gehandelt. „Das war völlig irrational“, erinnert sich Bruck. Feuerwehrmänner wurden persönlich beschuldigt und einer sogar körperlich angegriffen. Dabei sei der Einsatz schon belastend genug gewesen. Die Wehr musste auch die Leichen aus dem einsturzgefährdeten Brandhaus bergen. „Man muss mit solchen Bildern und Eindrücken klarkommen. Dann kamen noch die Vorwürfe dazu. Mehrere Kollegen sind nach dem Einsatz dienstunfähig gewesen und haben schließlich die Feuerwehr verlassen“, berichtet Bruck. Heute – zehn Jahre später – hätten alle Kollegen das Geschehen verarbeitet, sagt Bruck. Die Feuerwehr habe nach dem Einsatz auch viel Solidarität von Kollegen aus ganz Deutschland erfahren. Der Feuerwehrchef hofft, dass so etwas in Ludwigshafen nicht noch einmal passiert. Fakten müssten bei der Berichterstattung über solche Unglücke im Mittelpunkt stehen. In Zeiten der sozialen Medien sei dies eine Herausforderung. Der Ermittler: Eberhard Weber „Die Bilder sind noch da“, sagt der heutige Polizeivizepräsident (61). Weber war vor zehn Jahren Kripo-Chef und führte ein Team von 80 Beamten, die wochenlang rund um die Uhr die Brandursache ermittelten. 200 Spuren wurden verfolgt. 100 Zeugen vernommen. Wegen des von türkischen Medien geäußerten Anschlagsverdachts stand die Polizei unter großem Druck. Sie bekam vier Kollegen aus der Türkei zugeteilt. „Im Rückblick bin ich froh, dass sie dabei waren. Sie haben unsere Ermittlungsergebnisse bestätigt.“ Vorsätzliche Brandstiftung konnte schließlich ausgeschlossen werden. Die Ermittler hatten elf Container voller Brandschutt untersucht und die Kellertreppe wieder zusammengesetzt, unter der das Feuer entstand. „Es war ein Riesenaufwand. Am Ende blieb die wahrscheinlichste Möglichkeit übrig: fahrlässige Brandstiftung.“ Was genau das Feuer verursacht hat, wurde nie aufklärt. „Das ist unbefriedigend. Bei Branddelikten ist das nicht unüblich“, sagt Weber. „Wir hätten nichts anders machen können.“ Der Polizeivizepräsident ist überzeugt: Heutzutage könnte es bei einem ähnlichen Fall durch die sozialen Netzwerke noch mehr Aufregung geben.

Leiter der Berufsfeuerwehr: Stefan Bruck.
Leiter der Berufsfeuerwehr: Stefan Bruck.
Stellvertretender Polizeichef: Eberhard Weber.
Stellvertretender Polizeichef: Eberhard Weber.
Große Trauer: die Brandruine in den Tagen nach dem Unglück.
Große Trauer: die Brandruine in den Tagen nach dem Unglück.
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