Interview
Wie LU zur Marke werden kann
Herr Vogel, wie wichtig ist das Image einer Stadt für den Wirtschaftsstandort und die Unternehmen?
Gerade das Image einer Stadt oder einer Region ist ein wachsender und ganz bedeutender Standortfaktor. Das zeigen unsere regelmäßigen Unternehmensbefragungen. Wir befinden uns im harten Wettbewerb um Fachkräfte. Die bekommt man dann, wenn man ein attraktiver Arbeitgeber in einer attraktiven Region ist. Fachkräfte gehen dahin, wo sie ein tolles Angebot haben. Und ein ganz wesentlicher Faktor ist die Qualität einer Innenstadt.
Insofern war der vernichtende und seitengroße Beitrag der Frankfurter Allgemeinen über das „hässliche“ Ludwigshafen Ende 2021 eher kontraproduktiv. Wie beurteilen Sie diesen 400-Zeilen-Verriss, der ja für Aufsehen und Kritik gesorgt hat?
Man sollte das nicht zu hoch hängen. Ludwigshafen hat 2018 auf die Kür zur „Hässlichsten Stadt Deutschlands“ durch ein TV-Satiremagazin reagiert und mit einem Augenzwinkern die „Germany’s Ugliest City Tours“ angeboten. Die FAZ hat das im Reiseteil aufgegriffen und mit Sicherheit einen etwas überspitzten Beitrag über Ludwigshafen geschrieben. Das tut weh, viele Punkte sind überzogen, aber es steckt auch viel Wahrheit drin. So zu tun, als ob hier alles in Ordnung wäre, hilft uns nicht weiter.
Was ist denn nicht in Ordnung?
Fakt ist, dass es in den vergangenen Jahrzehnten Planungsfehler gab, und wir haben Probleme in der Innenstadt. Da muss man gar nicht groß drumherum reden. Das ist so. Aber wir müssen den Blick nach vorne richten und uns überlegen, was wir in Zukunft tun können, damit uns das nicht wieder passiert, und wie wir vorhandene Fehler alle gemeinsam ausmerzen.
Wie kann das gelingen?
Ich fange mal bei etwas ganz Grundsätzlichem an. Ich bin vor 20 Jahren in die Region gekommen. In Ludwigshafen ist mir aufgefallen, dass es hier sehr starke Stadtteile gibt. Die Leute bezeichnen sich als Oggersheimer, Friesenheimer oder Mundenheimer – aber es ist bei den Bürgern hier kaum ausgeprägt, sich als Ludwigshafener zu fühlen. Das ist eine Frage der Haltung. Vielleicht müssen wir alle lernen, in erster Linie Ludwigshafener zu sein. Denn wenn man nicht selbst voll hinter seiner Stadt steht, dann kann man kaum erwarten, dass Außenstehende die Stadt toll finden. Es wäre ja merkwürdig, den Berg zum Propheten zu tragen.
Was schlagen Sie vor?
Wir täten gut daran, zu überlegen, wohin wir mit der Stadt wollen, wohin sie sich entwickeln soll. Das wurde ja auch in dem FAZ-Artikel angesprochen. Das ist eine Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft. Da sind Politik, Wirtschaft, Kultur, Kunst oder unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund gleichermaßen gefordert. Wir brauchen eine gemeinsame Vision, an die wir uns alle halten müssen. Das hat in den vergangenen Jahrzehnten gefehlt. Da ist man irgendwelchen Megatrends hinterhergelaufen, die vielleicht nicht ganz zu dieser Stadt gepasst haben. Ludwigshafen ist halt nicht New York. Das wird es auch nie sein und auch nie sein müssen. Man schafft dann Akzeptanz und Identifikation, wenn man Dinge macht, die von der Bürgerschaft getragen werden. Es gibt Städte, die so verfahren und erfolgreich damit sind.
Noch mal zurück zu den Planungsfehlern. Welche meinen Sie konkret?
Nehmen wir die Verkehrsplanung. Man würde sicher heute solche Hochstraßen nicht mehr bauen. Punkt. Das weiß jeder. Der Zeitgeist war damals ein anderer. Hinzu kommt, dass die Stadt immer auf der Flucht vor ihrem eigenen Hauptbahnhof war. Und in der Innenstadt hat man in den 1990er-Jahren mit dem Rathaus-Center und der Walzmühle zwei große Einkaufszentren etabliert. Dazwischen liegt eine sehr, sehr lange Einkaufszone mit Bismarck- und Ludwigsstraße, die so – auch bevor die Rhein-Galerie kam – kaum bespielbar war. Da hat man sich überhoben.
Die Walzmühle war ein Flop, das Rathaus-Center ist dicht und wird abgerissen. In dem FAZ-Beitrag wird auch die Rhein-Galerie als Planungsfehler abgestempelt. Wie ist Ihre Einschätzung?
Da widerspreche ich dem FAZ-Bericht. Wenn man weiß, wie das dort vorher aussah, mit teils acht Reihen Containern übereinander, dann ist das jetzt mit dem Zugang zum Fluss ein großer Fortschritt. Ganz offen gesagt, gibt es scheußlichere Einkaufszentren in Deutschland, und das sind die allermeisten. Mit der Rhein-Galerie verbunden war natürlich die Kompaktierung der Innenstadt. Das heißt, dass wir nicht mehr so viele Flächen für Handel brauchen. Und dann muss man den Weg konsequent gehen und sich überlegen, wie man die City künftig gestalten will. Vor dieser zentralen Herausforderung stehen wir, und da haben wir hier gigantische Chancen.
Welche denn?
Es gibt hier ein Problembewusstsein. Das, was momentan in der Stadt als schlecht wahrgenommen wird, ist die Zukunft, die vielen Innenstädten noch bevorsteht.
Und das heißt?
Der Handel wird nicht mehr die Leitbranche sein. Deshalb muss man sich nach neuen Nutzungsformen umschauen. Die Ludwigshafener Innenstadt liegt perfekt, ist perfekt verkehrlich angebunden und bietet überschaubare Immobilienpreise. Man kann hier neue Konzepte auflegen, neue Wohnformen sowie Werbestandorte im Bürobereich etablieren und den Dienstleistungssektor ausbauen, was ja bereits geschieht. Mit der BASF habe ich im Norden einen der europaweit größten Arbeitgeber, der eigene Ideen einbringen kann. Im Süden am Rheinufer entlang ist die Entwicklung positiv. Hinzu kommt eine riesige Nachfrage nach Flächen. Von einer Stadt, die immer kleiner wurde, hat sich Ludwigshafen zu einer wachsenden Stadt mit bald 180.000 Einwohnern entwickelt. Irgendwas macht die Stadt ja richtig. Es läuft nicht alles schief.
Wo würden Sie ansetzen?
Wir haben jetzt die Chance, etwas zu gestalten. Wir dürfen nicht wieder Trends hinterherlaufen, sondern müssen als Stadtgesellschaft gemeinsam anpacken, um einen eigenen Weg zu gehen. Die Initiative dafür muss von der Politik kommen. Ein Reallabor Ludwigshafen in einer florierenden Region – das wäre eine spannende Sache. Da lässt sich etwas verändern, wenn der Wille dazu da ist.
Der FAZ-Verriss als Weckruf?
Warum nicht.
Und der Wunsch der Wirtschaft?
Die Stadt braucht finanzielle Handlungsspielräume. Man kann über vieles reden, aber am Ende benötigt man neben privaten Investitionen öffentliche Gelder für einen Umschwung. Ohne Entschuldung der Stadt wird es nicht gehen, um Prozesse einer Veränderung effektiv zu forcieren. Die Stadt schafft das nicht alleine. Der Bund, allen voran aber das Land muss ein Interesse daran haben, dass die zweitgrößte und wirtschaftsstärkste Stadt in Rheinland-Pfalz in Zukunft stabil bleibt.
Instabil ist weiter die Corona-Lage. Wie ist die aktuelle Situation bei den Unternehmen in der Vorderpfalz?
Die bisherigen Rückmeldungen zeichnen ein heterogenes Bild. Der stationären Gastronomie geht es überwiegend wirklich schlecht. Wer im Bereich Lieferservice unterwegs ist, hat weniger Probleme. Ähnlich ist es im Handel. Der Lebensmittelhandel brummt, während Bekleidungsgeschäfte große Einbußen haben, weil das Einkaufserlebnis sehr getrübt ist. Erschwerend kommen zwei Faktoren hinzu.
Welche Faktoren sind das?
In der Industrie gibt es eine große Unsicherheit wegen der Lieferengpässe. Die Wirtschaft hasst nichts mehr als unplanbare Zustände. Deswegen herrscht eine flächendeckende Verunsicherung. Das ist kein guter Indikator für die Konjunktur, das muss man deutlich sagen. Mit Omikron laufen wir zudem in die große Sorge der Personalengpässe hinein. Viele Unternehmen fragen sich, ob sie den Betrieb überhaupt noch aufrechterhalten können. Die stetig steigende Zahl der Neuinfektionen ist beängstigend.
Sollte eine Impfpflicht kommen?
Wir haben bei rund 300 Unternehmen nachgefragt. Und diese sind zum überragenden Anteil von knapp 80 Prozent für eine Impfpflicht, weil sie Sicherheit und Planbarkeit verspricht. Nach zwei Jahren Pandemie haben wir viele Unternehmen, die trotz der Hilfen sehr angeschlagen sind. Die Rücklagen sind aufgebraucht. Es geht jetzt um die nackte Existenz.
Welche Schlagzeile würde die aktuelle Situation treffend beschreiben?
„Unsicherheit trübt Aussicht“.
Zur Person
Jürgen Vogel, 51, ist seit 2017 stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Pfalz, die rund 80.000 Betriebe vertritt und in Ludwigshafen sitzt. Er ist in Paderborn geboren, in Münster aufgewachsen, ist verheiratet, hat zwei Söhne (15, 17). Die Familie lebt in Mannheim.