Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Rhein-Galerie: Der Reiz des Besonderen ist dahin

Das Vorgelände des Einkaufszentrums am Rheinufer, der Platz der Deutschen Einheit, ist längst integriert ins Stadtgeschehen. Etw
Das Vorgelände des Einkaufszentrums am Rheinufer, der Platz der Deutschen Einheit, ist längst integriert ins Stadtgeschehen. Etwa für Konzerte beim Stadtfest, wie hier im Juli 2016 beim Auftritt von Grand Malör. Vor der Corona-Pandemie besuchten das Einkaufszentrum mit seinen über 100 Shops etwa 15.000 Kunden täglich.

Ist sie nun Fluch oder Segen für Ludwigshafen, die Rhein-Galerie? Über diese Frage wurde in der Vergangenheit mit Blick auf die kriselnde Innenstadt gerne und ausführlich gestritten. Wie bewertet die Wirtschaft die Situation? Ein Gespräch mit Jürgen Vogel (50), dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Pfalz.

Herr Vogel, der IHK-Sitz am Ludwigsplatz liegt nur wenige Meter von der Rhein-Galerie entfernt. Wann waren Sie dort letztmals shoppen?
Vor etwa zwei Wochen.

Was haben Sie eingekauft?
Waren des täglichen Bedarfs bei einem dort ansässigen Lebensmittelhandel.

Sie sind also durchaus Kunde der Galerie, wenn auch kein Stammkunde?
Ja. Ich gehöre allerdings zu dem alten Schlag von Ludwigshafenern, die tatsächlich immer noch gerne ins Rathaus-Center gehen, das ja - bis zur Schließung Ende 2021 – ebenfalls von ECE betrieben wird. Ich finde aber auch die Rhein-Galerie sehr ansprechend und bin deswegen auch dort Kunde – aber eben nicht nur dort.

Und die Fußgängerzone?
Da bin ich natürlich auch unterwegs, Ich arbeite ja in der Innenstadt, esse hier häufig zu Mittag oder schaue in Geschäfte. Natürlich gibt es im Zentrum aber längst nicht mehr alle Produkte, die ich gerne kaufen würde.

Ist die Rhein-Galerie Ihrer Ansicht nach inzwischen ein fester Bestandteil der Stadt oder noch ein Fremdkörper?
(überlegt länger) Sagen wir es mal so: Ich glaube, die Rhein-Galerie hat die Stadt schon nach vorne gebracht. Sie hat Ludwigshafen eine wunderbare Öffnung zum Rhein gegeben und einen Raum geschaffen, der für die Menschen zuvor nicht begehbar war. Direkt am Fluss werden tolle Aufenthaltsmöglichkeiten geboten.

Aber?
Die perfekte Verzahnung mit der Innenstadt ist in meinen Augen bisher nicht gelungen. Das liegt aber gar nicht unbedingt an der Rhein-Galerie.

Sondern?
Das liegt auch daran, dass wir inzwischen Entwicklungen in der Innenstadt haben, die das deutlich erschwert haben.

Zum Beispiel?
Als die Rhein-Galerie damals angesiedelt wurde, gab es noch einen Kaufhof an der Ecke Bahnhof-/Bismarckstraße, also einen weiteren Anker, der eine zentrale Rolle im City-Konzept spielte. Man muss natürlich auch konstatieren, dass es in der Innenstadt früher noch einige Fachgeschäfte gegeben hat, die mittlerweile verschwunden sind. Deswegen sind die Synergien und die Verbindungen zur Innenstadt schwierig.

Hängt das eine, das Verschwinden des Handels, nicht mit dem anderen, dem Bau der Galerie, zusammen? Sprich: Hat das neue Einkaufszentrum die ohnehin kriselnde Innenstadt nicht weiter ausbluten lassen?
So krass sehe ich das nicht. Man muss sich vor Schwarz-weiß-Denken hüten. Viele Probleme in der City waren schon da, bevor es die Rhein-Galerie gab. Es gibt aber natürlich auch wichtige Geschäfte, die von der Innenstadt in die Rhein-Galerie abgewandert sind, etwa H&M oder C&A. Das hat dem Zentrum sehr weh getan.

Also doch?
Man muss sehen, dass es in allen größeren Städten wegen des umfangreichen Angebots auf der Grünen Wiese sowie wegen des sehr stark wachsenden Online-Handels erhebliche Probleme gibt, Innenstädte zu bespielen. Insofern machen sich da verschiedene Faktoren bemerkbar. Ich würde dennoch sagen: Die Rhein-Galerie hat Ludwigshafen für neue Kundengruppen attraktiv gemacht.

Das mag sein. Ist es aber nicht so, dass derlei Center, wenn die erste Neugier gestillt ist, ziemlich schnell an Anziehungskraft einbüßen? Die Fluktuation in der Rhein-Galerie war zuletzt hoch. Hinzu kommt, dass viele Kunden gezielt das Einkaufszentrum ansteuern, die City aber links liegen lassen.
Einzelhandel hat immer Zyklen. Es gibt immer neue Entwicklungen, die dafür sorgen, dass Konzepte aufpoppen, sich wieder verändern oder verschwinden.

Das heißt?
Ich denke mal, dass das klassische Einkaufszentrum, so wie wir sie in Ludwigshafen mit der Walzmühle, dem Rathaus-Center und der Rhein-Galerie noch an drei Stellen haben, sich in der Tat überlebt hat. Der Grund ist aus meiner Sicht relativ klar.

Ich bin gespannt.
Unter dem Dach dieser Center finde ich natürlich viele Angebote, das ist attraktiv. Aber ich finde vor allem Angebote, die sich vom Sortiment her eher im durchschnittlichen Bereich bewegen, mal ein bisschen darüber, mal ein bisschen darunter, mal höherwertiger, mal weniger höherwertig. Das macht diese Angebote austauschbar. Die bekomme ich auch online. Wenn ich meine Hemden- oder Schuhgröße kenne, kann ich mir das im Internet bestellen. Deswegen verlieren Einkaufszentren an Attraktivität und Frequenz. Es gibt verdammt viele solcher Zentren, die den Reiz des Besonderen daher eingebüßt haben.

Auch die Rhein-Galerie?
Sie ist in meinen Augen eher ein positives Beispiel, weil sie wegen ihrer Architektur und ihrer Lage am Fluss mit weiteren Pluspunkten werben kann. Früher hat man viele Einkaufszentren so gebaut, dass der Kunde problemlos rein-, aber nicht ohne Weiteres rausfindet, also sehr in sich gekehrt und in sich geschlossen. Heute stellt man fest, dass solche Zentren nur noch gut laufen, wenn sie eine hohe Aufenthaltsqualität bieten. Ich brauche dafür Gastronomie, Unterhaltung und Bewegungsfreiheit. Einige Center erfüllen diese Anforderungen nicht mehr. Inzwischen werden klassische Einkaufszentren bundesweit kaum noch gebaut. In der Tat stellt sich auch in Ludwigshafen die Frage: Können die Einkaufszentren so bestehen bleiben? Inzwischen ist sie beantwortet: Das Rathaus-Center wird schließen, und wie es mit der Walzmühle weitergeht, wird man sehen. Am Ende wird wohl mit der Rhein-Galerie nur noch ein großes Center übrigbleiben.

Ist es richtig, in der Innenstadt vor allem auf Dienstleister zu setzen?
Das reicht nicht. Es gibt aber auch kein Patentrezept. Wir müssen Innenstädte neu denken, vielleicht auch neu erfinden.

Das bedeutet?
Handel allein kann künftig nicht mehr die Leitbranche der Innenstädte sein. Stadtzentren, die ausschließlich davon getragen und bespielt werden, wird es nur noch in Ausnahmefällen geben. Andere Angebote müssen hinzukommen. Da reden wir über Gastronomie oder Dienstleistung. Insgesamt müssen wir versuchen, Innenstädte so zu gestalten, dass Menschen sich dort gerne aufhalten. Dazu zählen attraktiver Wohnraum, neue experimentelle Wohnformen, junges studentisches Leben oder Betreuungsmöglichkeiten, sowohl für Kinder wie für Senioren. Unterm Strich wäre eine Verzahnung all dieser Faktoren wünschenswert. Innenstädte funktionieren nur noch, wenn sie belebt sind. Das können auch touristische Faktoren sein. Speyer wird vermutlich immer belebt sein, weil es eine wunderbare Kulisse bieten kann. Wer das nicht hat, muss sich andere Gedanken machen.

Was könnte Ludwigshafen helfen?
Ich bin immer noch überzeugt davon, dass es ein richtiger Ansatz wäre, die Hochschule in die Innenstadt zu holen, um hier Leben zu kreieren. Ein solcher Transformationsprozess dauert aber seine Zeit.

Die Chance, den Campus in die City zu holen, wurde in den Vorjahren vertan.
Ja, das ist leider so. Die Idee kam etwas zu spät auf. Ein Uni-Campus im Zentrum wäre eine Riesenchance gewesen. Aber es gibt ja andere positive Entwicklungen. Große Arbeitgeber wie die Pfalzwerke und die Technischen Werke beziehen Standorte in der Innenstadt. Das sind ja auch belebende Elemente. Das kann stabilisierend wirken. Die Infrastruktur des Nahverkehrs stimmt, es entstehen neue Wohnungen, und mit dem „Metropol“ am Berliner Platz entsteht möglicherweise ein neuer Magnet.

Und die Rhein-Galerie? Ist sie nun Fluch oder Segen für die Innenstadt?
Wenn ich nach zehn Jahren einen Strich drunter mache, hat die Rhein-Galerie der Stadt mehr genützt als geschadet.

Die Serie
Seit zehn Jahren gibt es die Rhein-Galerie. Wir beleuchten in dieser Serie die Folgen für die Stadtentwicklung. Die bisherigen Teile: Die Hoffnung ruht auf 550 Pfählen (1); Die Stadt an den Fluss gebracht (2);Rheinfall mit dem „Rheinblick“ (3); Weniger Läden, mehr Leerstände (4).

„Die Rhein-Galerie hat die Stadt schon nach vorne gebracht“, sagt Jürgen Vogel von der IHK, die in der Pfalz die Interessen von
»Die Rhein-Galerie hat die Stadt schon nach vorne gebracht«, sagt Jürgen Vogel von der IHK, die in der Pfalz die Interessen von rund 80.000 Betrieben vertritt.
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