Die Meinung aus der Stadt
Ein Kenner der Stadt zum FAZ-Verriss über LU
Herr van der Buchholz, wie bewerten Sie den Beitrag von Andrea Diener in der Frankfurter Allgemeinen?
Da ich sie durch die Stadt geführt habe, kann ich zumindest nachvollziehen, wie die einzelnen Sätze zustande gekommen sind. Man merkt natürlich, dass die Autorin nicht von hier ist. Es gibt ein paar Details, die sie nicht ganz verstanden hat. Aber den aktuellen Zustand der Innenstadt hat sie realistisch geschildert. Ich finde den Bericht spektakulär.
Inwiefern?
Wenn man mal anfängt, den Text zu lesen, dann liest man die Seite in einem Rutsch durch. Zumindest handwerklich ist das gut gemacht.
Das sehen manche Ludwigshafener anders: Die Kritik an der 400-Zeilen-Reportage reicht von „sehr eindimensional“ bis zu „kein Aushängeschild für seriösen Journalismus“ – verstehen Sie diese Reaktionen?
Ja, schon. Aber meine Aufgabe bei den „Germany’s Ugliest City Tours“ ist ja eine andere, als eine Werbebroschüre für die Stadt zu erstellen. Dennoch betreibe ich kein Ludwigshafen-Bashing. Ich lebe hier seit 1960, fühle mich wohl und kann mich hier gut amüsieren. Ich betone bei den Touren immer, dass man solche Führungen in jeder anderen Großstadt machen könnte. Das sage ich besonders den Mannheimern, die ohnehin gerne auf Ludwigshafen herabschauen. Schmuddelecken gibt es überall. In dem FAZ-Bericht steht ja auch nicht drin, die Ludwigshafener sind doof. Manches hier wirkt einfach ein bisschen lieblos. Das kann man so sehen.
Die Autorin lässt kein ein gutes Haar an Ludwigshafen und schreibt von einer „Hässlichkeit vom ersten bis zum letzten Moment des Besuchs“. Ist ein solcher Verriss nach einer zweistündigen Tour angemessen?
Die gute Frau ist am Hauptbahnhof ausgestiegen. Dieser Eindruck hat sich verfestigt. Der Bahnhof ist trostlos und abgekoppelt von der Innenstadt. Aber auch das findet man in anderen Städten, etwa in Darmstadt, wo ich studiert habe. Für Ludwigshafen ist die Stadtentwicklung an dieser Stelle dumm gelaufen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich nichts wesentlich verbessert.
Mit den „Germany’s Ugliest City Tours“ hat das Kulturbüro 2018 auf die Kür zur „Hässlichesten Stadt Deutschlands“ durch das Satiremagazin „Extra 3“ reagiert. Ist dieser selbstironische Umgang mit Spott und Häme der richtige Weg?
Das war das Beste, was man tun konnte. Nicht jammern und sich beschweren, sondern selbst noch kreativ einen drauf setzen. Das ist meines Erachtens die richtige Methode, einem solchen Prädikat zweifelhafter Natur zu begegnen. Katastrophentourismus boomt ohnehin. Wahrscheinlich haben bei der „Extra 3“-Abstimmung sowieso vor allem Mannheimer Ludwigshafen auf Platz eins gewählt (lacht). Aber mal im Ernst: Begriffe wie schön und hässlich entstehen im Kopf und sind sehr subjektiv.
Wer läuft denn bei Ihren Touren mit, und wie sind die Reaktionen?
Das sind Menschen aus ganz Deutschland. Es gibt viele Ludwigshafener, die das mit Humor sehen und neugierig sind. Andere jammern oder fragen, warum da nichts getan wird oder wieso man nicht mal schöne Ecken zeigt wie die Parkinsel. Die Mannheimer fühlen sich meistens bestätigt, weil sie schon immer wussten, wie furchtbar die Nachbarstadt ist. Ein Mann aus Köln hat sich mal gewundert, warum in Ludwigshafen über jeden wegfallenden Parkplatz gejault wird, obwohl hier – im Gegensatz zu seiner Heimatstadt – noch jede Menge vorhanden sind. Andere sagen: Es geht noch schlimmer. Wenn man in manche Städte im Ruhrgebiet blickt, ist Ludwigshafen sicher nicht das Ende der Fahnenstange.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Stadt beschreiben?
Als ganz gut. Ich habe seit über 60 Jahren meinen Wohnsitz hier. Ich weiß, wo ich hingehen kann.
Wie beurteilen Sie die Stadt als studierter Architekt?
Es gab da einige Fehlleistungen, die nur halbherzig korrigiert wurden.
Zum Beispiel?
Jüngstes Beispiel sind die „Metropol“-Hochhaus-Pläne, beziehungsweise das „Loch“, das seit sechseinhalb Jahren auf dem Berliner Platz klafft. Da kann man sich als Stadt, wie ich finde, nicht herausreden und sagen, das ist der böse Investor, der das nicht auf die Reihe kriegt. Wenn man zwei Hochstraßen baut, die es ermöglichen, über die Stadt hinwegzufliegen, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Leute aus der Pfalz gleich nach Mannheim weiterfahren. Da kann mir keiner sagen, das wäre nicht absehbar gewesen. Und wenn man ein großes Einkaufszentrum an den Rhein baut, darf man sich nicht wundern, wenn die Fußgängerzone weiter ausblutet. Da gab es Stimmen, die das genau so vorhergesehen haben. Statt der immer gleichen baulichen Monostrukturen an der Rheinallee hätte man sich am Rheinufer Süd auch etwas anderes einfallen lassen können, etwa mehr kleinere Parzellen, die für mehr Abwechslung sorgen.
Es gibt bereits Einladungen an die FAZ-Autorin für einen zweiten Besuch in Ludwigshafen. Was würden Sie Frau Diener zeigen, falls sie noch mal in die Vorderpfalz reist?
Ich habe auch schon „LU is aa ä bisselsche schee-Touren“ gemacht, meistens mit dem Fahrrad. Vielleicht wäre das eine Option – mit dem Startpunkt Luther- oder Hans-Klüber-Platz am Hack-Museumsgarten, dann eine große Schleife am Rheinufer entlang zur Parkinsel, über die Teufelsbrücke in die Gartenstadt, dann ins Maudacher Bruch und von dort nach Friesenheim zur Bauhaussiedlung und zum Ebertpark.
Wie würden Sie Ludwigshafen in wenigen Worten charakterisieren?
Als Industriestadt mit einem sehr herben Charme, aber sehr herzlichen Leuten und einigen interessanten Plätzen, wenn man sich auskennt. Ich halte es jedenfalls gut aus hier.
Im Netz
Weitere Infos über die Touren unter www.ludwigshafen.de/lebenswert/kulturbuero/germanys-ugliest-city-tours. Über diesen Link kommt man auch zum Audiowalk, mit dem man die Tour eigenständig machen kann.
Zur Person: Helmut von der Buchholz
Der gebürtige Hannoveraner kam 1960 schon als Kleinkind nach Ludwigshafen und lebt mit Frau und Tochter (14) auf der Parkinsel. Der 62-Jährige ist Diplom-Ingenieur, Fachrichtung Architektur und Städtebau, und hat in Darmstadt studiert. Sein Abitur hat er im Carl-Bosch-Gymnasium gemacht. Er arbeitet im Architekturbüro Sander und Hofrichter (Oggersheim). Außerdem ist er in der Künstlervereinigung „Buero für angewandten Realismus“ engagiert. Die „Germany’s Ugliest City Tours“ leitet er auf Bitten des Kulturbüros seit 2018 – eine Reaktion darauf, dass das ARD-Satiremagazin „Extra 3“ Ludwigshafen damals zur „Hässlichsten Stadt Deutschlands“ kürte. Zur ersten Führung kamen 200 Gäste, seither insgesamt mehr als 1000. FAZ-Autorin Andrea Diener bekam am 17. Dezember eine zweistündige Exklusiv-Führung. In der Regel sind fünf Touren während des Kultursommers geplant.