Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wahlkreis-Siegerin ohne Mandat: „Das ist den Leuten schwer zu erklären“

Wohin geht es für CDU-Kandidatin Melis Sekmen? Der Zug nach Berlin fährt ohne sie ab.
Wohin geht es für CDU-Kandidatin Melis Sekmen? Der Zug nach Berlin fährt ohne sie ab.

Das neue Wahlrecht macht’s möglich: Als Kandidatin mit den meisten Stimmen verpasst Melis Sekmen den Einzug in den Bundestag. Das Ergebnis liefert viel Gesprächsstoff.

Nach einer spannenden Wahlnacht steht nun fest, von wem Mannheim im neuen Bundestag vertreten wird. Wer hat das Ticket nach Berlin gebucht und wer ist gescheitert?
Das Kuriose vorneweg: Wegen des neuen Wahlrechts hat die Siegerin des Mannheimer Wahlkreises den Einzug in den Bundestag verpasst. CDU-Kandidatin Melis Sekmen holte zwar die meisten Stimmen (24,7 Prozent), hatte aber im Vergleich zu den Erststimmen-Ergebnissen von CDU-Kandidaten anderer Wahlkreise in Baden-Württemberg das Nachsehen. Damit ziehen nicht mehr wie vorher üblich alle siegreichen Wahlkreis-Kandidaten automatisch in den Bundestag ein: Sie bekommen nur noch dann ein Mandat, wenn ihre Partei auf genügend Zweitstimmen kommt. Überhang- und Ausgleichsmandate entfallen damit. Künftig hat der Bundestag nur noch 630 Abgeordnete. Aktuell sind es 733. Aus Mannheim im neuen Parlament vertreten sind Gökay Akbulut (Die Linke), Isabel Cademartori (SPD) und Heinrich Koch (AfD). Sie alle schaffen über die Listen ihrer Parteien den Sprung nach Berlin.

Was sagt die Wahlkreis-Siegerin ohne Mandat am Tag nach der Wahl?
„Enttäuscht bin ich nicht. Es fühlt sich irgendwie komisch an“, so die bisherige Bundestagsabgeordnete Melis Sekmen auf RHEINPFALZ-Anfrage. Es sei den Leuten schwer zu erklären, dass man als die Kandidatin mit den meisten Erststimmen nicht im neuen Bundestag ist. Sie kritisiert, dass die CDU vom neuen Wahlrecht sehr stark betroffen sei. „Es ist die Frage, welches Ziel so eine Reform hat. Will man ein kleineres, arbeitsfähigeres Parlament oder will man Überhangmandate des politischen Gegners verhindern?“, sagt sie. Die Ampel-Koalition hatte das umstrittene Gesetz 2023 durchs Parlament gebracht. Sekmen, die im Sommer des vergangenen Jahres von den Grünen zur CDU gewechselt ist, ist fortan zwar in keinen politischen Gremien mehr, will aber für die CDU auf Bundes- und Landesebene „ein Bindeglied zur Rhein-Neckar-Region“ bleiben. „Ich werde mich jetzt für einen Job bewerben und wie jeder andere auch arbeiten gehen“, so die 31-Jährige zu ihrer beruflichen Zukunft.

Isabel Cademartori verliert zwar den Wahlkreis, bleibt aber für die SPD im Bundestag.
Isabel Cademartori verliert zwar den Wahlkreis, bleibt aber für die SPD im Bundestag.

Warum ist die entthronte Wahlkreis-Siegerin mit einem blauen Auge davongekommen?
Isabel Cademartori hatte 2021 für die SPD das Mannheimer Direktmandat gewonnen. Diesmal war sie ihrer CDU-Kontrahentin knapp unterlegen. Dank ihres Listenplatzes sicherte sie sich aber erneut den Einzug in den Bundestag. „Den Wahlkampf darum, wer am besten abschieben kann, hat der Wähler nicht goutiert“, stellt die Sozialdemokratin fest.

Worüber macht sich FDP-Kandidat Konrad Stockmeier Sorgen?
„Die Freiheit in Europa ist so stark in Bedrängnis wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wenn Menschen Hemmungen spüren, ihre Meinung zu sagen, ist das kein gutes Zeichen“, sagt der Liberale und fordert einen freieren Diskurs. Im Bundestag wird dieser in den nächsten vier Jahren ohne die FDP ausgetragen. Der Volkswirt will nach vier Jahren als Bundestagsabgeordneter nun wieder einen Weg zurück ins Berufsleben finden – und sich zugleich politisch weiter engagieren.

Weiter im Parlament: Gökay Akbulut für die Linken.
Weiter im Parlament: Gökay Akbulut für die Linken.

Was fällt in Mannheim bei den Zweitstimmen-Ergebnissen auf?
Das stadtweite Ergebnis ist so ausgefallen: CDU 23,1 Prozent; SPD 18,2; AfD 17,6; Grüne 16,0; Die Linke 11,3 und die FDP 5,1 Prozent. Schaut man tiefer in die Stadtteile, zeigt sich, wie polarisiert die Gesellschaft auch in Mannheim ist. In Vogelstang und Schönau etwa kam die AfD jeweils auf über 30, in Sandhofen auf 27 und im Waldhof auf 25 Prozent. Der Mannheimer Norden ist schon lange keine rote Hochburg mehr. In der Neckarstadt-West gehen hingegen die Linken mit 29,9 Prozent bei den Zweitstimmen als klarer Sieger hervor. Die Grünen dominieren mit 24,5 Prozent den Bezirk Innenstadt/Jungbusch. Und die CDU ist besonders stark in Wallstadt mit 32,7 Prozent, Neuostheim/Neuhermsheim mit 29,5 Prozent und Feudenheim mit 28,8 Prozent. Interessant ist auch ein Blick in die Neckarstadt-Ost. Dort liegen fünf Parteien ziemlich dicht beieinander: Grüne (19,6 Prozent), SPD (19,2), Linke (16,8), CDU (16,3) und AfD (15).

Eine Analyse zum Erststimmen-Ergebnis in Ludwigshafen finden Sie hier.

Zieht für die AfD in den Bundestag ein: Heinrich Koch.
Zieht für die AfD in den Bundestag ein: Heinrich Koch.
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