Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Trauer, Wut und Forderungen: So geht es der Familie des getöteten Zugbegleiters Serkan C.

Der Schmerz ergreift beim Totengedenken für Serkan C. alle in der türkischstämmigen Community in Ludwigshafen.
Der Schmerz ergreift beim Totengedenken für Serkan C. alle in der türkischstämmigen Community in Ludwigshafen.

Nach dem Tod des Schaffners ringt die Familie des Ludwigshafeners um Fassung. Am Tag vor der Beerdigung stellt ein Cousin Forderungen an Deutsche Bahn, Politik und Justiz.

Engin C. spricht diesen einen Satz immer wieder, weil er nicht begreifen kann, was geschehen ist. „Ein Menschenleben für 60 Euro“, sagt der Ludwigshafener und ist immer noch fassungslos. Freitagmittag setzte er sich mit vielen anderen Mitgliedern der Großfamilie in Frankfurt in ein Flugzeug in Richtung Istanbul. Von dort aus geht es am späten Nachmittag weiter nach Gaziantep, aus der Millionenstadt in Südostanatolien stammt die Familie C. Am Samstag wird dort Serkan C. zu Grabe getragen, mehrere Hundert Menschen aus Ludwigshafen und der Umgebung haben sich auf den Weg in die alte Heimat gemacht, um dem Mann, der 36 Jahre alt wurde, die letzte Ehre zu erweisen.

Engin C. sitzt am Flughafen in Frankfurt, wartet auf den Flug und kämpft mit seinen Emotionen. Am Montag wurde sein Cousin Serkan C. in einem Regionalexpress auf der Strecke zwischen Landstuhl und Homburg angegriffen, lebensgefährlich verletzt und verstarb anderthalb Tage später an einer Hirnblutung. Er wollte als Zugbegleiter einen Fahrgast des Zuges verweisen, weil der keinen Fahrschein besaß. Der Kontrollierte, ein 26-jähriger Grieche aus Luxemburg, schlug Serkan C. mit der Faust mehrfach gegen den Kopf.

Das Mit- und Füreinander da sein hilft

„Ein Menschenleben für 60 Euro“, sagt Engin C. im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Er kann nicht begreifen, dass sein Cousin sterben musste, weil ein anderer Mensch nicht bereit war, einen Zug zu verlassen, für den er keinen Fahrschein besaß. „60 Euro“ stehen als mögliche Strafe für Schwarzfahren.

Familienmitglieder und Bekannte tragen den Sarg von Serkan C. beim Totengedenken am Donnerstag in Ludwigshafen.
Familienmitglieder und Bekannte tragen den Sarg von Serkan C. beim Totengedenken am Donnerstag in Ludwigshafen.

Engin C., 33 Jahre alt, und Serkan C. sind zusammen in ihrer Geburtsstadt Ludwigshafen aufgewachsen. „Serkan war mein Cousin, aber er war für mich wie ein Bruder“, sagt Engin C. Der familiäre Zusammenhalt ist groß – und das gibt allen Halt in diesen Tagen. Allen fehlt Kraft, weil der Tod von Serkan C. so viel Energie aus den Körpern gezogen hat. Aber das Mit- und Füreinander da sein helfe.

Die Anteilnahme der Öffentlichkeit hilft

Das gilt besonders für die Eltern von Serkan C. und die beiden Kinder. Serkan C. war alleinerziehender Vater. „Der Familie geht es sehr schlecht“, sagt Engin C. Die Kinder sind derzeit in der Obhut der Großeltern, aber auch Onkel und Tanten kümmern sich um die Minderjährigen, die den Vater verloren haben. Auch die Eltern leiden: „Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie die Nachricht erhalten, dass Ihr Sohn umgebracht wurde?“

Es wird sehr lange dauern, bis die Großfamilie einen Weg gefunden hat, mit der Tat klarzukommen. Engin C. weiß das und ist deshalb dankbar, dass er und der Rest der Familie in den vergangenen Tagen viel Anteilnahme erfahren haben. Es hilft, dass der Tod von Serkan C. vielen anderen Menschen nicht gleichgültig ist. Es hilft, dass eine politische Debatte entbrannt ist über Menschen wie Serkan C., die beim Ausüben ihres Berufes attackiert werden. „Wir möchten uns bei allen bedanken, die am Schicksal von Serkan Anteil nehmen“, sagt Engin C. Die Unterstützung der Öffentlichkeit hilft, aber sie kann nicht die Fragen beantworten, die Engin C. nicht aus seinem Kopf bekommt. Die Fragen nach dem „Warum“.

„Warum sind Zugbegleiter nicht zu zweit?“

„Das wäre nicht passiert, wenn zwei Zugbegleiter im Zug gewesen wären“, sagt Engin C.: „Dann wäre die Hemmschwelle größer gewesen, dass es zu einer Attacke kommt.“ Der Cousin des Getöteten hofft darauf, dass auf die brutale Tat Reaktionen erfolgen, die Menschen wie Serkan C. beim Ausüben ihres Berufes in der Zukunft besser davor schützen, zum Opfer roher Gewalt zu werden. „Polizisten sind immer zu zweit, um sich gegenseitig schützen zu können. Warum ist das bei Zugbegleitern nicht auch so?“, fragt Engin C.

Mehr als 1000 Menschen sind beim Totengedenken in Ludwigshafen dabei.
Mehr als 1000 Menschen sind beim Totengedenken in Ludwigshafen dabei.

Der mutmaßliche Täter sitzt inzwischen in Haft, ihm wird Totschlag vorgeworfen. Die Kriminalpolizei ist dabei, Spuren zu sichern und Beweismaterial zu sammeln. Der mutmaßliche Täter, das scheint sicher, wird angeklagt werden. Totschlag wird in Deutschland gemäß Paragraf 212 des Strafgesetzbuches mit einer Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren bestraft, wobei in besonders schweren Fällen eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden kann. Bei minderschweren Fällen beträgt die Strafe bis zu zehn Jahren.

Forderung: Die Strafe soll hart sein

Engin C. und die Familie haben eine klare Forderung. „Wir verlangen, dass es eine harte Strafe gibt“, sagt Engin C. In der türkischstämmigen Community in Ludwigshafen gibt es die Erwartung, dass ein Richter mit einem hohen Strafmaß ein Zeichen setzt: „Es kann nicht sein, dass am Ende nur fünf oder sechs Jahre Haft stehen.“

Ministerpräsident Alexander Schweitzer spricht beim Totengedenken und anschließend mit der Familie des Getöteten.
Ministerpräsident Alexander Schweitzer spricht beim Totengedenken und anschließend mit der Familie des Getöteten.

Das hat Engin C. am Donnerstag auch in einem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten deutlich gemacht. Alexander Schweitzer hatte an einem Totengedenken für Serkan C. in der Alemi Islam Moschee in Ludwigshafen teilgenommen und dort gesprochen. „Wir sind dankbar dafür, dass er sich Zeit für uns und für Serkan genommen hat. Als ich mit ihm gesprochen habe, habe ich gesagt, dass wir alle eine harte Strafe für den Täter erwarten“, berichtet Engin C.

„Niemand bringt uns Serkan zurück“

Diese Forderung hat er auch gegenüber Klaus Blettner gestellt. Der Oberbürgermeister von Ludwigshafen besuchte die Familie am Mittwochabend im Stadtteil West, versuchte, Trost zu spenden und sagte Unterstützung zu. Diese Geste kam bei den Betroffenen positiv an, genauso wie die breite Anteilnahme der Menschen in Ludwigshafen. Mehr als 1000 waren beim Totengedenken dabei, noch viel mehr kondolierten in den sozialen Netzwerken.

Engin C., Cousin des getöteten Zugbegleiters Serkan C..
Engin C., Cousin des getöteten Zugbegleiters Serkan C..

Am Samstag wird der Schmerz trotzdem noch einmal stechender werden, wenn Serkan C. in Gaziantep zu Grabe getragen wird. Engin C. sagt: „Niemand bringt uns Serkan zurück.“

x