Ludwigshafen
Nach tödlichem Angriff auf Zugbegleiter: Freund der Familie fordert eine Taskforce
CDU-Politiker Sertac Bilgin ist ein Freund der Familie des in dieser Woche bei einem tödlichen Angriff ums Leben gekommenen Zugbegleiters Serkan C. – der in Ludwigshafen tätige Unternehmer aus Dannstadt-Schauernheim fordert Konsequenzen nach der Tat.
Herr Bilgin, wie geht es der Familie in dieser extrem schwierigen Zeit?
Unter den gegebenen Umständen versucht die Familie, einfach so gut wie möglich zurechtzukommen. Sie steht vor enormen Herausforderungen. Besonders schwierig ist es für die beiden Kinder, die jetzt ohne ihren Vater aufwachsen müssen. Das ist einfach nur traurig und sehr bitter.
Wer wird sich künftig um die Kinder kümmern?
Die Großmutter, aber das ist natürlich eine Belastung für alle. Solche Schicksalsschläge stellen das Leben komplett auf den Kopf. Die Familie muss sich erst einmal neu orientieren. Sie ist aber auch erleichtert, dass der Zeitplan für die Überführung des Leichnams in die Türkei so schnell organisiert werden konnte. In unserer Kultur ist es üblich, schnell zu handeln, speziell bei Beerdigungen. Dank der Unterstützung, auch seitens der Staatsanwaltschaft, war dies möglich. Dafür sind wir sehr dankbar.
Wie erging es Ihnen selbst, als sie von der Tat erfahren haben?
Ich wurde vom besten Freund Serkans informiert. Ich sag’s ganz ehrlich: In mir ist eine kleine Welt zusammengebrochen.
Es gibt eine Welle der Solidarität, von vielen Seiten wurde Unterstützung zugesagt. Ist das ein kleiner Trost?
Ja, schon. Die Stadt, das Land und ein Vertreter der Bahn haben beim Totengedenken am Donnerstag betont, die Familie nicht im Stich zu lassen. Es wurden bereits Spendenkonten eingerichtet. Doch es geht jetzt nicht nur um die Unterstützung finanzieller Natur. Es geht auch darum, emotional für die Angehörigen da zu sein und die Gemeinschaft vor Ort zu stärken, die eine wichtige Stütze darstellt.
Ministerpräsident Alexander Schweitzer hat am Donnerstag in der Moschee zu Zivilcourage aufgerufen. Sein eindringlicher Appell: Statt tatenlos mit dem Handy zu filmen direkt die Sicherheitsbehörden kontaktieren. Sollte das nicht selbstverständlich sein?
Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Der Zug war sicher nicht leer, als Serkan angegriffen wurde. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Nur so viel: Unsere Gesellschaft hat sich leider dahin entwickelt, dass viele Menschen die Priorität darauf legen, Ereignisse zu filmen und in sozialen Medien zu teilen, anstatt direkt zu handeln und konkret zu helfen. Es geht aber nicht um Likes oder Aufmerksamkeit, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen und Menschenleben zu retten. Wir sollten uns darauf besinnen, wie wichtig es ist, in solchen Momenten zusammenzustehen und aktiv zu werden.
Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, damit das ins Bewusstsein rückt?
Ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne: Schluss mit Lippenbekenntnissen. In der Politik müssen endlich Taten folgen. Die Menschen haben das Vertrauen verloren – auch in uns, die mahnen, Beileid bekunden und immer wieder Veränderungen versprechen. Jetzt reicht es nicht mehr, Betroffenheit zu zeigen. Es gilt, wirklich zu handeln.
Was schlagen Sie konkret vor?
Die Einrichtung von Taskforces – auch länderspezifisch: bestehend aus Polizei, Justiz und Politik, um wieder Herr der Lage zu werden. Und harte Strafen, schnelle Verfahren sowie unmissverständliche Klarheit: Gewalt hat in unserem Land keinen Platz. Jede und jeder muss sich zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher fühlen können – am Bahnhof, bei der Ausübung des Berufs, in Parks, in Bahnhöfen, beim abendlichen Spaziergang, in Freibädern oder überall sonst. Sicherheit ist kein Privileg. Sicherheit ist ein Grundrecht. Das ist die Aufgabe des Staats. Das ist seine Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern. Und dieser Verantwortung müssen wir endlich wieder gerecht werden. Serkans Freund hat mir berichtet, dass es nicht die erste bedrohliche Situation war, der Serkan ausgesetzt war. Auch ich weiß, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt, aber ich weiß auch, und das zeigen Fälle wie dieser und andere: KI-gestützte Überwachungskameras allein reichen nicht.
Zur Person: Sertac Bilgin
Sertac Bilgin (44) lebt mit seiner Familie in Dannstadt-Schauernheim, leitet den von ihm 2008 gegründeten Pflegedienst MKS Medical in Ludwigshafen (35 Mitarbeiter) und ist unter anderem Integrationsbeauftragter der Landes-CDU. Bei der Bundestagswahl vor einem Jahr hat er den Wahlkreis Ludwigshafen/Frankenthal gewonnen, verpasset aber wegen Wahlrechtsreform den Sprung nach Berlin.
