Landstuhl RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Angriff auf Schaffner: Blumen, Schweigeminute und klare Worte in Landstuhl

Zwei Tage nach dem tödlichen Angriff auf den Zugbegleiter wirkt am Landstuhler Bahnhof alles ruhig.
Zwei Tage nach dem tödlichen Angriff auf den Zugbegleiter wirkt am Landstuhler Bahnhof alles ruhig.

Fassungslosigkeit, Unverständnis, Sorge: Was die Bürgermeister, Anlieger und Bahnreisende in Landstuhl zu der tödlichen Attacke auf den Zugbegleiter Serkan C. sagen.

„Ich bin wirklich fassungslos“, zeigt sich Peter Degenhardt, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Landstuhl, erschüttert von den brutalen Schlägen, die einen 36-jährigen Schaffner am Montag kurz hinter dem Landstuhler Bahnhof in der Regionalbahn Richtung Homburg letztlich das Leben gekostet haben. „Meine Frau nimmt jeden Tag diesen Regionalexpress, wenn sie zu ihrer Arbeitsstelle in Völklingen und zurück fährt. Natürlich kennt sie daher viele der Zugbegleiter.“ Auch das Opfer sei ihr vom Sehen her bekannt gewesen, sagt Degenhardt.

Gemeinsam mit seinem städtischen Amtskollegen Mattia De Fazio und weiteren CDU-Parteifreunden hat er am Dienstag am Landstuhler Bahnhof Blumen niedergelegt und an der bundesweiten Schweigeminute teilgenommen. „Das war mir wichtig“, betont der Bürgermeister. Die zunehmende Gewalt gegen Angehörige der Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste und Verkehrsbetriebe sei eine beunruhigende Entwicklung. „Sie zeigt die immer mehr um sich greifende Verrohung der Gesellschaft.“ Diese trete sogar „in der noch relativ heilen Kleinstadtwelt von Landstuhl“ bisweilen zutage: „Wenn ich nur daran denke, was sich unsere Politessen oft an drastischen Beleidigungen anhören müssen!“, berichtet Degenhardt kopfschüttelnd. „Da gibt es Leute, die ticken völlig aus wegen eines Knöllchens von 20 Euro!“ Körperliche Gewalt habe es gegen die Politessen zwar bislang noch nicht gegeben, aber: „Die verbalen Ausbrüche sind so schlimm, dass wir sie abends nur noch zu zweit losschicken.“ Das helfe zumeist, weil die Autofahrer dann befürchteten, dass die Beleidigungen beweisbar sind und sie sich eher zurückhielten. „Doch wenn wir schon Fälle dokumentiert und angezeigt haben, passiert nichts. Das Ganze wird eingestellt“, kritisiert der CDU-Mann, dass die Justiz nicht härter durchgreife und dadurch andere abschrecke. Eine Ursache für die zunehmende Aggressivität in der Gesellschaft sieht Degenhardt in den sozialen Medien: „Diese Netzwerke tragen einen Großteil dazu bei, da sich dort durch die Algorithmen Blasen bilden, die die Leute fortwährend in ihren Ansichten bestärken. Die Sprüche, die dort abgesondert werden, sind unsäglich. Das sind doch Sachen, die hätte man früher nie gesagt!“

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De Fazio: „Wo kommt Aggressionspotenzial her?“

Ganz ähnlich sieht dies Stadtbürgermeister Mattia De Fazio. Auch er erkennt eine Verrohung und fragt sich: „Wo kommt dieses Aggressionspotenzial nur her?“ Von dem letztlich tödlichen Angriff auf den alleinerziehenden Schaffner Serkan C. zeigt sich der junge Vater zweier Kleinkinder geschockt: „Dass so was passiert, ist schrecklich.“ Vorfälle wie dieser trügen maßgeblich dazu bei, das Sicherheitsgefühl der Menschen zu senken. „Im Zug, aber auch auf öffentlichen Plätzen. Auch mein eigenes Sicherheitsgefühl ist nicht mehr so wie früher.“ Dennoch befürchtet der CDU-Politiker, dass nach dem großen öffentlichen Aufschrei nach der jüngsten Attacke „nichts weiter passiert und alles wie gehabt weiterläuft“. De Fazio: „Auch wenn das in diesem Fall nichts geholfen hätte: Ich finde, Video-Überwachung darf kein Tabu mehr sein. Mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz kann man prekäre Situationen entdecken und die Polizei kann dann bei Bedarf eingreifen“, plädiert er für pragmatische Lösungen, die die Sicherheit der Menschen über den Datenschutz stellten.

Ziel: Gemeinsinn wieder mehr fördern

Um die zunehmende Aggressivität und die „Ellbogenmentalität“ generell abzuschwächen, setzt der Landstuhler Stadtbürgermeister in der Sickingenstadt auf gemeinsame Aktivitäten, die die Menschen aus ihrem vereinzelten Leben herausholen und wieder mehr den Gemeinsinn fördern sollen: „Wir versuchen hier, die Leute wieder mehr zusammenzubringen. Etwa durch Aktionen wie die Adventsfenster, die Patenschaften für Beete und Bäume. Oder indem wir Jung und Alt in die Planung von Projekten wie den Mehrgenerationenplatz einbinden und sie so mit Verantwortung für ihre Stadt übernehmen. Ich hoffe, dass auf diesem Weg das Verständnis füreinander wieder wächst – zwischen Jung und Alt ebenso wie zwischen den unterschiedlichen Kulturen.“

„Landstuhler Bahnhof kein Brennpunkt“

Auch die Anlieger des Landstuhler Bahnhofs und die Bürger treibt das Thema zwei Tage nach dem Vorfall um. „Eine ganz schlimme Sache“, kommentiert Monika Böhm, die mit ihrer Schwester Renate Koper eine Buchhandlung im Bahnhofsgebäude führt, am Donnerstagvormittag den Vorfall. Möglicherweise sei es eine Lösung, immer zwei Schaffner im Zug einzusetzen, wie von der Bahn-Gewerkschaft gefordert. Den Landstuhler Bahnhof halten die beiden aber nicht für einen Brennpunkt. „Wir können nichts Negatives über den Standort hier sagen. Auf dem Bahnsteig halten sich paar arme Seelen auf. Das stimmt. Aber um die kümmert sich ja keiner.“

„Jein“ antwortet Rosemarie Kißler-Ruf auf die Frage, ob sie sich nach der tödlichen Attacke auf den Zugbegleiter noch unbesorgt in die Bahn setzt. Die Täter müssten strenger bestraft werden, findet die Frau. Die 72-Jährige macht sich Sorgen, was passiert wäre, wenn sie in so einer Situation ihren dreijährigen Enkel dabeigehabt hätte: „Nicht auszudenken.“ Nach dem Vorfall werde sie jedenfalls nicht mehr allein mit dem Kind fahren. Vor allem älteren Menschen sei wohl zu raten: „Nicht allein und immer das Handy griffbereit“, meint sie.

Fassungslos von dem Vorfall zeigt sich auch Adele Müller, die auf der Durchreise in den Kreis Birkenfeld ist. „Die Schaffner sind doch nett“, sagt die 83-Jährige. Leider komme es wohl häufiger zu Auseinandersetzungen in Zügen. So habe sie von ihrer Enkeltochter erfahren, dass diese bei einer Zugfahrt kürzlich einen Polizeieinsatz miterlebt habe. Auch in diesem Fall hätten die Personen keine Fahrkarte gelöst gehabt.

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In der Kneipe »Gleis 1«, dem Toto-Lotto-Laden, und der Buchhandlung auf der rückwärtigen Seite des Landstuhler Bahnhofs ist der tödliche Angriff auf den Zugbegleiter Gesprächsthema.
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