Totengebet RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen und das Land trauern um Zugbegleiter

Die Betroffenheit in der islamischen Gemeinde ist groß.
Die Betroffenheit in der islamischen Gemeinde ist groß.

Niemand hat eine Erklärung, warum Zugbegleiter Serkan C. bei der Arbeit erschlagen worden ist. 1100 Menschen erweisen ihm in Ludwigshafen die letzte Ehre.

Die Stimme von Imam Hassan Cakmak wird auf den großen Hof der Alemi Islam Moschee in Ludwigshafen übertragen. Er betet bereits mit rund 100 Männern oben im großen Gebetsraum, während sich im Hof die überwiegend türkischstämmigen Gemeindeglieder versammeln. Die Polizei ist vor Ort, die Gemeinde hat selbst Ordner gestellt, um bei der Ankunft der Trauergemeinde in der engen Krummlachstraße unterhalb der A650 für Ordnung zu sorgen. Zwei Torpfosten in Form silbern glänzender Minarette führen auf das weitläufige Moscheegelände. Rund 1100 Trauergäste werden es an diesem Donnerstagnachmittag sein, die unter anderem von Serif Aslam begrüßt werden, dem Vorsitzenden der islamischen Milli Görüs-Gemeinde Rhein-Neckar-Saar und dem türkischen Botschafter Gökhan Tura aus Berlin.

Sie alle sind gekommen, um sich von Zugbegleiter Serkan C. zu verabschieden, der nur wenige Hundert Meter entfernt mit seiner Familie gelebt hatte. Seit gut 15 Jahren stand er in Diensten der Deutschen Bahn, fuhr als Zugbegleiter im Regionalverkehr, bis ihn ein 26-jähriger Schwarzfahrer am Montagnachmittag in einem Zug bei Landstuhl aus noch nicht bekanntem, nicht nachvollziehbaren Grund ins Koma prügelte. Er starb in Homburg in der Klinik.

Ein Kollege und Freund

C. war ein freundlicher, stets gut gelaunter Mann, der stolz auf seine Arbeit war und auf den seine Kollegen stolz sind, „ein Freund, Nachbar, Kollege, Ludwigshafener“. So schildert es Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD), der sich am Vortag in Mannheim mit Kollegen des Zugbegleiters getroffen hatte. „Es gibt keine Worte, um Sie zu trösten“, sagt er zur Trauergemeinde und zur Familie. Aber der Opferbeauftragte des Landes, Detlef Placzek, stehe breit, um zu helfen.

Am Bahnhof Landstuhl erinnern Blumen und Kerzen an das Opfer.
Am Bahnhof Landstuhl erinnern Blumen und Kerzen an das Opfer.

Sein Vater ist Serkan C. trotz gesundheitlicher Probleme in die frühere Heimat der Familie vorausgeflogen, um die Beerdigung des Sohnes in Ludwigshafens Partnerstadt Gaziantep in Südostanatolien vorzubereiten. „Diese Tat macht uns fassungslos“, konstatiert der Ludwigshafener Oberbürgermeister Klaus Blettner. Die Tragödie habe aber auch den Zusammenhalt der Community und der ganzen Stadt geweckt: In der Stadtverwaltung gingen viele Anfragen ein, wie man der Familie am besten helfen könne. „Es war eine grausame Tat. Ludwigshafen trauert um einen von uns“, sagt Blettner, der am Mittwochabend die Familie des Verstorbenen besucht und ihr sein Mitgefühl und seine Anteilnahme ausgesprochen hatte. „Soweit wir das können, stehen wir der Familie zur Seite. Sie ist nicht allein. Wir trauern mit ihr und stehen geschlossen gegen Gewalt“, betont der OB. Der Familie sagte er konkrete Hilfe der Stadt zu: „Wir werden das organisieren.“

„Das darf nie wieder passieren“

Für C.s Arbeitgeber ist Harmen van Zijderfeld nach Ludwigshafen gekommen, Vorstand Regionalverkehr bei der Deutschen Bahn, der den Zugbegleiter als geschätzten Kollegen und Freund bezeichnet und von einer Tat spricht, die nie hätte passieren dürfen und die nie wieder passieren dürfe. Noch gibt es außer der vorhersehbaren Forderung nach härteren Strafen kein Rezept dafür, aber Schweitzer stellt fest, dass „es“ mit Beleidigungen und abschätzigen Bemerkungen gegen Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer und eben auch Zugbegleiter beginne und zunehmend eskaliere. Nun habe die Politik ihre Aufgaben zu erfüllen, um für Sicherheit zu sorgen. Es sei aber auch die Gesellschaft gefordert, jeder müsse, statt mit dem Handy zu filmen, die Sicherheitskräfte alarmieren.

Serkan Cs. mit grün-goldenem Stoff bedeckter Sarg wird durch die überwiegend aus Männern bestehende Versammlung getragen. Imam Cakmak spricht das Totengebet, bevor die Trauergemeinde der Familie des Zugbegleiters kondoliert. Schweitzer wird anschließend zum Tee und Austausch mit Vertretern der Moscheegemeinde gebeten.

Mehr Selbstschutz für Zugbegleiter

Osman Gürsoy, Ortsvorsteher der Nördlichen Innenstadt, kannte Serkan C. persönlich. „Er war ein sehr freundlicher Mensch. Vor Kurzem haben wir uns noch über den Ausbau der Frankenthaler Straße unterhalten“, berichtet Gürsoy. Es ist die Straße, in der die Familie lebt. Auch Christian Schreider, Landesbeauftragter der Allianz pro Schiene und verkehrspolitischer Sprecher der SPD Ludwigshafen, kannte Serkan C.: „Ich bin fassungslos angesichts dieser brutalen Tat, die mich auch persönlich sehr betroffen macht. Serkan hat auch mich schon im Regionalexpress nach Neustadt kontrolliert. Sein gewaltsamer Tod erschüttert. Diese Tat muss merkliche Konsequenzen haben, insbesondere was einen deutlich verbesserten Selbstschutz für die meist allein Dienst verrichtenden Kolleginnen und Kollegen angeht.“

CDU-Politiker Sertac Bilgin, ein Freund der Familie aus dem Rhein-Pfalz-Kreis, fordert: Der Vorfall müsse die Politik aufrütteln. Menschen müssten besser vor Gewalt geschützt, bestehende Gesetze besser umgesetzt werden; grundsätzlich müsse härter gegen Straftäter durchgegriffen werden.

Verunsicherte Bahnreisende

Auf der Straße vor dem Landstuhler Bahnhof rauscht der Autoverkehr vorbei. Fast ein bisschen verlassen wirken dagegen die Gleise auf der Rückseite des Gebäudes am Donnerstagmorgen. Um 11 Uhr sind die Berufspendler und Schüler weg. Es ist neblig-trüb und kalt. Die wenigen Fahrgäste, eingemummelt in dicke Jacken und Schals, hängen ihren Gedanken nach, schauen in ihr Smartphone oder trinken aus Coffee-To-Go-Bechern. Hätten Passanten nicht am Bahnsteig Blumensträuße abgelegt und Kerzen aufgestellt, würde nichts an den brutalen Angriff auf Zugbegleiter Serkan C. im Regionalexpress Richtung Homburg erinnern.

Ministerpräsident Alexander Schweitzer sichert der Familie Hilfe zu.
Ministerpräsident Alexander Schweitzer sichert der Familie Hilfe zu.

Neben der kleinen Gedenkstelle aus weißen Rosen und roten Grabkerzen wartet Denise Duflot. Nach dem Vorfall fühle sie sich nicht mehr sicher, schildert die 21-Jährige ihre Gefühle. Sie nutze genau diesen Zug – den RE 4131 – jeden Tag, um von Landstuhl nach Kindsbach zur Arbeit zu kommen. Die Attacke auf den Zugbegleiter selbst habe sie nicht mitbekommen, da sie am Montag frei gehabt habe. „Jetzt bin ich froh, wenn ich die Fahrt hinter mir habe. Man weiß ja nie, was in den Köpfen der anderen Leute vorgeht.“ Schlimme Vorfälle in der Regionalbahn habe sie bisher noch nicht erlebt. „Es gab ab und zu mal kleine Auseinandersetzungen zwischen den Fahrgästen. Aber nichts Großes, wo das Personal involviert war.“ Wenn sie ihren Führerschein gemacht habe, werde sie künftig mit dem Auto zur Arbeit fahren, auch wegen ihrer Spätschichten. „Abends im Dunkeln mit dem Zug heimfahren: Da fühlt man sich als Frau nicht wohl“, meint sie.

„Soziale Medien sind mit Schuld“

„Ein schrecklicher Vorfall. Und das nur wegen einer Fahrkarte“, sagt Emilian Sterkay. In seinem Sicherheitsgefühl fühle er persönlich sich aber nicht eingeschränkt, so der 42-Jährige, obwohl er vor einigen Jahren selbst einmal einer Schaffnerin geholfen habe, sich gegen mehrere junge Männer zur Wehr zu setzen. „Die hatten kein Ticket und haben die Zugbegleiterin geschubst, nachdem sie sie daraufhin angesprochen hatte“, erinnert er sich. Damals sei die Sache glimpflich ausgegangen, weil die Männer beim nächsten Halt freiwillig ausgestiegen seien. Vielleicht wäre es eine Lösung, nur noch Fahrgäste mit gültigem Fahrschein auf die Bahnsteige zu lassen. Die Kontrollen also vorzuverlagern, meint er. „Aber dazu müsste die Bahn wohl Milliarden investieren.“

Durch die sozialen Medien und das Fernsehen sei die Hemmschwelle gesunken, Gewalt anzuwenden, findet Jochen Kassel, Betreiber des Toto-Lotto-Ladens im Bahnhofsgebäude. „Die Darstellungen dort suggerieren, dass es völlig in Ordnung ist, jemanden zu schlagen. Das ist einfach nicht mehr normal.“

„Die Gesellschaft verroht immer mehr“, sagt auch Monika Böhm, die zusammen mit ihrer Schwester Renate Koper die Buchhandlung im Bahnhofsgebäude betreibt. Der Vorfall sei Gesprächsthema unter den Kunden. Jetzt fühlten sie sich zwar nicht direkt gefährdet beim Zugfahren, aber auch nicht mehr richtig wohl. „Ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn ich bei so einer Situation dabei wäre“, sagt Böhm.

x