Ludwigshafen „City West“ als Blaupause für deutsche Innenstädte der Zukunft?

Das „City-West“-Gebiet und die sechs Bearbeitungsfelder.
Das »City-West«-Gebiet und die sechs Bearbeitungsfelder.

Den Verantwortlichen zufolge handelt es sich um ein bundesweit einzigartiges Projekt, das Ludwigshafen riesige Chancen eröffnet: die Entwicklung des neuen Quartiers „City West“ entlang der künftigen Helmut-Kohl-Allee. Es geht um 39 Hektar inmitten der Stadt. Am Donnerstag war Startschuss für das „Werkstattverfahren“.

Der Begriff „Werkstattverfahren“ klingt nicht sonderlich spektakulär: Aber wenn sich gleich zwölf Verantwortliche inklusive Oberbürgermeisterin bei einer Pressekonferenz hinter einer sehr langen Tischreihe versammeln, wie am Donnerstag im Infocenter an der Rheinallee, dann steckt da wohl doch mehr dahinter, als man vermutet. Großes. Sehr Großes.

Beteiligte bei der Pressekonferenz im Infocenter an der Rheinallee.
Beteiligte bei der Pressekonferenz im Infocenter an der Rheinallee.

In Zahlen: 39 Hektar Fläche inmitten der Innenstadt. Ein neues Stadtquartier mit dem Arbeitstitel „City West“, das es flankierend zur geplanten Helmut-Kohl-Allee zu entwickeln gilt – das Hauptbahnhof-Areal inbegriffen. Auf 860 Metern soll die bis zu achtspurige Kohl-Allee, die Kritiker für völlig überdimensioniert halten, bis Anfang der 2030er-Jahre die zum Abriss stehende Hochstraße Nord (B44) ebenerdig ersetzen. Gesamtkosten: gut eine Milliarde Euro.

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Perspektiven sichtbar machen

Was in der „City West“ in den nächsten 20 bis 25 Jahren entsteht, darüber soll sich nun ein ganzes Bündel von Experten – Planer, Architekten, Politiker – vier Monate lang Gedanken machen: diskutieren, Vorschläge der Bevölkerung einarbeiten und am Ende ein Konzept vorlegen, dessen Ergebnis von einer Jury bewertet wird. Die besten Entwürfe sollen in eine formale Rahmenplanung fließen und schließlich in den politischen Gremien beraten werden.

Am Donnerstag saßen mehrere an dem Prozess Beteiligte, darunter Vertreter von drei Planungsbüros, die unter 20 Bewerbern ausgewählt wurden, erstmals vier Stunden hinter verschlossenen Türen zusammen, um Aufgaben und Ziele zu definieren.

Anfang Dezember ist die nächste, dann bürgeroffene Runde des Verfahrens anberaumt, für das die Stadt 150.000 Euro investiert. Anfängliche Überlegungen sollen dann vor dem letzten Abschlusstreffen Ende Januar geschärft und konkretisiert werden. Es gehe um einen vielschichtigen Dialog und darum, Perspektiven sichtbar zu machen, betonte OB Jutta Steinruck (parteilos). „Es ist ein Brückenschlag zum Morgen. Wir brauchen Luft zum Atmen.“

„Wir stehen erst am Anfang“

Mit Blick auf die „City West“ spricht sie von einer Riesenchance für Ludwigshafen, näher an den Rhein zu rücken und die Stadtteile Mitte sowie Nord-Hemshof zu verbinden. „Das Wirtschaftliche“ werde dabei nicht im Vordergrund stehen. „Ich wünsche mir ein Quartier, in dem die Menschen glücklich sind und von dem alle etwas haben. Ludwigshafen kann dadurch nur gewinnen“, ist die OB überzeugt. Nur wenige Städte hätten die Chance, ein solch umfassendes Gebiet zu entwickeln. „Wir stehen jetzt am Anfang eines Prozesses, bei dem wir die Menschen mitnehmen müssen. Das werden wir konsequent weiterverfolgen“, sagte Steinruck.

Ihre Euphorie teilte Professor Markus Neppl, Architekt und Stadtplaner aus Karlsruhe. Er ist Vorsitzender eines stimmberechtigten und mit hochrangigen Kollegen besetzten Fachgremiums. Es begleitet das Verfahren. Dieses biete die einzigartige Möglichkeit, die Kernstadt unter Gesichtspunkten wie Wohnen, Arbeit, Handel, Freizeit und Klima ganz neu zu denken.

 Simulation der Helmut-Kohl-Allee bei einem Bürgerforum in der Rhein-Galerie.
Simulation der Helmut-Kohl-Allee bei einem Bürgerforum in der Rhein-Galerie.

Nach dem Motto: von der antiquierten, autogerechten zur menschenfreundlichen, modernen Innenstadt. Es gebe keine Denkverbote, jeder habe Rederecht. „Wir Fachleute denken oft sehr abstrakt“, freut sich Neppl auf Impulse der Bürger. „Die sind wichtig, denn das geht alle an.“

Zum ebenfalls stimmberechtigten und beratenden Sachgremium gehören unter anderem der Stadtvorstand, die zwei betroffenen Ortsvorsteher sowie Fachleute aus der Verwaltung.

Mehr Grün und Freizeiträume

„Strukturelle Überlegungen im Sinne eines lebenswerten, umweltgerechten, innovativen und resilienten Quartiers entwickeln und vertiefen“ – und zwar orientiert an den Bedürfnissen der Bürger: So skizzierte Christof Kullmann vom Büro Adk, Mainz, das Ziel. Das Büro betreut das Verfahren im Auftrag der LU-City Entwicklungs-GmbH für die Stadt inhaltlich und organisatorisch.

Mit den drei international tätigen Büros bewege man sich bei der Stadt- und Landschaftsplanung auf Champions-League-Niveau, sagte er. Franziska Lesser vom Club L94 Landschaftsarchitekten aus Köln meinte: „Unsere DNA ist es, zu versuchen, komplizierte Räume zu entwirren.“ Leon Wittmaack vom Büro Adept (Kopenhagen, Hamburg) sagte: „Der dänische Planungsansatz stellt den Mensch in den Mittelpunkt.“ Für seinen Kollegen Guido Roth könnte Ludwigshafen sogar zur „Blaupause für deutsche Innenstädte“ werden.

Was Ludwigshafenern in dem Quartier wichtig ist, hat die Verwaltung bereits in einem ersten Schritt ermittelt. Vom 19. August bis 6. September konnten sich Interessierte unter www.ludwigshafen-diskutiert.de im Netz äußern. In dieser Zeit gab es 400 Seitenaufrufe, 532 Kommentare sowie laut Kullmann 125 „sehr konstruktive Beiträge“. Ganz vorne auf der Wunschliste rangierten die Themen „Mehr Grün und Freizeiträume“, „Mobilität“ sowie „Nachbarschaft“. „Das ist ein klares Statement der Bürgerschaft“, bilanzierte Kullmann.

Ein Interview mit Hochstraßen-Koordinator Eberhard Küssner lesen Sie hier.

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