Interview
Warum der Hochstraßen-Koordinator von einer „supergeilen Chance“ für Ludwigshafen spricht
Herr Küssner, zahlreiche Baustellen, über 30 beteiligte Firmen, Tausende Tonnen Material, jede Menge Bürokratie und unglaublich hohe Kosten. Wie behält man bei einem solchen Mammutprojekt den Überblick?
Die Bürokratie ist tatsächlich das geringste Problem, das läuft. Da ist alles geregelt. Wir haben klare Vorgaben, was wir zu tun haben. Dieses Projektziel setzen wir um. Aber Sie haben natürlich recht: Das Gesamtvorhaben Hochstraßen Nord und Süd – B44 und B37 – inklusive dem Bau der Kohl-Allee ist eine unglaublich komplexe Angelegenheit. Deshalb haben wir das Ganze in fünf Teilprojekte mit einem jeweiligen Leiter und Teilprojektgruppen aufgeteilt. Das sind jeweils Spezialisten für ihre Aufgaben.
Und bei Ihnen laufen am Ende die Fäden zusammen?
Richtig. Ich koordiniere diese Teilprojekte und die Gesamtmaßnahme. Ich bin aber voll auf die Mithilfe meiner Kollegen angewiesen. Gemeinsam haben wir das ganz gut im Griff.
Bei Ihrem jüngsten Sachstandsbericht im Bau- und Grundstücksausschuss haben Sie angedeutet, dass die Kosten für die Helmut-Kohl-Allee möglicherweise um 80 auf 865 Millionen Euro reduziert werden können. Was war die Grundlage Ihrer Berechnungen?
Der Bau der Kohl-Allee wird nach aktuellen Prognosen nicht günstiger, sondern weniger teuer. Das ist ein großer Unterschied (lacht). Da muss man differenzieren. Für den Förderbescheid haben wir im Dezember 2021 einen Betrag ermittelt, wenn wir ihn zum damaligen Zeitpunkt hätten bezahlen müssen. Für uns war es wichtig, dass wir von Anfang an das Visier hochklappen und klarmachen: Das ist nicht alles. Wir haben Baupreissteigerungen. Die durften zunächst nicht berücksichtigt werden.
Daher die kontinuierlich erstellten Kostenprognosen?
Genau. Bei unserer jüngsten Prognose im Juni 2024 haben wir den Versuch gemacht, die Baupreissteigerungen für die nächsten zehn Jahre abzuschätzen. Ausgehend davon, dass die sehr hohen Baupreissteigerungen von 20 Prozent und darüber hinaus bei unserer Prognose vom März 2023 nicht so hoch bleiben und abflachen werden. So haben wir kalkuliert und sind aufgrund der weit unter ein Prozent gefallenen Baupreissteigerungen zum Ergebnis gekommen, dass bei einer in etwa gleichbleibenden Entwicklung unsere Kostenprognose von 945 auf 865 Millionen Euro reduziert werden kann. Natürlich ist das immer ein Blick in die Glaskugel, weil wir das alles nicht mit Sicherheit voraussagen, sondern eben nur grob abschätzen können.
Weckt das nicht falsche Erwartungen?
Mir ist es ganz wichtig, dass wir als Verantwortliche offen darüber reden. Ich möchte nicht, dass einer in zehn Jahren die alten Zeitungsartikel herauskramt und sagt, der Küssner hat damals versprochen, es wird billiger. Wir wissen nicht, was passiert. Wir werden aber jedes Jahr neue Prognosen erstellen, um zu wissen, wo wir stehen. Der Politik und der Öffentlichkeit muss klar sein, dass das eine volatile Angelegenheit ist. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang: Wir werden nichts umplanen und bauen genau so, wie vorgesehen, um die Fördergelder nicht zu riskieren.
Noch mal zur Klarstellung: Bei den 865 Millionen Euro handelt es sich ausschließlich um die Kosten für den Komplex Kohl-Allee?
Richtig. Da sind die Kosten für die neue Hochstraße Süd und die Sanierung der Weißen Hochstraße, rund 120 Millionen Euro, nicht inbegriffen. Im Vorjahr hatten wir im Ausschuss die Gesamtkosten mit 1,12 Milliarden Euro kalkuliert. Stand Juni 2024 sind es 80 Millionen Euro weniger. Die Südtrasse ist ja von Inflationsschwankungen nicht so sehr betroffen, weil die Arbeiten schon Ende 2025, Anfang 2026 beendet sein sollen.
Bei Ihren Vorträgen spürt man trotz der drögen Materie immer einen gewissen Enthusiasmus. Ihre Aufgabe macht Ihnen sichtlich Spaß.
Ja, definitiv. Es ist zwar ein knochenharter Job, aber der beste, den ich mir vorstellen kann. Das an der Kohl-Allee entstehende Quartier „City West“ ist eine große Chance für Ludwigshafen. Das muss man auch mit Begeisterung rüberbringen. Die Bevölkerung ist davon seit Jahren sehr stark betroffen. Seit 2010 wissen wir im Prinzip, dass die Hochstraße Nord weg muss, seit 2015 gibt es Verkehrseinschränkungen. 2019 war die Südtrasse einsturzgefährdet, im Sommer 2020 wurde die Pilzhochstraße abgerissen. Die nächste Zumutung. Pendler stehen morgens im Stau, es ist laut, es ist dreckig. Aber jetzt geht’s endlich los. Das ist überall sichtbar. Ich bin überzeugt davon, dass wir die Chancen besser transportieren müssen.
Sie sprechen die Kritik gegenüber der bis zu achtspurigen Kohl-Allee an. Viele halten Sie für überdimensioniert.
Um die neue Kohl-Allee herum wird eine Freifläche inmitten der Stadt entstehen – ob man jetzt deren technisch bedingte und daher nicht vermeidbare Breite gut findet oder nicht. Unter Beteiligung der Bürger kann man sie neu überplanen, um dort etwas Tolles zu entwickeln. Diese Möglichkeit haben nicht viele Städte.
Es ist eine sehr lange Durststrecke.
Das ist richtig. Wir haben aber auch schon eine lange Durststrecke hinter uns, in der nichts passiert ist, die Leute nichts gesehen und manche kritisiert haben, ihr kriegt ja nix gebacken. Jetzt wird gebaggert, gebaut, die ersten Brückenabschnitte stehen. Wir bekommen sogar Dankesbriefe: „Super, dass ihr uns umfassend informiert. Super, dass sich was tut. Wir freuen uns drauf.“ Es gibt auch Leute, die motzen und fragen, warum muss man das Rathaus abreißen? Unterm Strich gibt es aber mehr Leute, die etwas Positives mit dem Projekt verbinden. Die Begeisterung und Perspektive für dieses Megavorhaben müssen wir noch besser transportieren. Ich sehe es als Teil meiner Verantwortung, da mitzuhelfen, und bin felsenfest davon überzeugt, dass das eine supergeile Chance für Ludwigshafen ist. Die Menschen können sich jederzeit auf der Internetseite der Stadt informieren, etwa anhand von Visualisierungen. Ich filme auch selbst und erkläre dabei, was wir da draußen tun. Die Menschen sollen nicht vorm Bauzaun stehen und nicht wissen, was dahinter vor sich geht. Sie müssen sich mitgenommen fühlen.
Für die neue Südbrücke wird gerade das dritte Teilstück über die Mundenheimer Straße gebaut. Sind Sie zuversichtlich, dass die 520-Meter-Lücke bis Ende 2025 geschlossen ist? Das ist ja die Voraussetzung dafür, dass der eigentliche Nordabriss starten kann.
Anfang 2026 wird der Ersatzbau der Pilzhochstraße fertig. Wir hatten zu Beginn Schwierigkeiten, weil wir im Untergrund viele Sachen gefunden haben, die da nicht hingehören. Leitungen und Kabel mussten im großen Stil umverlegt werden. Wir mussten 19 Kilometer Kampfmittelsondierungen machen. Das alles hat Zeit gekostet und uns aufgehalten. Aber die Jungs der Baufirma machen einen sehr guten Job und haben bereits Zeit aufgeholt, weil die 170 Bohrpfähle für die 43 Brückenpfeiler schneller als geplant bis zu 20 Meter in die Erde getrieben wurden. Das lief super.
Manche Beobachter nennen Sie das Gesicht des Hochstraßenprojekts.
(lacht) Das ist zu viel der Ehre. Ich bin zwar häufiger in irgendwelchen Gremien als andere und damit prominenter in den Medien vertreten, aber das ist natürlich eine absolute Teamarbeit. Zu den fünf Teilprojekten kommt ja noch sechstes, das dann für den Abbruch zuständig ist.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass das ganze Projekt Anfang der 2030er-Jahre wie geplant vollendet ist?
Ich bin sehr guter Dinge, auch wenn es dann sicher noch Restarbeiten geben wird. Das würde auch für mich gut passen, denn dann kann ich entspannt in Rente gehen (lacht).
Und wie zuversichtlich sind Sie, dass Bund und Land als Fördergeber mitgehen, wenn das Projekt letztlich doch noch viel teurer wird? Bisher liegt deren 85-Prozent-Anteil bei knapp 475 Millionen Euro. Ihrer jüngsten Prognose zufolge würde er auf 660 Millionen Euro steigen, bei der Stadt blieben demnach 205 Millionen Euro hängen.
Wir haben einerseits die mündliche Zusage von Bundesverkehrsminister Volker Wissing, auch wenn keiner weiß, wie lange er noch im Amt ist. Ich hoffe, dass liest er nicht (lacht). Was aber letztlich zählt, ist der schriftliche Vermerk des Landesbetriebs im Prüfbescheid, dass inflationsbedingte Kostensteigerungen förderfähig sind. Daher bereitet mir das Thema keine schlaflosen Nächte.
Wie es mit der „City West“ weitergeht, lesen Sie hier.
Zur Person: Eberhard Küssner
Der Gesamtprojektleiter für das Hochstraßensystem innerhalb der verantwortlichen Bauprojektgesellschaft (BPG) ist in Ludwigshafen geboren und hat in Darmstadt Bauingenieurwesen studiert. Der 54-jährige Diplom-Bauingenieur ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Bad Dürkheim.
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www.ludwigshafen.de, Bereich Hochstraßen