Stadtteilspaziergang: Rheingönheim
Ortsvorsteher beklagt Stillstand bei Sanierung von Flüchtlingsunterkunft
Beim Start des Spaziergangs durch seinen Stadtteil am Dorfbrunnen vor dem Gemeindehaus in der Rheingönheimer Ortsmitte freut sich Wilhelm Wißmann, dass er erst mal eine gute Nachricht zu verkünden hat: „Wir haben einen neuen Schaukasten“, berichtet der Ortsvorsteher fröhlich und zeigt stolz auf das blanke Schmuckstück. Dank einer großzügigen Spende der Firma Kempf Büroeinrichtungen, die im Gewerbegebiet „Mörschgewanne“ ansässig ist, sei es möglich gewesen, den alten Kasten zu ersetzen.
Viel mehr hat sich jedoch im Zentrum des südlichen Stadtteils im vergangenen Jahr nicht getan. Seit einer halben Ewigkeit wartet Wißmann nun schon auf die fix und fertig geplante Sanierung des denkmalgeschützten Gemeindehauses, in dem sich sein Büro, der Gemeindesaal und der Jugendtreff befinden. Immer wieder wurde das Projekt verschoben. Ursprünglich sollte schon im Frühjahr 2022 zunächst der Keller in Angriff genommen werden. Danach sollten die Dach- und Fassadensanierung auf dem Programm stehen. Mittlerweile hüllt sich die Stadtverwaltung zu Terminen in Schweigen. Jedenfalls hat Wißmann derzeit keine Hinweise aus dem Bereich Gebäudemanagement zum Start und zur Dauer der Gebäudesanierung. Nur dass es Personalengpässe gebe, weiß der 77-Jährige zu berichten.
Große Pfützen, ungepflegte Grünflächen
Aus dem Ortskern führt der Spaziergang – beziehungsweise eine Fahrt mit dem Auto – vorbei am repräsentativen Gelände der Firma Berkel zu diversen Schrotthändlern in den Rampenweg. Ganz am Ende der Sackgasse befindet sich hier eine große Sammelunterkunft für Geflüchtete, die jedoch seit Längerem teilweise leer steht. Das bekümmert den Ortsvorsteher. Ebenso wie der Zustand der Wohnanlage insgesamt, angefangen bei den riesigen Pfützen am Eingang über die ungepflegten Grünflächen bis hin zu einem verwahrlosten Sandspielplatz. Insgesamt stehen laut Verwaltung in den drei Häusern im Rampenweg 6, 8 und 10 für Geflüchtete 47 Zimmer und 26 Appartements zur Verfügung. Angaben vom Jahresanfang zufolge sollen in den beiden belegten Gebäuden 70 Personen leben. Aber zu sehen sind hier nur ein älterer und zwei junge Männer, die mit gesenkten Blicken schnell in den Häusern verschwinden.
Schon Anfang November 2021 stand fest, dass ein zweigeschossiges Haus mit 23 Appartements im Rampenweg 8 für 600.000 bis 800.000 Euro saniert werden muss. Bis Ende Juli 2022 sollte eigentlich alles fertig sein. Aber daraus wurde nichts – bis heute, weil immer wieder Wasser ins Erdgeschoss eingedrungen ist. Daher hat die Verwaltung umfangreiche Untersuchungen eingeleitet. „Versickerungsversuche und eine Analyse des Bodenaufbaus haben ergeben, dass im Bereich des Gebäudes oberflächennah eine bindige Bodenschicht liegt, die kaum Versickerung zulässt“, sagte eine Sprecherin dazu am Jahresanfang. Inzwischen hat die Stadtverwaltung mitgeteilt, dass dieses mittlere der drei Gebäude am Standort Rampenweg komplett abgerissen werden soll. Varianten zum Aufbau neuer Gebäude auf dem Areal würden derzeit geprüft.
Lob für soziales Engagement von Unternehmen
Als nächstes Ziel steuert Wißmann die Zentrale der Bäckerei Görtz in der Hauptstraße an. Das Café ist an diesem Vormittag fast voll besetzt, und der Ortsvorsteher genießt einen Cappuccino in der milden Frühjahrssonne an einem der Tische unter freiem Himmel. Er lobt das soziale Engagement der Rheingönheimer Unternehmer, allen voran Görtz und Berkel. Ohne deren Sponsoring seien viele Veranstaltungen und Programme gar nicht mehr möglich, betont der Christdemokrat.
Die Görtz-Zentrale wurde in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Auf die frühere „Backstube“, also den hinteren Teil des Gebäudes, wurde ein Geschoss aufgesetzt. Über einen neuen Eingang und ein Treppenhaus an der Rückseite ist dieser Bereich für die Beschäftigten zugänglich. In den einstigen Personalräumen sind zusätzliche Büros entstanden. Für das Projekt musste die nördliche Grenze des alten Bebauungsplans um 15 Meter weiter nach Norden verschoben werden. Außerdem musste die zulässige Gebäudehöhe von zehn auf 15,50 Meter erhöht werden. Weitere Expansionsmöglichkeiten für den Betrieb gibt es an diesem Standort nun nicht mehr.
Sanierung für 2,8 Millionen Euro
Weiter geht es zum nächsten Ziel: die Bezirkssportanlage am Dorfrand, die im Mai 1977 eingeweiht wurde. Die Sanierung, die im vergangenen Mai gestartet ist, soll bis zum Sommer fertig werden. Das Großspielfeld wird von einem Natur- in einen Kunstrasenplatz umgewandelt. Das Kleinspielfeld erhält ebenso einen Kunstrasenbelag, bisher war es ein Tennenplatz. Das Großspielfeld erhält eine neue Flutlichtanlage, die Anlage des Kleinspielfelds wird auf LED umgerüstet. Die 400-Meter-Rundlaufbahn wird durch eine 100-Meter-Kurzstreckenlaufbahn aus Kunststoff ersetzt und durch eine Weitsprunganlage ergänzt. Künftig wird Regenwasser in einer Zisterne aufgefangen und steht dann zur Bewässerung der Anlage zur Verfügung. Die Gesamtmaßnahme kostet 2,8 Millionen Euro. Rund zwei Millionen Euro davon übernimmt der Bund mit dem Förderprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“.
Die Bezirkssportanlage steht seit ihrer Eröffnung in erster Linie dem Vereinssport, darüber hinaus aber auch dem Schulsport zur Verfügung. Überwiegend wird die Anlage derzeit vom ortsansässigen FC Arminia genutzt. Die Sanierung der Anlage war nötig geworden, weil der Spielbetrieb seit Jahren nur erschwert möglich war, da nach Regen immer wieder das Wasser auf dem Rasen stehen blieb und nicht versickerte.
Zum vermeintlichen Durchbruch bei der Innenentwicklung des Stadtteils, die Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (parteilos) eine „Win-Win-Strategie“ nannte, sagt Wißmann: „Wir sind mit dem Ergebnis der Konzeptvergabe sehr zufrieden.“ Auf dem städtischen Areal am Hohen Weg (rund 7100 Quadratmeter), derzeit vermietet und genutzt vom TVR, sollen künftig ein Nahversorger (Aldi Süd), Wohnungen, eine Tagespflegeeinrichtung für Senioren und eine Bäckerei mit Café (Görtz) das Leben im südlichen Stadtteil bereichern.
Zwei Herausforderer
Bei den Kommunalwahlen am 9. Juni bewirbt sich Wilhelm Wißmann, der seit 2017 Rheingönheimer Ortsvorsteher ist, um eine weitere Amtszeit. Der Unternehmer im Ruhestand und Familienvater, der sich auch in diversen Vereinen engagiert, tritt gegen zwei jüngere Herausforderer an: Rainer Geiger (61), Vorsitzender der SPD Rheingönheim, und Katharina Laun (37), die Spitzenkandidatin der FDP Ortsbeiratsliste.
Der letzten Stadtteilspaziergang (Gartenstadt) finden Sie hier.