Interview RHEINPFALZ Plus Artikel 60 Jahre Bäcker Görtz: Ein Gespräch über Familie, Wachstum, neue Drive-in-Filialen und halbe Brote

„60 Jahre Freude am Brot“ – so lautet das Firmenmotto zum Jubiläum: Peter Görtz (54) und seine Tochter Anabel (22).
»60 Jahre Freude am Brot« – so lautet das Firmenmotto zum Jubiläum: Peter Görtz (54) und seine Tochter Anabel (22).

Mit über 200 Filialen ist die Bäckerei Görtz Marktführer in der Metropolregion Rhein-Neckar. Mitte September feiert der Familienbetrieb 60. Geburtstag. Mit Geschäftsführer Peter Görtz und seiner Tochter Anabel hat Steffen Gierescher über steigende Preise, neue Drive-in-Standorte, halbe Brote und den Mehrheitseigner gesprochen.

Herr Görtz, zunächst einmal Glückwunsch. Sich sechs Jahrzehnte am Markt zu behaupten und fortlaufend zu wachsen, ist eine reife Leistung. Was ist die Basis Ihres Erfolgs?
Peter Görtz: Es ist wirklich die Familie. Inzwischen führt die zweite Generation mit zwei Familienstämmen seit Jahren den Betrieb, die dritte steigt gerade ein. Das prägt.

Anabel Görtz: Die extreme Stärke ist, dass die Familie viele Bereiche selbst abdeckt und an mehreren Themen gleichzeitig arbeiten kann.

Der Expansionskurs setzt sich sichtbar fort. Das zentrale Backhaus in Rheingönheim wird um einen 5200 Quadratmeter großen Anbau erweitert. Wann ist die Einweihung?
Peter Görtz: Das ist kein Start wie bei einer Rakete. Die Inbetriebnahme erstreckt sich über mehrere Wochen. Anfang September geht’s los.

Was genau wird dort entstehen?
Peter Görtz: Mit der Zusatzfläche erhöhen wir die Kapazität und machen einen technologischen Schritt nach vorne, mit dem wir die Arbeit der Kollegen, etwa das schwere Heben, erleichtern und vereinfachen.

Anabel Görtz: Dort wird die Tagschicht der Brötchenzubereitung Platz finden, das entlastet die körperliche Arbeit. Zudem wird sich die kalte Konditorei stark erweitern, in der mit Rohstoffen in gekühlter Umgebung gearbeitet wird – und es entsteht ein ganz neuer Sozialtrakt.

Die Pandemie hat das Projekt verzögert. Ist es auch teurer geworden?
Peter Görtz: Wir haben einerseits anderthalb bis zwei Jahre verloren, aber andererseits auch nichts, denn der Betrieb hat sich in dieser Zeit hervorragend entwickelt. Wir liegen rund 30 Prozent über der ursprünglichen Kalkulation. Die exakten Kosten behalten wir für uns.

5200 Quadratmeter zusätzlich: Der Görtz-Anbau in Rheingönheim geht ab September in Betrieb.
5200 Quadratmeter zusätzlich: Der Görtz-Anbau in Rheingönheim geht ab September in Betrieb.

Die Preise steigen, die Menschen haben immer weniger Geld in der Tasche. Spürt das Ihr Unternehmen?
Peter Görtz: Wir sind Teil dieser Welt und können uns davon nicht abkoppeln. Unsere Preise haben wir sehr zurückhaltend angehoben, in den vergangenen 18 Monaten im Schnitt um sieben Prozent, was im Vergleich sehr moderat ist. Backware muss als Grundnahrungsmittel für jeden bezahlbar sein. Unsere Preispolitik ist ein Grund dafür, warum wir weiter Kundenzuwächse haben, der zweite ist die Rückkehr zur Normalität nach Corona.

Was heißt das in Zahlen? Im Vorjahreszeitraum lag der geschätzte Jahresumsatz bei 121 Millionen Euro.
Peter Görtz: Vor Corona hatten wir täglich 100.000 bis 105.000 Kunden, während der Pandemie sank die Zahl auf weit unter 90.000. Aktuell liegen wir bei 110.000 täglich, 770.000 in der Woche. Den Jahresumsatz prognostizieren wir mit rund 160 Millionen Euro.

Ein Plus trotz steigender Energiekosten?
Peter Görtz: Ja. Benzin und Diesel sind zwar auch für uns teurer geworden. Aber beim Gas haben uns relativ langfristige Verträge über die Zeit geholfen.

207 Görtz-Filialen gibt es inzwischen in 68 Orten in der Metropolregion Rhein-Neckar. Ist das Wachstumspotenzial damit ausgeschöpft?
Anabel Görtz: Nein. Wir expandieren weiter auf Sicht, etwa in Kommunen, die in unserem Radius nicht komplett erschlossen sind.

Peter Görtz: In unserer Kernregion können wir uns noch verdichten, aber nicht unendlich. Große Potenziale sehe ich vor allem in den Randbereichen unseres Einzugsgebiets.

In der Backstube: Peter und Frank Görtz (rechts).
In der Backstube: Peter und Frank Görtz (rechts).

Etwa 30 Filialen betreiben Sie jeweils in Ludwigshafen und Mannheim, neun in Speyer, fünf in Frankenthal. Wird sich an dieser Zahl kurzfristig etwas ändern?
Peter Görtz: Punktuell verändert sich überall immer etwas. In Ludwigshafen haben wir zuletzt im Klinikum eine Filiale eröffnet. Darauf sind wir sehr stolz. Dieser Standort ist prädestiniert für uns. In Oppau ist bald Baustart für unsere zweite Filiale im Stadtteil. In Frankenthal wird’s 2024 eine neue Filiale geben.

Anabel Görtz: Und in Speyer eröffnen wir in den nächsten Wochen in der Maximilianstraße die zehnte Filiale.

Peter Görtz: In Worms laufen Planungen, aber auch im südpfälzischen Annweiler. Wir gehen langsam in jede Richtung. Es wird absehbar bei über 200 Filialen bleiben.

Wie läuft der 2018 eröffnete Drive-in-Görtz in der Gartenstadt?
Peter Görtz: Das ist ein toller Standort. In der stark frequentierten Maudacher Straße war die erste Filiale von Bäcker Görtz. Da hängt unser Herz dran. Der Drive-in passt dort gut. Er ist eine Besonderheit, die man nicht an jeder Straßenecke findet. Seit wenigen Tagen haben wir einen Standort auf dem Tisch für einen zweiten Drive-in in der Region. Mehr kann ich dazu sagen erst, wenn der Vertrag unterschrieben ist. Wenn sich die Gelegenheit bietet, werden weitere hinzukommen.

„Wird werden Brote auf ausdrücklichen Kundenwunsch bis auf Weiteres wieder halbieren“, sagt Peter Görtz zu der Debatte über eine
»Wird werden Brote auf ausdrücklichen Kundenwunsch bis auf Weiteres wieder halbieren«, sagt Peter Görtz zu der Debatte über einen Verkaufsstopp.

Überall werden Fachkräfte gesucht, auch im Görtz-Kosmos?
Peter Görtz: Wenn wir Stellen besetzen, müssen wir uns anstrengen. Dazu sind wir bereit. Bisher ist uns das immer gelungen. Wir haben derzeit gut 1800 Mitarbeiter. Es ist kein Abbau geplant. Das wird sich auf diesem Niveau stabilisieren.

Vor gut einem Jahr sind Sie eine „strategische Partnerschaft“ mit dem norwegischen Unternehmen FSN Capital eingegangen, das seit November 70 Prozent der Görtz-Anteile hält. Gab es schon Momente, in denen Zweifel aufkamen, ob das wirklich der richtige Schritt war?
Peter Görtz: Nein, im Gegenteil. Ich bin eher noch euphorischer als damals. Diese Partnerschaft gibt unserem Unternehmen für eine lange Zeit große Sicherheit. Das Ziel der Familie und der Führungskräfte des Betriebs ist es, die Bäckerei unabhängig zu machen von der biologischen Lebenszeit der beiden Geschäftsführer Frank und Peter Görtz. Da haben wir einen großen Schritt gemacht. Die Firma hat nun viel mehr Möglichkeiten.

Hat sich durch die Partnerschaft etwas am Firmenkurs geändert?
Peter Görtz: Nein, aber der Blickwinkel. Mein Bruder und ich können jetzt als Geschäftsführer ungeachtet unseres Alterns wirklich Vollgas geben. Wir können uns mit unserem Finanzpartner im Rücken voll auf den Betrieb konzentrieren. Wir müssen uns persönlich nicht mehr überlegen, ob wir irgendwelche Risiken oder Verpflichtungen über die eigene Lebenszeit hinaus eingehen.

Ein Unternehmen, die zweite und dritte Generation: Peter, Anabel und Frank Görtz (von links).
Ein Unternehmen, die zweite und dritte Generation: Peter, Anabel und Frank Görtz (von links).

Wie viele Ihrer Filialen laufen im Franchise-Modus?
Anabel Görtz: Genau 50. Wir nennen sie bewusst Partnerfilialen, weil man sich ohne Eigenkapital in die Selbstständigkeit wagen darf.

Wir erhalten immer mal wieder Zuschriften, in diesen Filialen leide der Service, Görtz-Standards würden nicht eingehalten. Kommt Ihnen solche Kritik auch zu Ohren?
Peter Görtz: Ja, klar. Auch bei uns passieren Fehler: in der Kommunikation, in der Produktion, beim Verkauf. Jeder einzelne stimmt uns traurig. Wir versuchen, daran zu arbeiten. Fehler passieren bei Partnern von uns aber genauso wie in herkömmlichen Filialen. Messen lässt sich das nur über die Anzahl der Reklamationen sowie an der Entwicklung des Standorts, sprich: Kundenanzahl und Umsatz. Letzteres leidet darunter, wenn etwas schiefläuft. Wir wissen aber, dass von Partnern geführte Filialen sich ähnlich gut oder manchmal sogar besser entwickeln, als Personal-geführte. Sonst würden wir eingreifen.

Wann wird offiziell 60. Geburtstag gefeiert?
Peter Görtz: Am 14. September.

Anabel Görtz: Da planen wir eine externe Party und starten in unsere Jubiläumswochen, unter anderem mit einer Aktionswoche. Es wird zwei Produkte geben, wie wir sie von früher kennen: einen Käsekuchen, wie ihn schon mein Opa gebacken hat, und ein klassisches „Gutsherrenbrot“. Unser Firmenmotto lautet „60 Jahre Freude am Brot“.

Zum SPD-Austritt von Jutta Steinruck sagt Peter Görtz: „Ich finde, ein OB sollte grundsätzlich unabhängig sein, weil er für alle
Zum SPD-Austritt von Jutta Steinruck sagt Peter Görtz: »Ich finde, ein OB sollte grundsätzlich unabhängig sein, weil er für alle da ist. Wichtig ist, dass er seiner Stadt dient.«

Ums Brot gab es zuletzt viel Theater. Was sagen Sie zur landesweiten Debatte über den Verkaufsstopp für halbe Laibe?
Peter Görtz: Wir waren ja nach Kontrollen des Eichamts quasi der Auslöser. Brot ist die einzige Backware, die nach Gewicht verkauft wird. Auf einzelnen Kundenwunsch hin wurde es überall halbiert und nicht gewogen. Es gab immer mal Reklamationen durch das Eichamt, aber keine klaren Regelungen. Das war die ganze Zeit keine große Sache. Durch zwei Kontrollen kam das Thema bei uns verstärkt in den Fokus. Daraufhin entschlossen wir uns kurzfristig, erst mal das Halbieren der Brote auszusetzen. Aufgrund des fachlichen Austauschs und der Stellungnahme des Eichamts sind wir zum Schluss gekommen, dass das Vorgehen des Halbierens nicht Schwarz und nicht Weiß ist, sondern in einem Graubereich liegt. Daher werden wir Brote auf ausdrücklichen Kundenwunsch bis auf Weiteres halbieren.

Anabel Görtz:Laut der aktuellen Stellungnahme des Eichamts ist nicht genau geklärt, wie damit umzugehen ist, wenn wir ein Brot auf Kundenwunsch hin teilen, die andere Hälfte im Regal zurückhalten und der nächste Kunde sich dann genau dafür entscheidet. Das beschreibt den genannten Graubereich.

Herr Görtz, Sie als interessierter Beobachter der Stadtpolitik: Was sagen Sie zum SPD-Austritt von Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck?
Peter Görtz: Für mich als Parteiloser ist das relativ einfach: Ich finde, ein OB sollte grundsätzlich unabhängig sein, weil er für alle da ist. Wichtig ist, dass er seiner Stadt dient.

Zur Sache: Bäcker Görtz

Die 1963 gegründete Bäckerei Görtz mit heutigem Sitz in Rheingönheim ist mit 110.000 Kunden täglich, 207 Filialen, 40 Fahrzeugen und etwa 1800 Mitarbeitern in 68 Orten Marktführer in der Metropolregion Rhein-Neckar. Das Angebot reicht von Backwaren über Cafés bis hin zum Back-Bistro „Brotzeit“. In Rheinland-Pfalz sind es 112, in Baden-Württemberg 74 und in Hessen 21 Filialen. Jeweils ungefähr 30 sind es in Ludwigshafen und Mannheim, neun in Speyer, fünf in Frankenthal. Im September 2022 hat der Familienbetrieb eine „strategische Partnerschaft“ mit dem norwegischen Unternehmen FSN Capital angekündigt. FSN, 1999 gegründet, ist ein Fonds, der besonders Gelder von Pensionskassen betreut und laut eigenen Angaben über ein Vermögen von vier Milliarden Euro verfügt. Peter Görtz (54) führt die GmbH gemeinsam mit seinem Bruder Frank (47). Peter Görtz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Anabel, 22, Bäckermeisterin und Betriebswirtin des Handwerks, studiert bald im dritten Semester Marketingmanagement, hilft schon im Betrieb mit und kann sich vorstellen, später voll einzusteigen. Romy (25) studiert Tiermedizin.

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