Ludwigshafen
Kunden hamstern elektrische Heizquellen
Der Hitzesommer soll noch eine ganze Weile andauern. Doch die üblichen Verkaufsschlager wie Ventilatoren bleiben in den Geschäften stehen. Stattdessen stürzen sich die Kunden deutschlandweit auf Heizgeräte. Dies gilt auch für den Bauhaus-Markt im Oggersheimer Gewerbegebiet. „Das sehen wir hier auch“, berichtet Philipp Kopping, Mitarbeiter im Sanitärbereich des Baumarktes. Die Nachfrage nach Kaminöfen, Ölradiatoren und elektrisch betriebenen Heizgeräten sei groß. Hauptsache kein Gas als Heizquelle.
Zwar würden Heizlüfter jedes Jahr gekauft. Etwa, um bei Festen Räume zu heizen, in denen es keine festinstallierte Heizmöglichkeit gibt. Die große Nachfrage im Sommer sei überraschend. „Die Saison beginnt normalerweise erst im Herbst“, sagt Kopping. Viele Kunden seien verunsichert und befürchteten, im Winter in kalten Wohnungen zu sitzen, falls wegen der Energiekrise in Folge des Ukrainekriegs nicht mehr genügend Gas vorhanden sein sollte.
Absolutes Novum
„Die Menschen sehen die Geräte als Absicherung, zumindest für einen kurzen Zeitraum“, so Kopping. Dauerhaft könne damit nicht geheizt werden, denn wirtschaftlich rentabel sei das Heizen mit Strom nicht. Trotzdem erwarte die Branche nicht, dass die Nachfrage bald abflacht. „Das wird jetzt wahrscheinlich erstmal so weitergehen und wir müssen schauen, wo wir die Geräte herbekommen“, sagt Kopping.
Das bestätigt auch ein Kollege in der lokalen Niederlassung einer weiteren größeren Baumarktkette. Egal, ob elektrische Heizer, Pellets oder Kaminöfen – es werde alles gekauft, erzählt ein Mitarbeiter. „Für uns ist es schon ein absolutes Novum, dass bei solchen Temperaturen überhaupt Heizgeräte verkauft werden, aber jetzt sind sogar unsere Lager aufgekauft“, sagt er. Dafür sorge die ungewöhnlich hohe Nachfrage, aber Produzenten der Geräte hätten auch Lieferschwierigkeiten.
Heizgeräte würden im Sommer für die kalte Jahreszeit produziert. Deswegen stünden diese momentan nur in geringen Mengen zur Verfügung. „Außerdem gibt es Logistikprobleme. Viele Speditionen haben zu wenige Fahrer. Das verzögert den Transport zusätzlich“, erklärt der Baumarkt-Mitarbeiter. Er hat ein regelrechtes Hamstern beim Kaufverhalten beobachtet. Über die Online-Reservierung hätten beispielsweise einige Leute versucht, Dutzende Heizgeräte zu kaufen. „Teilweise wollten die Kunden über 20 Stück abholen. Das sind viel zu große Mengen. Deswegen mussten wir die Abgabe jetzt auf die haushaltsübliche Größe beschränken, damit jeder zumindest die Chance hat, etwas zu kaufen“, sagt der Mitarbeiter.
Strom ist deutlich teurer
Außerdem steige auch die Nachfrage bei alternativen Energieträgern wie Holz-Pellets. „Wir haben dieses Jahr an zwei Tagen mehr verkauft, als im kompletten vergangenen Jahr“, so der Mitarbeiter. Er vermutet, dass sich die Nachfrage nach vorne in den Sommer verschoben hat, weil Kunden steigende Preise im Herbst befürchten. „Die Menschen verhalten sich irrational, deswegen kann man schlecht abschätzen, wie lange dieser Trend noch bleibt“, sagt der Mitarbeiter. Es sei wichtig, zu verstehen, dass die Panik vor einem Gasmangel aktuell unbegründet ist und es sich nicht lohne, dauerhaft mit elektrischen Geräten zu heizen.
Das sagen auch die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL). „Strom ist wesentlich teurer als Gas, das macht wirtschaftlich keinen Sinn“, sagt Iris von Kirschbaum, Sprecherin des Energieversorgers. Auch auf der Webseite weisen die TWL ausdrücklich darauf hin, von Heizlüftern und Ähnlichem abzusehen. Denn neben den hohen Kosten ist laut Dachverbänden wie dem Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik sowie dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs auch zu bedenken, dass es durch die übermäßige Verwendung von stromintensiven Geräten zu Überlastungen der Stromnetze und Stromausfällen kommen kann.
Energiesparen sinnvoller
Es bestehe kein Grund zur Panik, sagen die Energieversorger. Denn Privathaushalte seien im Notfallplan der Bundesregierung besonders geschützt und aktuell kann die Versorgung laut TWL gewährleistet werden. Es sei dennoch sinnvoll, Gas zu sparen. Das schone nicht nur den Geldbeutel, sondern bei geringerem Verbrauch könne auch mehr Gas in die Speicher für den Winter fließen. Dazu geben die TWL Tipps und verweisen auf die Spar-Aktionen der Bundesregierung. Neben einer geringfügig kälteren Raumtemperatur helfe es, weniger warmes Wasser zu verwenden. Also kürzer duschen oder Wäsche mit 30 statt 60 Grad waschen. Auch kann es sinnvoll sein, die Temperatur im Kühlschrank leicht zu erhöhen und bei Haushaltsgeräten Ökoprogramme oder Energiesparmodi zu verwenden. Im Moment seien die rund 70.000 Kunden der TWL, die mit Gas- oder Fernwärme und Strom versorgt werden, allerdings noch nicht beunruhigt. „Im Kundenzentrum ist es da ziemlich ruhig“, sagt von Kirschbaum.
TWL setzen auf Erneuerbare
Langfristig sei der Ausbau der erneuerbaren Energien der richtige Weg, um den Einsatz fossiler Energieträger wie Erdgas und Kohle, und damit die Abhängigkeit von Importen nach Deutschland, zu verringern, teilen die TWL mit. Hierzu zähle neben „grünem“ Wasserstoff auch die Versorgung mit Fernwärme.
Die TWL versorgen aktuell rund sechs Prozent ihrer Kunden über Fernwärme und bauen dieses Netz kontinuierlich aus. Die Fernwärme und ein Teil der Stromproduktion stammt aus der Nutzung von industrieller Abwärme, zum Großteil aus dem Müllheizkraftwerk des Gemeinschafts-Müllheizkraftwerk Ludwigshafen (GML). Hier läuft die Müllverbrennung bereits größtenteils gasunabhängig.
Müll verbrennen ohne Gas
Die benötigte Energie komme zu 98 Prozent aus den Müllverbrennungsanlagen selbst. Lediglich um die Anlagen anzuhalten oder zu starten, werde zusätzlich Energie benötigt. Diese stamme aus Öl-Brennern, wie GML-Geschäftsführer Thomas Grommes erklärt. Anders sieht es bei der Rauchgasreinigung aus. Hierfür werden aktuell noch Erdgasbrenner verwendet. „Die Erdgasmenge, die wir brauchen, ist klein“, sagt Grommes. Wie Privathaushalte und soziale Einrichtungen ist die GML im Falle eines Gasmangels besonders geschützt und die Gasversorgung gesichert. Dennoch werde gerade der Umstieg auf Alternativen ohne Gas geplant. „Die Planung soll Ende diesen Jahres feststehen, sodass wir 2024 mit der Umsetzung fertig sind“, sagt Grommes.
Energieversorgung ohne Gas spielt auch für den Verband für Energiehandel (VEH) Südwest-Mitte eine Rolle. Denn in Rheinland-Pfalz werden rund 30 Prozent der Haushalte mit Wärme aus einer Ölheizung versorgt. Und auch hier steigt die Nachfrage im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Der VEH sieht dies vor allem in der Absicherungsmentalität der Kunden begründet. „Gerade jetzt macht sich der Vorteil einer langanhaltenden Bevorratung bemerkbar“, sagt Hans-Jürgen Funke, Geschäftsführer des Verbandes. Das zeige sich auch bei Haushalten, die neben leitungsgebundener Energie wie Erdgas zusätzlich Heizöfen verwenden. Deswegen habe auch hier die Nachfrage nach Pellets, Scheitholz und Braunkohlenbriketts zugenommen. Wie auch beim Gas gibt es laut dem VEH aktuell keinen Versorgungsengpass zu befürchten, auch wenn es zu verlängerten Lieferzeiten komme.