Meinung
Kita-Notstand: Keine schnellen Lösungen in Sicht
Anfang des Jahrtausends, also vor bald einem Vierteljahrhundert, bin ich mit meiner Familie nach Ludwigshafen gezogen. Seither beschäftigt mich das Thema Kindertagesstätten in der Großstadt am Rhein. Zunächst unmittelbar als berufstätige Mutter. Als ich mich damals bei der Stadtverwaltung nach einem Betreuungsplatz für meinen fünfjährigen Sohn erkundigte, hieß es abweisend: „Da wünsche ich Ihnen viel Glück bei der Suche.“ Denn in der Innenstadt und im Stadtteil Süd gab es schon zu dieser Zeit lange Wartelisten in den Kitas. Einen Kitaplatz habe ich dennoch nach einigem Hin und Her gefunden. Zwar nicht im Süd, wo wir eine Wohnung bezogen hatten, aber immerhin im benachbarten Mundenheim. Das war zwar ein Jahr lang mit viel Fahrerei verbunden, aber dafür war mein Kind dort glücklich und fand schnell neue Freunde.
Seit fünfzehn Jahren bearbeite ich den Ludwigshafener Kita-Notstand nun schon als Journalistin. In dieser Zeit hat sich die Situation in der Stadt immer weiter verschärft. Obwohl sich die Politik parteiübergreifend die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahnen geschrieben hat. Das Gespräch mit einem Ludwigshafener Elternpaar, dessen zwei Kleinkinder in zwei Kitas getrennt betreut werden, hat mir gerade erst wieder eine Facette des Dramas vor Augen geführt. Die Familie leidet unter dem täglichen Spagat.
Dass in Ludwigshafen in fast allen Stadtteilen Betreuungsplätze fehlen, macht sich längst auch in den Grundschulen bemerkbar. In der ARD war dazu in dieser Woche eine Dokumentation unter der Überschrift „Schulverlierer – Abgehängt schon in der Grundschule?“ zu sehen. Darin ging es mal wieder um die Gräfenauschule im Hemshof, die vor zwei Jahren bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat, weil knapp 40 Kinder die erste Klasse wiederholen mussten. In dem TV-Beitrag war zum Beispiel zu sehen, wie schwer sich einzelne Kinder damit tun, einen Stift in der Hand zu halten, weil sie so elementare Fähigkeiten vor der Einschulung nicht erworben haben. Schulleiterin Barbara Mächtle wird zum Glück nicht müde, immer wieder auf diese Defizite hinzuweisen: auf fehlende frühkindliche Bildung und mangelhafte Kenntnisse der deutschen Sprache.
In Ludwigshafen soll neuerdings statt der Verwaltung eine Projektgesellschaft die Planungen von Kita-Neubauten übernehmen und deutlich beschleunigen. Bisher dauern auch vergleichsweise kleinere Erweiterungsprojekte, wie sie gerade in Mundenheim an der Christuskirche und hoffentlich bald auch in Rheingönheim an der katholischen Kita St. Joseph realisiert werden, von den ersten Gesprächen bis zum Einzug von Kindern und Erziehern ein Jahrzehnt. Bei den Vorhaben geht es jeweils um 50 zusätzliche Plätze. Am Ende fehlt das Personal, um die neuen Räume sofort in Betrieb zu nehmen. Die Verwaltung verzichtet bei der Zusammenarbeit mit der neuen Gesellschaft sogar auf Fördermittel, weil deren Beantragung angeblich zu umständlich ist und sich damit die Bauzeiten verlängern und die Kosten explodieren. Ein bürokratischer Wahnsinn! Und wer bezahlt die neue Gesellschaft?
Zudem wird es in der zugebauten Stadt offenbar immer unmöglicher, geeignete Grundstücke für neue Kitas und Schulen zu finden, die so dringend gebraucht werden. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits zwei Spielplätze und eine Grünfläche in der City für neue Kitas aufgegeben wurden, sind jetzt der Mittasch- und der Friedenspark für Kita-Neubauten im Gespräch. Dabei braucht die City, die zu den heißesten im Land zählt, dringend mehr Grün.
Viele Bürger sind wegen der schlechten Infrastruktur im Bereich Kindertagesstätten sowie auch bei den Schulen oder im Verkehr frustriert und wütend. Dass die Stadtverwaltung bei der Suche nach Erklärungen für die Dauermisere immer wieder mit dem Finger nach Mainz und Berlin zeigt, löst die Probleme vor Ort nicht. Die Erwartungen an den neuen Stadtvorstand, der 2026 an die Arbeit geht, sind groß. Hoffentlich kehren die neuen Besen gut.