Blickpunkt Pflege (9) Ein Besuch im Schwerbrandverletztenzentrum der BG Klinik

Britta Scherner bei ihrer Arbeit im Schockraum.
Britta Scherner bei ihrer Arbeit im Schockraum.

Wer Britta Scherner an ihrem Arbeitsplatz in der BG Klinik besuchen möchte, muss erst einmal die Besucherschleuse zur Station V1 passieren. Scherner ist Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege und arbeitet seit 18 Jahren im Schwerbrandverletztenzentrum, das in seiner heutigen Form 2004 in Betrieb genommen wurde.

Die Patientenzimmer heißen hier Boxen und sind mit großen Glasscheiben voneinander getrennt, so dass die Verunfallten rund um die Uhr beobachtet werden können. „Aktuell sind alle acht Betten belegt“, sagt Britta Scherner. Damit zählt die BG Klinik in Oggersheim nicht nur zu den größten, sondern auch zu den führenden Schwerbrandverletztenzentren in Rheinland-Pfalz, ja sogar deutschlandweit. Hier arbeiten Spezialisten mit viel Erfahrung – Ärzte wie auch Pflegefachkräfte. Am 12. Oktober 1968 wurde die Unfallklinik mit angegliederter „Sonderabteilung für die Behandlung von Schwerverletzten mit Brandwunden, Verätzungen und Strahlenschäden“ eröffnet.

Unsägliche Schmerzen

Die unsäglichen Schmerzen nach Verbrennungen, ausgelöst beispielsweise durch Feuer, heißes Wasser, Wasserdampf oder Chemikalien, werden durch Medikamente gelindert, die Patienten in ein künstliches Koma versetzt. Die 43-jährige Scherner sieht jeden Tag viele Schwerverletzte; Menschen, die dem Tod manchmal näher sind als dem Leben. „Jeder von uns entwickelt seine ganz eigene Art, damit umzugehen“, sagt die alleinerziehende Mutter einer sechsjährigen Tochter. Bei der Arbeit, so erzählt sie, funktioniere man einfach. „Da greift ein Rad ins andere. Es läuft immer weiter und weiter.“ Wenn dann allerdings die Schicht zu Ende ist, Scherner sich ins Auto setzt, es ruhig wird und sie in ihren Heimatort Weisenheim am Sand fährt, dann lässt sie in diesem Moment der Stille den Tag Revue passieren. Abgebrüht, nein, das ist sie auch nach 18 Jahren nicht.

„Das Team hier im Schwerbrandverletztenzentrum, das ist meine Familie. Wir reden viel miteinander, tauschen uns aus – sowohl mit den älteren als auch den jüngeren Kollegen, die vielleicht noch nicht so lange dabei sind. Und natürlich ist da auch der Rückhalt aus der eigenen Familie“, berichtet sie. Aber es gibt ja auch die glücklichen, die schönen Augenblicke im Arbeitsleben. Nämlich dann, wenn wieder einmal ein ehemaliger, inzwischen genesener Patient vorbeischaut, um einfach nur Danke zu sagen. „Wenn sie zu uns kommen und das im Idealfall auch noch auf eigenen Füßen, das ist einfach so wunderbar“, sagt sie und strahlt.

Meisten Verletzungen im Haushalt

Eigentlich hat Scherner, die trotz des fordernden, anspruchsvollen Berufs so viel Fröhlichkeit ausstrahlt, schon Dienstschluss. „Seit sieben Minuten“, sagt sie schmunzelnd mit Blick auf die Uhr. Die grüne OP-Haube, unter der sie ihre langen, blond-gewellten Haare versteckt und die blaue Dienstkleidung samt pinkfarbener Clogs hat sie noch nicht abgelegt. Ebenso die Maske nicht, aber diese ist ja ohnehin obligatorisch – nicht nur wegen Corona. Gearbeitet wird im Drei-Schicht-System. Rund 35 Pflegefachkräfte kümmern sich im Schwerbrandverletztenzentrum um die Patienten.

Dass Scherner an der BG Klinik gelandet ist, war eher Zufall, denn eigentlich wollte sie Hebamme werden. Weil es aber nicht mit einem Ausbildungsplatz klappte, lernte sie Kinderkrankenschwester, arbeitete in dem Beruf und bildete sich in zwei Jahren zur Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege weiter. Das Thema Feuer und Verbrennungen beschäftigt die 43-Jährige übrigens auch privat, denn da ist sie bei der Freiwilligen Feuerwehr in Weisenheim am Sand unter anderem in der Brandschutzerziehung tätig. Sie geht in Kindertagesstätten, leistet Präventionsarbeit, klärt über mögliche Brandgefahren auf. Denn tatsächlich passieren die meisten Brandverletzungen im Haushalt, gefolgt vom Arbeitsumfeld. Immer wieder landen auch Patienten nach Verkehrs- oder Chemieunfällen im Schwerbrandverletztenzentrum.

Für Scherner sind regelmäßige Weiterbildungen das A und O, um mit dem Fortschritt in der Medizin Schritt zu halten. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan. „Mittlerweile können Patienten mit 90 Prozent verbrannter Haut überleben“, sagt sie. Kommt ein Verunfallter ins Schwerbrandverletztenzentrum, landet er zunächst im Schockraum. Die Behandlung dauert häufig mehrere Wochen oder sogar Monate. Wenn Scherner und ihre Kollegen die Verbände wechseln, kann das schnell mal drei Stunden dauern. „Das hängt natürlich davon ab, wie viel Hautfläche verbrannt ist“, erläutert sie. Der Verbandswechsel findet unter Narkose statt.

Hohe Hygienestandards

Währenddessen kommen die Mitarbeiter ordentlich ins Schwitzen, was nicht nur an der körperlich äußerst fordernden Arbeit liegt, sondern auch an der Temperatur in der Box. Acht dieser speziellen Räume gibt es hier. „Bei einem Schwerbrandverletzten ist die Wärmeregulation gestört“, sagt die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege. So wird es schnell mal 35 bis 40 Grad warm, während die Beteiligten in kompletter Schutzmontur arbeiten. Alles Benutzte kommt anschließend in den sogenannten Entsorgungsgang.

Höchste Vorsicht und Hygienestandards sind im Umgang mit den Patienten zu erfüllen. „Durch die kaputte Haut ist das Infektionsrisiko groß“, macht die 43-Jährige deutlich. In der Folge kann es zu einer Sepsis und damit zu einem Multiorganversagen kommen. Lebensbedrohliche Begleiterscheinungen, wie das Inhalationstrauma oder Flüssigkeitsverlust über die Wunde, sind nicht selten. Scherner und das ganze Team auf Station V1 tun tagtäglich alles Menschenmögliche, um das Leben von Schwerbrandverletzten zu retten.

Die Serie

Spätestens seit der Corona-Pandemie ist das Thema Pflege verstärkt in den Blickpunkt gerückt: die Wertschätzung für die Arbeit der Pflegekräfte, deren Bezahlung oder Ausbildung. In dieser Reihe beleuchten wir einzelne Aspekte in Ludwigshafen.

Zum Nachlesen

In den bisherigen Folgen der Serie ging es um Hilfe bei chronischer Herzschwäche, Pflege im Krankenhaus und in den eigenen vier Wänden, die Arbeit auf einer Palliativstation, den Arbeitsalltag einer Pflegerin und das neue Berufsbild Pflegefachfrau. Außerdem um rechtliche Fallstricke in der Pflege und um die Pflege Demenzkranker.

Ein Blick ins Schwerbrandverletztenzentrum der Oggersheimer BG Klinik.
Ein Blick ins Schwerbrandverletztenzentrum der Oggersheimer BG Klinik.
Britta Scherner
Britta Scherner
x