Blickpunkt Pflege
Pflege im Krankenhaus: Ein Blick auf Corona und in die Zukunft
Sie sind seit 2016 Pflegedirektorin am zweitgrößten Krankenhaus in Rheinland-Pfalz. Was hat Sie motiviert, in der Pflege zu arbeiten und was fasziniert Sie an Ihrem Job noch immer?
Ich stand nach dem Abitur vor der Überlegung, wo es beruflich hingehen soll. Für mich gab es von Anfang an diese Faszination fürs Krankenhaus. Ich habe ein Praktikum gemacht und festgestellt, dass dort zukünftig meine Heimat sein wird. Was fasziniert mich damals wie heute? Der Kontakt zu den Menschen, der medizinische Fortschritt und die verschiedenen Facetten des Berufs. Und Sie sehen mich heute auch in Schwesternkleidung. Ich identifiziere mich absolut mit meinem Beruf. Jeder einzelne von uns trägt zum Gelingen eines Behandlungsprozesses bei. Wir haben in jedem Bereich Experten, die aber nur im Gesamten funktionieren können, was sich gerade auch in der Corona-Krise gezeigt hat. Da sind wir noch weiter zusammengewachsen, haben die Krise gemeinsam gemeistert.
Sie sprechen die Corona-Pandemie an. Niemand hatte so etwas auf dem Schirm. Wie ist es Ihnen gelungen, sich in so kurzer Zeit darauf einzustellen? Was haben Sie aus der Corona-Pandemie gelernt?
Die Pandemie ist mit einer Macht gekommen, auf die wir uns gar nicht vorbereiten konnten. Wir sind super flexibel und verfügen über eine hohe fachliche Qualifikation, so dass wir uns dem Thema schnell stellen konnten. Was eine ganz große Stärke war, war der Zusammenhalt. Trotz allem: Die Länge trägt die Last. Für uns war es ja nicht irgendwann vorbei. Es kam eine Welle nach der anderen. Das war eine große Belastung, da wir sehr viele schwerkranke Patienten gesehen haben. Das hat mit den Kollegen vor Ort ganz, ganz viel gemacht, wobei wir da als Haus alle gegenseitig aufeinander aufgepasst, aber auch Hilfe von außen geholt haben. Wir hatten über die gesamte Corona-Zeit hinweg externe Psychologen im Einsatz, denn wir sind ja alle nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Menschen.
Corona begleitet uns auch in diesem Jahr. Was sind aktuell die größten Herausforderungen in der Pflege?
Genau. Corona ist nicht vorbei. Wir haben nach wie vor Patienten, die an Corona erkrankt sind. Und natürlich haben wir die „normale“ Gesundheitsversorgung. Hinter uns liegt eine Zeit, die für alle eine große Belastung war. Und das „jetzt sind wir durch und können mal durchatmen“ hatten wir in dieser Form nicht. Es geht ja für uns seitdem immer weiter und insofern ist das für uns die große Herausforderung.
Sind Sie mit der Situation im Bereich der Pflege am Klinikum Ludwigshafen zufrieden oder was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?
Wir arbeiten am Klinikum ausschließlich mit einem festen Kollegenstamm, haben keine fremden Mitarbeiter, keine Leasingkräfte. Das ist ein großer Vorteil und auch wichtig, um mit einem stabilen Team zu arbeiten. Natürlich haben wir eine Fluktuation, derzeit gibt es einige werdende Mütter, die in der Corona-Pandemie aus der Patientenbehandlung rausgenommen werden. Bedarf hat man immer, aber wir können aktuell alle Bereiche stabil besetzen.
Das 2020 in Kraft getretene Pflegeberufegesetz führt die bisherigen Ausbildungen in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zu einem Ausbildungsberuf, der Pflegefachfrau beziehungsweise dem Pflegefachmann zusammen. Wie schätzen Sie das neue Pflegeberufegesetz ein? Bringt es Vor- oder eher Nachteile?
Die generalistische Ausbildung bedeutet einen Paradigmenwechsel, wenn Sie sich alleine anschauen, wie viele Fachabteilungen wir hier im Klinikum haben: Bei uns können Sie Kinder kriegen, Sie können sich aber auch einer großen herzchirurgischen Operation unterziehen. Alleine dieses Spektrum ist schwer, in eine dreijährige Ausbildung unterzubekommen.
Höre ich da eine gewisse Skepsis heraus?
Ich bin von Haus aus Optimistin. Es ist tatsächlich eine Herausforderung, der wir uns aber stellen. Wir können auch stolz darauf sein, dass wir eine Pflegeschule mit einer stabilen Lehrerschaft haben, die sich schon lange diesem Thema angenommen hat. Und deshalb waren wir gut vorbereitet.
Das Pflegeberufegesetz ermöglicht nun auch, Pflege an Hochschulen und Universitäten zu studieren. Durch die Akademisierung möchte man auch Abiturienten die Pflege schmackhaft machen. Ist das der richtige Weg?
Für uns ist die Akademisierung keine Exitstrategie „weg vom Bett“, sondern eher die Chance, dass wir die Pflege nochmal aus einem anderen Blickwinkel beleuchten und uns pflegerisch weiterentwickeln. Für uns ist es wichtig, dass Akademisierung natürlich eine Rolle spielt, aber immer mit dem Fokus, dass wir eine Stärkung der Pflege in der Versorgung der Patienten behalten wollen.
Körperlich anstrengend, schlecht bezahlt, dazu noch jede Menge Überstunden – klingt nicht gerade verlockend. Warum sollte sich jemand dennoch entscheiden, in der Pflege zu arbeiten?
Es gibt kaum einen Beruf, in dem Sie schon während der Ausbildung ein so breites Spektrum kennenlernen dürfen, darauf aufbauen und sich in verschiedene Fachrichtungen weiterentwickeln können.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Was wird sich in den kommenden Jahren im Pflegebereich verändern? Stichwort Roboter, die bereits in einigen Pilotprojekten deutschlandweit zum Einsatz kommen.
Die Pflege ist ein wichtiger Bereich in der Patientenversorgung, so dass wir in Zukunft noch mehr Spezialisierung und Weiterbildung haben werden, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Auch das Thema Digitalisierung werden wir weiter vorantreiben. Bei alledem steht aber der Mensch im Mittelpunkt. Da ist es wichtig, dass man miteinander interagiert. Und hier ist auch die Grenze eines Roboters erreicht. Menschlichkeit, Zugewandtheit und Zuneigung als Grundwerte der Pflege nämlich, die können nicht ersetzt werden. Das hat sich gerade in der Zeit der Corona-Pandemie gezeigt, als Angehörige nicht zu uns ins Haus kommen durften. Das war für uns in der Pflege nochmals eine Herausforderung, da wir hier eine zusätzliche Vermittlerrolle nach außen übernommen haben.
Die Serie
Spätestens seit der Corona-Pandemie ist das Thema Pflege verstärkt in den Blickpunkt gerückt: die Wertschätzung für die Arbeit der Pflegekräfte, deren Bezahlung oder Ausbildung. In dieser Reihe beleuchten wir einzelne Aspekte in Ludwigshafen.
Den ersten Teil der Serie finden Sie hier, den zweiten hier.