Blickpunkt Pflege
Zwei Pflegerinnen über die Arbeit auf der Palliativstation
Es ist ruhig auf der Station D7 im siebten Obergeschoss. Die Sonne scheint und zaubert ein wunderbares Licht. In der Ferne rauscht ein Güterzug vorbei. Aus dem Aufenthaltsraum dringt um die Mittagszeit leises Stimmengemurmel, der Kaffeeautomat läuft. Die Klappe des Klaviers ist heruntergeklappt. „Wenn der Musiktherapeut da ist, gibt es hier auf der Station immer eine ganz wundervolle Atmosphäre“, schwärmt Beatrice Kaube, pflegerische Leiterin der Palliativstation im St. Marienkrankenhaus. Dann öffnen sich teilweise die Türen der Patientenzimmer, der eine oder andere findet den Weg in den Aufenthaltsraum und es wird gesungen und gelacht. Man begegnet sich auf dem Flur, wechselt das eine oder andere Wort.
Kein Drumherumgerede
Direktheit und Ehrlichkeit werden auf der Palliativstation groß geschrieben. „Jeder sollte selbstbestimmt leben können. Und soweit es uns möglich ist, unterstützen wir dies auch in der letzten Lebensphase“, untermauert Kaube. Da gibt es kein Drumherumgerede, kein Ausweichen. „Die Menschen erwarten, dass man mit ihnen offen umgeht“, unterstreicht Angelika Funk, Palliativschwester auf der Station, die derzeit zehn Betten umfasst. Mit dem Neubau auf dem Gelände des St. Marienkrankenhauses wird auch die Palliativstation umziehen. Kaube und Funk erwarten eine Aufwertung, weil es dann ausschließlich Einzelzimmer geben wird. Neun Stück sollen es werden.
Das Buch, das zentral im Eingangsbereich der Station liegt, ist am Tag unseres Besuchs geschlossen. Jenem Buch nämlich kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Wenn ein Mensch stirbt, haben Angehörige, aber auch Patienten die Möglichkeit, mit einem persönlichen Eintrag Abschied zu nehmen. Eine Kerze vor dem entsprechenden Zimmer wird entzündet. Es sind Rituale, die den nahestehenden Menschen, aber auch den Pflegekräften, die die Patienten auf ihrem letzten Weg begleitet haben, helfen, Abschied zu nehmen.
Ganzheitliche Behandlung
Wer palliativ hört, denkt direkt ans Sterben. „Da gibt es tatsächlich viele Berührungsängste“, sagt Kaube. „Unsere Aufgabe ist natürlich die Sterbebegleitung, aber vor allem die Linderung belastender Symptome und auch die Symptomkontrolle.“ Der Palliativbereich habe in den vergangenen Jahren einen Wandel durchlebt, weg von der reinen Sterbebegleitung, erläutert sie. Neben der medizinisch-pflegerischen Versorgung, die unter anderem die Schmerzlinderung sowie die Linderung von Atemnot und Übelkeit zum Ziel hat, spielt im Palliativbereich die psychologische und seelsorgerische Seite eine wichtige Rolle – sei es durch Zuhören, Reden, Am-Bett-Verweilen oder einfach nur Schweigen.
„Wir behandeln den Patienten ganzheitlich“, betont Kaube. Und das ist vor allem Teamwork. Ärzte und Pflegekräfte, Psychologen und Pfarrer, Physiotherapeuten, Kunst- und Musiktherapeuten, ehrenamtliche Hospizbegleiter – sie alle arbeiten Hand in Hand. „Auch die Betreuung der Angehörigen nimmt viel unserer Arbeitszeit in Anspruch“, macht Kaube deutlich. „Dafür haben wir allerdings auch eine etwas bessere Besetzung als in anderen Bereichen, einen höheren Personalschlüssel“, erläutert die Stationsleiterin. „Natürlich könnten es noch mehr Kollegen sein“, schiebt sie augenzwinkernd, aber dennoch mit dem nötigen Ernst hinterher.
Kaube und Funk haben beide zuvor jahrelang in der Intensivpflege gearbeitet. Doch irgendetwas habe ihnen beiden immer gefehlt, sagen sie unisono. Die Palliativarbeit fordert sie – jeden Tag aufs Neue. „Aber wir brennen für unsere Arbeit. Sie ist so bereichernd“, schwärmt die 52-jährige Funk.
Starke Persönlichkeiten
Auf der Palliativstation arbeiten durchweg Fachkräfte mit sehr viel Berufs- und Lebenserfahrung. Die Jüngste im Team ist 37, die Älteste 62 Jahre alt. Den Menschen in der letzten Phase seines Lebens zu begleiten, ist eine Aufgabe, der nicht jeder gewachsen ist. „Ich würde behaupten, dass wir im Team hier alle sehr gefestigte, starke Persönlichkeiten sind“, sagt Kaube. Supervisionen, der intensive Austausch im Team, das Gespräch mit dem Pfarrer, all das helfe, den Alltag auf der Station zu verarbeiten. „Wichtig ist, dass man ein gutes, stabiles soziales Umfeld hat. Mir persönlich hilft der Glaube, aber auch die Musik“, macht die 48-Jährige deutlich. Den Tod als Teil des Lebens zu sehen, das haben die Mitarbeiter der Station verinnerlicht. Und dennoch: „Es gibt Begleitungen, die gehen einem besonders nah“, sagt Kaube. „Wir müssen immer up-to-date sein und das ganze medizinische Spektrum in der Pflege abdecken“, erklärt die pflegerische Leiterin, die selbst als beratendes Mitglied im Förderverein Hospiz tätig ist.
Viele Menschen, so Kaube, hätten am Lebensende ein Ziel: Sie möchten noch einmal nach Hause und in ihrem gewohnten Umfeld die letzten Tage, vielleicht auch Wochen, verbringen. Damit dies gelingt, arbeitet die Station eng mit den Angehörigen, den ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdiensten, mit den Hausärzten, Sozialstationen und Schmerztherapeuten vor Ort zusammen. „Deshalb verstehen wir uns auch als Netzwerker“, macht die Stationsleiterin deutlich. Das Sterben, da sind sich Kaube und Funk einig, darf kein Tabuthema bleiben.
Die Serie
Spätestens seit der Corona-Pandemie ist das Thema Pflege verstärkt in den Blickpunkt gerückt: die Wertschätzung für die Arbeit der Pflegekräfte, deren Bezahlung oder Ausbildung. In dieser Reihe beleuchten wir einzelne Aspekte in Ludwigshafen. Den ersten Teil der Serie finden Sie hier.