Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die Gegner machen mobil: Erste Bürgerinfo zur Pfalztram sorgt für reichlich Streit

Ab hier geht es mit dem Bus weiter: Endhaltestelle Oppau.
Ab hier geht es mit dem Bus weiter: Endhaltestelle Oppau.

Hitzige Diskussion zur Pfalztram im Ludwigshafener Norden. Über 200 Menschen kommen, es gibt viele Zweifel. Der Moderator muss zur Mäßigung aufrufen.

Das Projekt Pfalztram stößt im Ludwigshafener Norden auf große Skepsis. Die Verlängerung des Straßenbahnnetzes von der Endhaltestelle in Oppau in die Pfingstweide bewegt viele Menschen in den nördlichen Stadtteilen. Zur ersten Bürgerinformation über das Projekt im Pfarrzentrum St. Albert in der Pfingstweide kamen am Donnerstagabend über 200 Menschen. Das Interesse war so groß, dass zusätzliche Stühle im Saal gebraucht wurden. Die Stimmung war aufgeheizt. Mitglieder einer Bürgerinitiative machten gegen die Pfalztram mobil.

Aber nicht nur bei den Aktivisten herrschte große Skepsis, ob es tatsächlich im Ludwigshafener Norden Bedarf für einen Straßenbahnausbau gibt. Mehrere Bürger schilderten, dass die derzeit eingesetzten Busse außerhalb der Stoßzeiten oft weitgehend ohne Fahrgäste fahren würden. Ein Anwohner aus Edigheim meinte: „Ich sehe oft Busse, in denen nur drei Leute drinsitzen. Abends gibt es so wenige Fahrgäste, dass die Busse einfach durchfahren und nicht mehr an den Haltestellen anhalten.“ Ein Eindruck, den auch eine Frau aus der Pfingstweide schilderte. „Die Pfingstweide braucht mehr Busse nach Frankenthal. Zusätzliche Straßenbahnen ergeben für mich keinen Sinn“, sagte ein weiterer Anwohner aus der Pfingstweide.

Volles Haus: Über 200 Menschen kamen zur Infoveranstaltung in der Pfingstweide.
Volles Haus: Über 200 Menschen kamen zur Infoveranstaltung in der Pfingstweide.

Diskussion über Daten

Die Planer der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) hielten dagegen: Durch eine Straßenbahnverbindung würden die Fahrgastzahlen steigen, dies zeige die Erfahrung, etwa beim Ausbau der Stadtbahn im Mannheimer Norden. Der Bedarf für eine Straßenbahnerweiterung sei untersucht worden. Die Verkehrssituation für Autofahrer in Ludwigshafen und eine wachsende Bevölkerung sprächen für einen Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs. Schon heute stünden Busse häufig im Stau. Die RNV plant daher, die Straßenbahn im Norden und Süden von Ludwigshafen um insgesamt 25 Kilometer zu verlängern. Dort sollen die Gleise von Rheingönheim bis nach Waldsee fortgeführt werden. Außerdem soll es eine Verbindung zwischen der City und Dannstadt im Rhein-Pfalz-Kreis geben. Nach dem Ausbau rechnen die Planer mit mehreren Tausend zusätzlichen Fahrgästen, allein auf der Linie zwischen Pfingstweide und Waldsee könnten es 5200 Menschen sein. Eine Kosten-Nutzen-Analyse habe ergeben, dass die Pfalztram volkswirtschaftlich betrachtet Sinn ergeben würde.

Die Zahlen stießen auf große Skepsis beim Publikum in der Pfingstweide. Mehrfach wurde gefordert, eine Kosten-Nutzen-Analyse nur für den Teilausbau zwischen Oppau und der Pfingstweide vorzulegen. „Mich interessiert nicht, wer von Waldsee in die Pfingstweide fährt. Wir sind hier zufrieden mit dem Busangebot“, meinte ein Edigheimer. Die Datengrundlage wurde von Rednern angezweifelt und es wurde unterstellt, dass die Planer möglicherweise mit Zahlen zugunsten des Projekts getrickst haben könnten. „Sie benutzen Zahlen, die falsch sind“, lautete der Vorwurf. Dagegen verwahrte sich Fritz Engbarth vom Zweckverband Öffentlicher Personennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd (ZÖPNV Süd), der für die Rahmenbedingungen für den öffentlichen Personennahverkehr in Rheinland-Pfalz und den Ausbau der Infrastruktur zuständig ist.

Unmut im Saal

Konkrete Zahlen für den Teilausbau im Ludwigshafener Norden wurden bei der Veranstaltung nicht genannt, sollen aber bei der nächsten Pfalztram-Bürgerversammlung im Oppauer Bürgerhaus am 12. Mai nachgeliefert werden. „Es gibt auch eine Untersuchung für Fahrgastzahlen nur im nördlichen Bereich. Das Projekt würde sich schon dort alleine rechnen“, sagte ein Planer, der zudem darauf verwies, dass die Berechnungen bei der Kosten-Nutzen-Analyse vom Bundesverkehrsministerium vorgeschrieben seien.

Im Saal waren zusätzliche Stühle nötig.
Im Saal waren zusätzliche Stühle nötig.

Es gab Zwischenrufe wie „Quatsch“, sodass der Moderator schließlich das Publikum zur Mäßigung und zu einem sachlicheren Ton auffordern musste. Für Unmut im Publikum hatte bereits zuvor die etwa einstündige Präsentation des Projekts gesorgt, die sich viel um planrechtliche Dinge und Fördervorgaben drehte. Einige Leute verließen währenddessen gelangweilt den Saal. Der ursprüngliche Plan für die Veranstaltung – die Teilnehmer sollten einen QR-Code scannen und dann per Smartphone ihre Fragen stellen oder Themenbereiche angeben, die sie besonders interessieren – ließ sich kaum umsetzen. Stattdessen wollten zahlreiche Bürger den Planern lieber ihre Meinung zu dem Projekt per Mikrofon mitteilen. Als es um die Zeitschiene für die Pfalztram ging –, eine Erweiterung des Schienennetzes in die Pfingstweide könnte frühestens bis 2037 erfolgen – brach Hohngelächter im Saal aus. Nach einer Stunde und 15 Minuten wurde die Diskussion schließlich abmoderiert und auf Infostände im Foyer verwiesen, wo die Planer weiter Rede und Antwort standen. „Wir nehmen einige Hausaufgaben mit“, sagte später RNV-Sprecher Moritz Feier.

Reaktionen danach

„Ich fand die Veranstaltung gut“, meinte Sonja Weis (70) aus der Pfingstweide. Sie glaubt, dass es reichen würde, drei zusätzliche Busse in der Pfingstweide einzusetzen, anstatt eine Straßenbahn zu bauen. „Es hat mich gestört, dass die Kritiker so viele Fragen gestellt haben und andere Leute nicht zu Wort kamen. Ich bin generell für eine Straßenbahn, sehe aber noch viele Punkte, für die es schwer sein wird, einen Kompromiss zu finden“, sagte Ehemann Wolfgang Weis (70). Er findet, wenn schon einen Straßenbahnausbau, dann aber auch bis nach Frankenthal.

Eine rege ÖPNV-Nutzerin ist Angelika Müller (68) aus der Pfingstweide, die das Deutschland-Ticket besitzt. „Ich finde das bisherige Bus-System gut. Warum sollte man das ändern? Ich bin in 45 Minuten von hier am Mannheimer Paradeplatz“, meinte sie. Zudem würde die Straßenbahn den nördlichen Teil der Pfingstweide nicht komplett abdecken.

Vereine betroffen

Zwei Herzen in der Brust schlagen bei Mike Braun. Er wohnt in Mutterstadt, arbeitet in Mannheim und findet die bisherige Busverbindung „katastrophal“. Eine Straßenbahn wäre gut – gerade auch für die Pendler vom Land. Andererseits ist Braun auch im Vorstand der „Heartliner“, eines Musikensembles, dessen Vereinsheim zwischen Oppau und Edigheim liegt – und damit bei zwei von drei Ausbauvarianten einer Straßenbahntrasse im Weg wäre. Eine existenzbedrohende Situation für den Verein, der bereits wegen der Gasexplosion 2014 sein Vereinsheim zeitweise nicht mehr nutzen konnte. „Ich bin hin- und hergerissen, wie ich mit dem Thema umgehe. Ich bin nicht für oder gegen das Pfalztram-Projekt. Ich will den Sachverhalt noch sondieren und hoffe bei den nächsten Versammlungen auf mehr Informationen“, sagte Braun.

Seine Meinung hat sich hingegen Klaus Müller gebildet: „Das ist eine Katastrophe“, sagt der Vorsitzende des Liederkranzes 1843 Oppau, dessen Vereinsheim ebenfalls einer möglichen Trassenvariante weichen müsste. Er bezweifelte, dass die Realisierung des Projekts Pfalztram eine offene Sache sei: „Es geht doch nur noch um die Frage des Wie und nicht mehr darum, ob es sinnvoll ist.“ Er sei nicht gegen ÖPNV-Ausbau, aber mehr E-Busse seien sinnvoller, ebenso Fahrmöglichkeiten auf Abruf.

Die Pfalztram soll auch den Landkreis ans Schienennetz anbinden.
Die Pfalztram soll auch den Landkreis ans Schienennetz anbinden.

Ortsvorsteher Frank Meier (SPD) zeigte sich wenig überrascht über die aufgeheizte Stimmung bei der Versammlung. „Ich habe damit gerechnet.“ Er stellte – wie die Verkehrsplaner – klar, dass es erst einmal um eine Vorplanung gehe, die eine Entscheidungsgrundlage für eine abschließende Bewertung in ein paar Jahren sei. Ein großer Faktor sei auch die Kostenfrage. „Viele Leute denken: Das steht alles schon fest. Nein, das ist nicht so. Wir sind noch ganz am Anfang.“

Termine

Es gibt insgesamt neun Infoveranstaltungen zur Pfalztram. Die Termine und weitere Informationen im Netz unter www.pfalz-tram.de.

lu_pfalztram_ausbaustrecken_ngen
x