Ludwigshafen
Pfalztram-Pläne in LU: Anwohner im Norden üben Kritik, die RNV hält dagegen
Der geplante Straßenbahnausbau stößt im Ludwigshafener Norden auf Widerstand. Was sind die Argumente der Gegner?
Ein Kritikpunkt ist das Bevölkerungswachstum von sieben Prozent in Ludwigshafen, das als Begründung für den Ausbau von der RNV angeführt wird. Die Daten seien nicht aktuell, bezögen sich auf die ganze Stadt und nicht auf die nördlichen Stadtteile Oppau, Edigheim und die Pfingstweide, die angebunden werden sollen und in denen die Bevölkerungszahlen eher rückläufig seien. Die RNV verweist darauf, dass die Datengrundlage aus dem Jahr 2020 seriös sei und jährliche Prognosen des Statistischen Landesamts sogar von einem höheren Bevölkerungswachstum in Ludwigshafen ausgehen würden. „Die Pfalztram hat eine Netzwirkung. Wir schauen dabei auf die ganze Stadt und nicht auf kleinteilige Prognosen für einzelne Stadtteile“, sagt RNV-Planer Thomas Weisenstein. „Die Bevölkerungsentwicklung ist nur ein Teil der Betrachtung. Eine neue Stadtbahnlinie schafft auch Nachfrage, entscheidend ist die Nutzung des Angebots“, ergänzt RNV-Sprecher Moritz Feier.
Angezweifelt wird auch die Fahrgastprognose des Verkehrsunternehmens. Warum?
Laut RNV könnte die Linie Pfingstweide–Waldsee rund 5200 zusätzliche ÖPNV-Fahrten pro Tag generieren und etwa 4200 Pkw-Fahrten ersetzen. Eine Differenzierung für den Teilabschnitt Pfingstweide-Edigheim-Oppau liege nicht vor, so die Kritiker. Die Gegner gehen davon aus, dass die Nachfrage im Ludwigshafener Norden deutlich niedriger sein könnte und sich das ganze Projekt daher nicht rentiert. Das bisherige Busangebot sei ausreichend. Die RNV argumentiert, dass man den Ausbau der ganzen Strecke sehen müsse, der nicht nur den Ludwigshafener Norden umfasst, sondern auch von Rheingönheim über Neuhofen bis nach Waldsee gehen soll. Aufgrund der Förderrichtlinien müsse zuerst eine Trasse entwickelt werden, dann könnten die Fahrgastzahlen genauer prognostiziert werden. Fest stehe, dass es einen „Pulleffekt“ durch ein Straßenbahnangebot gebe – die Fahrgastzahlen würden steigen. Dies sei bisher beim Bau neuer Straßenbahntrassen immer so gewesen. „Man kann das nicht mit dem jetzigen Busangebot vergleichen – das lässt zu viel außen vor“, so Planer Weisenstein.
Hinterfragt wird auch, warum die Pfalztram vom Ludwigshafener Norden nicht nach Frankenthal eine Anbindung schafft?
Die RNV verweist darauf, dass der jetzt geplante Ausbau 2018 in Gesprächen mit den Kommunen abgestimmt worden sei. Eine künftige Erweiterung des Straßenbahnnetzes nach Frankenthal oder auch nach Speyer sei in einer zweiten Ausbaustufe noch möglich. Die jetzigen Pläne sähen eine Erweiterung des Straßenbahnnetzes um 25 Kilometer vor. Grundlage dafür seien technisch machbare und finanzierbare Varianten. „Wir können nicht zu viel auf einmal machen“, so Planer Weisenstein.
Für den Ausbau im Ludwigshafener Norden wurden von der RNV ungefähre Kosten in Höhe von 100 Millionen Euro genannt. Die Ortspolitik wies darauf hin, dass nicht alle Projektkosten förderfähig seien, und befürchtet, dass ein hoher Anteil bei der Kommune verbleiben könnte. Ist da was dran?
Die RNV räumt ein, dass die Kosten für den Ausbau nicht zu 100 Prozent über Fördergeld von Bund und Land abgedeckt werden können. Auch der Betrieb der Straßenbahn nach dem Ausbau werde die Kommunen Geld kosten. Auf welche Beträge sich die Stadt und die Gemeinden einstellen müssen, stehe noch nicht fest. „Die Kostenfrage können wir heute noch nicht beantworten“, sagt Planer Weisenstein. Die Planung der Trasse koste die Stadt aber fast nichts. Der Finanzbedarf sei abhängig von der Trassenführung. Letztlich müsse die Politik entscheiden, ob die Pfalztram realisiert wird und wie sie finanziert wird.
Die bisher genannten Planungszeiten und einen Baustart in 2034 halten Kritiker für unrealistisch. Stimmt das?
Man müsse mit einer Planungszeit von zehn Jahren rechnen, sagt Michael Heilmann vom Zweckverband Öffentlicher Nahverkehr Rheinland-Pfalz Süd. Es sei realistisch, dass die Vorentwurfsplanung für die Pfalztram bis Ende 2028 abgeschlossen werden könne. Dann lege man eine Trasse fest und plane den Bau und Betrieb weiter. Die RNV will den Ausbau des Schienennetzes in einzelnen Abschnitten voranbringen. Angefangen werden soll dort, wo bisher Straßenbahnendhaltestellen sind, also etwa in Oppau. Es sei durchaus realistisch, dass einzelne, kleinere Teilabschnitte bis 2034 fertiggestellt und in Betrieb genommen werden könnten.
In den aktuell diskutierten Planungsvarianten führt die Trasse teils mitten durch die Orte und nicht am Rand entlang. Warum?
In Edigheim ist eine Trassenführung durch die Uhlandstraße im Gespräch. Die Straßenbahn würde mitten durch ein Wohngebiet fahren, ohne Geschäfte oder andere Anziehungspunkte. Laut RNV wäre die Oppauer Straße, die Hauptstraße von Edigheim, für den Gleisbau zu schmal. Außerdem werden für barrierefreie Haltestellen mindestens 40 Meter lange, gerade Flächen benötigt. Die Straßenbahn soll das Nahverkehrsangebot verbessern. Wenn die Trassen außerhalb von Orten geführt werden, dann brauche man ein Bus-Zubringernetz. „Das Gesamtkonzept muss funktionieren, sonst wird die Akzeptanz fehlen“, sagt Planer Weisenstein. Auch in Maudach, Rheingönheim oder Mundenheim gibt es Vorbehalte.
Zwischen Edigheim und Oppau muss das BASF-Bahngleis gekreuzt werden, über das täglich zig Güterzüge in das Verkehrsterminal des Konzerns fahren. Wie soll das gehen?
Von der Endhaltestelle in Oppau soll die Straßenbahn über den Ostring weiterfahren und dann über eine noch zu bauende Brücke auf eine unbebaute Trasse zwischen Oppau und Edigheim geführt werden. „Das ist technisch machbar und wirtschaftlich darstellbar“, sagt Planer Weisenstein.
Die Pfalztram-Gegner befürchten jahrelange Großbaustellen in Oppau, Edigheim und der Pfingstweide und entsprechende Verkehrsbeeinträchtigungen sowie Beeinträchtigungen der Wohnqualität. Ist diese Furcht berechtigt?
„Auf der Grünen Wiese geht der Gleisbau viel schneller als innerorts. Es wäre unseriös, zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Bauzeiten zu nennen, nur um die Bürger zu beruhigen“, sagt Planer Weisenstein. Zweckverbandsdirektor Heilmann verweist darauf, dass Straßensanierungen sowieso immer wieder anstünden. Wenn Gleise verlegt werden, würden oft auch gleich die Abwasserkanäle und Versorgungsleitungen erneuert. Ein Ausbau schaffe daher auch einen Mehrwert für Anwohner, wirbt er.
Einige Anwohner an der möglichen Trasse befürchten, dass ihre Immobilien an Wert verlieren könnten. Ist da was dran?
„Es ist eher eine Wertsteigerung zu erwarten, weil es ein neues ÖPNV-Angebot vor der Haustür gibt“, ist RNV-Planer Weisenstein überzeugt und verweist auf entsprechende Studien.
Was ist mit Rissen in Hauswänden, Erschütterungen und Lärm durch eine Straßenbahn vor der Haustür?
Vor dem Bau einer Trasse müssen entsprechende Gutachten erstellt werden, und die RNV muss reagieren, falls eine Gefahr für Häuser besteht. Beispielsweise kann der Untergrund unter den Gleisen mit Dämpfern versehen werden. Lärm entstehe hauptsächlich durch das Kreischen von Stahlrädern auf Schienen in Kurven. Es gibt Anlagen, die Schienen mit Schmiermitteln benetzen, die das Kurvenquietschen abmildern. „Es gibt einige technische Möglichkeiten, um Probleme zu lösen“, versichert Planer Weisenstein.
Die RNV hat beim Bau der Stadtbahn Nord in Mannheim bereits Erfahrungen mit den Gegnern eines solchen Ausbaus gesammelt. Was lässt sich daraus für die Pfalztram ableiten?
„Es gibt bei einem solchen Projekt viele Ängste und Sorgen. Diese Bedenken sind legitim und nachvollziehbar. Wir wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen. Ziel des Projekts Pfalztram ist eine Verbesserung des Nahverkehrsangebots“, sagt Planer Wiesenstein. Gegen die Stadtbahn Nord in Mannheim hatte sich eine Bürgerinitiative gegründet. Nach der Inbetriebnahme der Strecke sei der Protest abgeflaut. Die RNV plant bei der Pfalztram, die Anlieger an der Planung der Trassen zu beteiligen. „Das ist der einzige Weg für uns: mit den Bürgern gemeinsam“, sagt RNV-Sprecher Moritz Feier. Das Projekt sei noch in einem sehr frühen Stadium. Ende März sollen die Termine für Bürgerinformationsveranstaltungen und Stadtteilspaziergänge in den betroffenen Orten bekanntgegeben werden. Es soll ab April auch zusätzliche weitere Angebote geben, wie Online-Informationsforen und Diskussionsplattformen.