Mannheim / Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Stürmische Proteste bei Straßenbahn-Ausbau: Das könnte auch in Ludwigshafen blühen

Gehörten beide zu den Gegnern des Mannheimer Straßenbahn-Projekts: Thomas Steitz und Gudrun Müller aus der Gartenstadt.
Gehörten beide zu den Gegnern des Mannheimer Straßenbahn-Projekts: Thomas Steitz und Gudrun Müller aus der Gartenstadt.

Der Ton war rau: Kaum ein Projekt in Mannheim hat solche Wellen geschlagen wie die Stadtbahn Nord. Im Ludwigshafener Norden kann man von diesen Erfahrungen lernen.

Ein heftig umstrittenes Verkehrsprojekt in Mannheim könnte ein mahnendes Beispiel sein, was in Ludwigshafen in Sachen Pfalztram noch bevorstehen könnte: die sogenannte Stadtbahn Nord. Zu Beginn des Jahrtausends geplant und 2016 eröffnet, verbindet die Straßenbahnstrecke seitdem die nördlichen Stadtteile besser mit der Mannheimer City und dem Hauptbahnhof. Mehr als 30.000 Bewohner sollten davon profitieren. Zum Beispiel die in der Gartenstadt. Doch gerade dort regte sich damals ein enormer Protest gegen das Vorhaben. Warum eigentlich?

Gudrun Müller und Thomas Steitz sind an diesem Dienstagnachmittag ins Bürgerhaus des Mannheimer Stadtteils gekommen. Beide sind Gegner des Projekts gewesen – und beide können sich noch sehr gut an die bewegten Zeiten erinnern. „Die Gartenstädter sind Automenschen. Hier wohnen viele Leute, die nach Frankfurt pendeln oder in die Pfalz, zum Beispiel zur BASF. Man ist von hier schnell auf der Autobahn“, sagt der 64-Jährige. Er ist heute stellvertretender Vorsitzender des Bürgervereins und politisch bei den Freien Wählern aktiv. Was ihn damals an den Stadtbahn-Nord-Plänen besonders gestört hat: „Mit einer Straßenbahn-Route zementiert man etwas. Wenn die Gleise erstmal liegen, kann man das nicht so einfach ändern. Bei einer Busverbindung ist das anders“, erklärt er.

Eine Bürgerinitiative machte mobil

Damals habe ihn Christian Specht (CDU), heute Mannheims Oberbürgermeister und davor als Erster Bürgermeister lange für den Öffentlichen Personennahverkehr zuständig, davon überzeugt, dass ein Bus nicht die gleiche Akzeptanz habe wie eine Bahn. Steitz ist kein Hardcore-Gegner des Projekts gewesen. Gudrun Müller dagegen, die heutige Vorsitzende des Bürgervereins Gartenstadt, führte den Kampf gegen die Stadtbahn Nord leidenschaftlicher. Wie viele Mitstreiter, die sich damals in der Bürgerinitiative „Stop Straba Nord“ zusammengefunden haben.

Haltestelle Freilichtbühne: Die Gartenstadt ist seit 2016 an das Mannheimer Straßenbahnnetz angeschlossen.
Haltestelle Freilichtbühne: Die Gartenstadt ist seit 2016 an das Mannheimer Straßenbahnnetz angeschlossen.

Infoveranstaltungen, bei denen die Emotionen hochkochten, Protestmärsche, Lichterketten, aus den Fenstern hängende Bettlaken mit Parolen gegen die Verlängerung der Linie 4: Zwischen 2010 und 2016 musste der damalige Bürgermeister Specht einiges über sich ergehen lassen. „Ich kann mich an eine Veranstaltung erinnern, da hingen vor dem Gebäude Specht-Puppen in den Bäumen. Er hat sich den Menschen aber immer gestellt“, erzählt Steitz.

„Da wackeln die Gläser im Schrank“

Eines der Hauptargumente von Gudrun Müller gegen das Projekt war die Linienführung und der Wegfall von Busverbindungen. „Die Bahn fährt um den Kern der Gartenstadt herum. Damals konnten plötzlich alte Leute nicht mehr mit dem Bus zum Ärztehaus, zur Apotheke oder zum Markt fahren“, erzählt die 68-Jährige. Für großen Unmut in der Gartenstadt sorgte auch die geplante Trassenführung durch enge Straßen in dicht bebauten Wohngebieten. Der Wegfall von Parkplätzen stieß bei vielen Menschen auch nicht auf Begeisterung. „Wir haben zumindest erreicht, dass die Trassenführung geändert wird – ohne den Engpass in der Kirchwaldstraße“, sagt Müller.

Alle 20 Minuten kommt hier eine Straßenbahn.
Alle 20 Minuten kommt hier eine Straßenbahn.

Alle Bedenken waren damit freilich nicht ausgeräumt. Vor allem gingen weiterhin die Menschen auf die Barrikaden, bei denen die Straßenbahn plötzlich direkt vor der Haustür vorbeifahren sollten. Stichwort Lärmbelästigung. „Die Leute, die direkt an der Straßenbahnlinie wohnen, sind noch immer verbittert und leiden. Ich kenne Beispiele, da wackeln die Gläser im Schrank, wenn eine Bahn vorbeifährt. Und das alle paar Minuten“, sagt Thomas Steitz. Er selbst wohnt 300 Meter Luftlinie von den Strecke entfernt. Und dennoch: „Am frühen Morgen höre ich das Quietschen der Bahnen in der Wendeschleife.“ Gudrun Müller ist noch viel näher dran. Die 68-Jährige wohnt keine 100 Meter von der Endhaltestelle entfernt. „Leute, die bei mir zu Besuch sind, haben schon gesagt, es gewittert. Dann sage ich ihnen: Das ist die Straßenbahn.“

RNV verweist auf Fahrgastzahlen

Müller bezeichnet sich auch heute noch als Gegnerin der neuen Straßenbahn-Strecke. Sie gibt aber zu, dass sie die Route auch immer mal wieder nutzt, um in die Mannheimer City zu kommen. „Mit dem Auto kann man das ja vergessen. Da fahre ich lieber ins Rhein-Neckar-Zentrum in Viernheim. Da bin ich mit dem Auto schneller“, sagt sie. Steitz steigt ohnehin häufiger in die Straßenbahn: „Vor allem, um ins Rathaus oder zu politischen Sitzungen zu kommen.“ Beide sagen dann auch, dass die Mehrheit der Gartenstädter inzwischen froh sei, dass es die Stadtbahn Nord gibt.

Großbaustelle 2015 in der Hochuferstraße in Neckarstadt-Ost: Das Stadtbahn-Projekt war ein Kraftakt.
Großbaustelle 2015 in der Hochuferstraße in Neckarstadt-Ost: Das Stadtbahn-Projekt war ein Kraftakt.

Aus der Zentrale der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) heißt es zu dem 78-Millionen-Euro-Projekt: Mit der Inbetriebnahme der Stadtbahn Nord in der Mannheimer Gartenstadt seien zweistellige Zuwachsraten gegenüber der vorherigen Busbedienung erzielt worden. Damit befinde man sich in bester Gesellschaft zu anderen Stadtbahn-Neubauprojekten in Deutschland.

Lehren für Pfalztram-Projekt

Geschichte könnte sich nun wiederholen. Und zwar in Ludwigshafen. Gegen die aktuellen Pfalztram-Pläne der RNV regt sich Protest. Das Schienennetz soll zum Beispiel von der Endhaltestelle in Oppau über Edigheim bis in die Pfingstweide verlängert werden. Tausende Menschen sollen von dem verbesserten Verkehrsangebot profitieren, das neben dem Ausbau der Straßenbahn im Ludwigshafener Norden auch neue Trassen von Rheingönheim bis nach Waldsee sowie von der City bis nach Dannstadt vorsieht. Während im Ludwigshafener Stadtrat fast schon Euphorie angesichts der Pläne für den Pfalztram-Ausbau herrscht und das Echo in den Landkreisgemeinden bislang positiv ist, herrscht im Norden von Ludwigshafen große Skepsis.

Seit zehn Jahren gibt es die Verbindung über die Gartenstadt in den Norden der Stadt.
Seit zehn Jahren gibt es die Verbindung über die Gartenstadt in den Norden der Stadt.

Thomas Steitz fragt sich nicht nur, ob Ludwigshafen Geld für ein Projekt dieser Größenordnung hat, sondern hat auch einen Tipp parat: „Menschen wehren sich erstmal gegen Veränderungen. Man muss deren Sorgen und Ängste ernstnehmen. Es ist wichtig, die Bürger über Foren bei Themen wie Lärmschutz einzubinden.“ Die RNV hat schon angekündigt, die Anlieger bei der Trassenplanung der Pfalztram zu beteiligen. Bei den Kosten für den Ausbau muss allerdings auch die RNV zugeben: Diese könnten nicht zu 100 Prozent über Fördergelder von Bund und Land abgedeckt werden.

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