Landau
Architekturstreit um Künstlerbau entbrannt
„Stadtbild Deutschland setzt sich für Denkmalschutz, Stadtbildreparatur, neues, traditionelles Bauen und Rekonstruktionen ein.“ So stellt sich der 2021 in Landau gegründete Regionalverband Südpfalz auf Facebook vor. Daher überrascht es nicht, dass er sich immer wieder mit Kritik an modernen Bauten zu Wort gemeldet hat, zuletzt zum Boardinghaus in der Industriestraße – wobei allerdings auch die Nähe des Vereins zum Wählerverein Pfeffer&Salz eine Rolle gespielt haben könnte, der den Ankauf des Gebäudes als Flüchtlingsunterkunft abgelehnt hat. Jetzt ist der Anbau am ehemaligen Universum-Kino, der in diesen Tagen aufgebaut wird, ins Visier der Architekturkritiker geraten.
Erst vor wenigen Tagen hatte der Verein bereits laut über ein Bürgerbegehren „mit dem Ziel der Korrektur dieser demokratischen Schieflage“ nachgedacht. Gemeint war eine von der Stadtverwaltung erteilte Baugenehmigung für einen Flachdach-Neubau am Rand von Mörzheim. Jetzt stellt er die provokante Frage, ob die Stadt noch ihrer Verantwortung gewachsen sei.
Nur Regale und Kisten?
Stadtbild ist schnell bei der Hand mit Etiketten. Das spitzwinklige Wohn- und Geschäftshaus an der Ostbahnstraße/Ecke Schlachthofstraße ist für den Verein ein verglastes Betonregal, der Anbau am Universum eine Kiste – weil er aus Holz errichtet wird. Das sei doch nur eine Architekturmode unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit, schimpft der Architekt Joachim Weißmann, zusammen mit dem Gymnasiallehrer Mario Albers einer der beiden Köpfe des Vereins. Er beruft sich bei seiner Stilkritik auf die Altstadtsatzung, die einer Verödung der Innenstadt entgegentreten sollte, nun aber ohne Not ignoriert werde. Das hatte auch SPD-Stadtrat Klaus Eisold in der jüngsten Bauausschussitzung kritisiert, in der auch schon von „Scheune“ die Rede war.
In der Beschlussvorlage für diese Sitzung findet sich eine Steilvorlage für Weißmann, wenn dem Neubau eine „Anlehnung an frühere Fischerhäuser“ an der Queich bescheinigt wird – eine Formulierung, die auch Bauamtsleiter Christoph Kamplade für ungeschickt hält. Und überhaupt: In einer Festungsstadt seien aus Brandschutzgründen großflächige Holzverkleidungen von Fassaden ausgeschlossen gewesen, argumentiert Weißmann. Dabei lässt der Architekt außer Acht, dass Landau bei weitem nicht nur Festungsstadt ist, sondern auch davor schon lange bestanden hat und insbesondere durch die Entfestigung enorm geprägt worden ist, die erst den Platz für die Ringstraßen mit ihrer ziemlich einmaligen Villenarchitektur der Gründerzeit und des Jugendstils geschaffen hat. Nach Weißmanns Festungslogik hätte es beispielsweise die hoch aufragende Festhalle nie geben dürfen, die unbestreitbar zu den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt.
„Zweckbau nicht tarnen“
Bauamtsleiter Kamplade bemüht sich um Diplomatie, wenn er von einem eigentlich guten Ansatz des Vereins Stadtbild spricht, aber einer sehr engen Auslegung der Gestaltungssatzung. Über Befreiungen von der Satzung, wie sie im vorliegenden Fall erfolgt sind, könne man immer diskutieren, räumt Kamplade ein, aber er hält Weißmanns Ablehnung eines Holzbaus aus mehreren Gründen für falsch. Es handele sich um einen Zweckbau, aus ganz profanen Gründen – Vorfertigung und schnelle Aufbauzeit – aus Holz gefertigt. Es gebe keinen vernünftigen Grund, diese Bauweise zu verstecken. Am Rathausplatz oder dem Kleinen Platz hätte auch er bei einem Holzbau Bedenken, sagt Kamplade.
Er betont, dass das Umfeld des Universum von Bauten aus ganz vielen Epochen geprägt und alles andere als einheitlich sei. Daher sei es sinnvoll, an dieser Stelle nicht historisierend zu bauen und sich nicht nur auf das „barocke Leitgebäude an der Königstraße“ zu beziehen, wie dies Weißmann tut. Während der die „monotone Gestaltlosigkeit dieser kistenartigen Architektur“ geißelt, spricht Kamplade davon, dass der schmale, aber hohe Neubau mit dem steilen Dach Grundformen der Altstadt aufgreift.
Die Stadt weiterbauen
Bastian Wieland, einer der Geschäftsführenden Gesellschafter des Karlsruher Architekturbüros Archis und Projektverantwortlicher fürs Universum, kann mit der Kritik persönlich gut leben, findet sie aber der Verwaltung gegenüber deplatziert. In Stadtplanung, Bauamt und Denkmalpflege säßen Experten, die sich „im konstruktiven Dialog“ intensiv mit dem Projekt und seinem Umfeld auseinandergesetzt hätten. Ortsbildprägend sei eben nicht nur das sogenannte Königliche Palais an der Königstraße, sondern auch der Kinobau aus den 50er-Jahren. Der Anbau für Garderoben, Kostümlager und Technik, Wieland spricht vom Künstlerhaus, müsse sich zurücknehmen, um diese beiden Pole wirken zu lassen, aber auch „die Stadt weiterbauen“. Er nimmt für den Holzbau in Anspruch, dies in den Proportionen und Formen des Mittelalters, in dem es sehr wohl Holzbauten gegeben habe, aber in moderner Formensprache zu tun. Das Künstlerhaus werde die Rückwand eines neu entstehenden kleinen Platzes bilden und die Brandmauer des C&A verdecken.
Weißmann fordert, „sich der Gestaltung humaner Stadträume zu widmen, wo sich die Bürger gerne aufhalten möchten“. Genau das wird nach Kamplades Einschätzung passieren: Der bereits erfolgte Abriss eines Vorbaus am Universum und der Neubau würden aus einem „Unort, einer Restfläche“ einen kleinen, humanen städtischen Platz mit Aufenthaltsqualität machen. Wie berichtet, ist im Erdgeschoss des Holzhauses eine kleine Gastronomie mit Außenbestuhlung vorgesehen.
Ideen für Lebensqualität
Weißmann meint, man habe es leider versäumt, für den Platz eine sinnvolle Gesamtplanung zu entwickeln. Er hätte beispielsweise „den großen platzsperrenden Vorbau des Theaters“ abgebrochen, um damit einen nennenswerten, neuen Platz an der Queich schaffen zu können. Außerdem stören ihn die Rampen, welche vor dem großen Foyer zusätzlichen Raum einnehmen. Weißmann hatte offenbar selbst vor geraumer Zeit eine Skizze angefertigt, wie man das Universum hätte umgestalten können. Diese kursiert derzeit in der Stadt. Doch Weißmann betont, das sei nur eine perspektivische Initiativzeichnung, welche als Alternative für das Kino insgesamt gedacht gewesen sei, nun aber zu weit vom Thema wegführen würde, als dass man sie zur Erläuterung des Artikels verwenden könnte. Einen aktuellen Alternativvorschlag gebe es von ihm nicht. Ideen habe er sehr wohl, wie der Platz mit der passenden Randbebauung mit Kino, Galerien vor dem C&A Gebäude und Cafés direkt an der Queich aussehen könnte.
