Landau / Pirmasens: Der B10 auf der Spur RHEINPFALZ Plus Artikel Unterwegs auf der B10 im Pfälzerwald: Von Flickenteppich bis Funkloch

2014: ein schwerer Unfall auf der B54 bei Münster. Inzwischen gibt’s dort Mittelleitplanken. Davon kann man auf der B10 nur träu
2014: ein schwerer Unfall auf der B54 bei Münster. Inzwischen gibt’s dort Mittelleitplanken. Davon kann man auf der B10 nur träumen.

Mein Münsterland hatte die B54, jetzt habe ich die B10: Wer genug vom Leben hat, fährt Bundesstraße – Stau, Funkloch, Unfall. Willkommen im Herz der Verkehrspolitik.

Udo Lindenberg hat einmal gesagt, das Beste in seinem Heimatort Gronau sei die B54, die Bundesstraße nach Münster, gewesen. Die Band Silbermond singt über die B96: „Und die Welt steht still, hier im Hinterwald, und das Herz schlägt ruhig und alt. Und die Hoffnung hängt am Gartenzaun, und kaum ein Mensch kommt je vorbei. Im Hinterwald, wo mein Zuhause ist. Schön wieder hier zu sein.“

Sucht man etwas zur B10, wird der Bundesstraßenfan ebenfalls fündig. „Wir brauchen die B10, der Bau muss weitergehen“, heißt ein Song, der aber 164 Kilometer entfernt hinter Stuttgart spielt. Die B10 bei Landau führt weder nach Münster noch in den Hinterwald. Wobei einige Landauer die Strecke in Richtung Pirmasens vielleicht doch so bezeichnen würden. Auch auf dieser Route scheint die Zeit häufiger stillzustehen. Seit Jahrzehnten fließt hier, oder sagen wir besser, tröpfelt der Verkehr durch den Pfälzerwald. Mal stockend, mal stehend: Wer zwischen Landau und Pirmasens unterwegs ist, braucht Nerven. Willkommen auf der bekanntesten Baustelle der Pfalz!

B10 und B54 auf einer Linie: zu viele Autos, zu wenig Straße – und zu viele Kreuze am Straßenrand

Die Bundesstraßen der Republik, die kleinen Brüder der Autobahnen, sind meist auch die schwarzen Schafe der Straßen im Land. Sagt einer, der über ein Jahrzehnt als Reporter über die besagte B54 zwischen Gronau und Münster (33.500 Fahrzeuge täglich) berichtet hat. Die Zahl der schweren Unfälle und Verkehrstoten auf der wichtigen Ost-West-Achse ging in dieser Zeit ins Dreistellige.

Als Stellvertretender Chefredakteur der RHEINPFALZ ist Uwe Renners viel auf Pfälzer Straßen unterwegs.
Als Stellvertretender Chefredakteur der RHEINPFALZ ist Uwe Renners viel auf Pfälzer Straßen unterwegs.

Wie kann eine Straße, auf der zu viele Autos für zu wenig Asphalt unterwegs sind, sicherer werden? Auch beim B10-Pendant des Münsterlands stellte man sich diese Frage. Die Lösung: bauliche Fahrbahntrennung auch auf dreispurigen Abschnitten, bei denen dies eigentlich nicht gemacht wird. Solche Mittelleitplanken vermisse ich besonders, wenn ich auf den dreispurigen Passagen der B10 unterwegs bin.

Von Tunnelträumen und Funklöchern – Digital Detox im Pfälzerwald

Die B10 verbindet nicht nur Landau mit Pirmasens, sondern im Prinzip auch Karlsruhe mit Saarbrücken – und weiter gedacht Österreich mit Benelux. Denn sie schließt eine Lücke im Autobahnnetz zwischen der A65 im Osten und der A6 im Westen. Ursprünglich sollte das mal die A8 übernehmen, doch die ist im Pfälzerwald nie angekommen. Wahrscheinlich hat sie sich damals verirrt und wurde irgendwo bei Zweibrücken von einer Umleitung verschluckt.

Stattdessen nun: die B10. Bis zu 30.000 Fahrzeuge täglich fuhren nach letztem Zählstand von 2022 auf der B10. Wer auf halber Strecke in einen der Tunnel fährt – Barbarossa, Löwenherz, Staufer, Kostenfels – erlebt den Albtraum jedes Digitalnomaden: Funkloch! Kein Empfang, kein Netz, keine Gnade. Dafür Tempo 60, wenn’s gut läuft. „Ich bin dann mal weg“, lautet der Standardspruch, wenn sich der Autofahrer über die Freisprechanlage bei seinem Gegenüber verabschiedet, kurz danach wieder zurückrufen kann und das gleiche Spiel sich mehrfach wiederholt. Spätestens beim dritten Mal ist die Lektion gelernt. Der schlaue Telefonierer erklärt: „Ich rufe gleich zurück, gedulde dich bitte.“

Wald, Wut und Widerstand: B10-Ausbau mit angezogener Handbremse

Der B10-Ausbau? Ein Drama in deutlich mehr als drei Akten. Pirmasens bis Hinterweidenthal ist vierspurig. Landau wird gerade aufgerüstet. In der Mitte aber: pfälzischer Flickenteppich deluxe. Felsnase bei Hauenstein? Lange unüberwindbar. Wellbachtal bis Annweiler? Kommt irgendwann. Ein 5,3 Kilometer langer Tunnel ist jetzt immerhin beschlossen – aber nur für eine Fahrtrichtung. So viel zur Gleichberechtigung im deutschen Straßenbau.

Gegner gibt es natürlich auch. Wir sind ja in Deutschland. Der BUND warnt vor dem „Zerschneiden des Biosphärenreservats“ – was ungefähr so klingt, als würde man dem Pfälzerwald einen Scheitel ziehen oder dem Luchs die Möglichkeit zu flüchten entziehen. Kritiker sprechen von „Verkehrsmagnetismus“ und fordern Alternativen wie den zweigleisigen Ausbau der Queichtalbahn. Nur: Der Schwerlastverkehr hat selten ein Deutschlandticket.

Teurer Stillstand: Aus 370 Millionen Euro wird ein Fass ohne Boden

Kosten? Die sind nicht ganz klar. Nur dass sie steigen. Die einst prognostizierten 370 Millionen Euro haben sich in den letzten zehn Jahren schon auf 700 Millionen Euro aufgetürmt – geschätzt. Der Bundesrechnungshof hat bereits Bedenken.

Wie’s ausgeht? Unklar. Fest steht nur: Die B10 bleibt ein Lehrstück deutscher Infrastrukturplanung, ein Symbol für politische Entscheidungsfreude, eine unvollendete Sinfonie aus Asphalt, Abgas und Argumenten. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn solange hier nichts endgültig entschieden ist, bleibt wenigstens eines garantiert: Stau und Gesprächsstoff. Wobei Letzteres auch nur dann, wenn man nicht gerade in einem der Tunnel steht.

Der Autor

Uwe Renners ist seit 2017 stellvertretender Chefredakteur Digital der RHEINPFALZ. Seine ersten journalistischen Erfahrungen sammelte er bei der „Münsterschen Zeitung“. Danach volontierte er bei den „Westfälischen Nachrichten“. Nach zehn Jahren in einer Lokalredaktion im Münsterland wechselte er in die Mantelredaktion. Von 2015 bis Ende 2016 war er Ressortleiter Online/Digitales beim Nordbayerischen Kurier in Bayreuth.

Die B10-Story: Hier geht’s weiter

Alle anderen Serienteile unseres RHEINPFALZ-Reports „Der B10 auf der Spur“ finden Sie in unserem interaktiven Zeitstrahl zur B10 unter rheinpfalz.de/b10ausbau

Dort finden Sie ein komplettes Zeitpanorama der B10. 100 Jahre Pfälzer Asphaltgeschichte von Pirmasens bis Landau zum Durchklicken und Stöbern: mit vielen Hintergrundinfos, Fotos, Karten, Original-Dokumenten, Videos, aktuellen und historischen Artikeln sowie Leserbriefen aus der RHEINPFALZ.

Alle Teile unseres B10-Reports sind thematisch im Zeitstrahl eingeordnet und extra markiert. Das ist bereits veröffentlicht oder erwartet Sie noch:

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