Meinung
Wie bewerte ich eine Gemeinde? So besser nicht
Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat sich einer Mammutaufgabe gestellt. In einem „Gemeindecheck“ soll die Versorgung aller 10.817 Gemeinden in ganz Deutschland abgebildet werden. Darunter auch die Gemeinden im Kreis Kaiserslautern. Ein gewaltiges Unterfangen, das interessante Einblicke liefert und auch strukturelle Probleme aufzeigt. Bewertet wurde die Versorgung in den Punkten Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digitales und Freizeit. Und während die Ergebnisse auf den ersten Blick widerspiegeln, was auch andere Daten bestätigen: Die Versorgung in Ost- und Westdeutschland ist ungleich verteilt; Gemeinden in der Vorderpfalz stehen besser da als Orte in der Westpfalz. Allerdings schwächelt der Check, umso gezielter man einzelne Gemeinden betrachtet. Natürlich kann eine Untersuchung dieser Größe nicht alle Punkte und jedes Detail betrachten. Irgendwo müssen ja Abstriche zugunsten der allgemeinen Datenerhebung und der besseren Vergleichbarkeit gemacht werden, oder?
Wer vorlegt, muss auch liefern
Nein, lautet darauf die ehrliche Antwort. Wer den Anspruch erhebt, auf Gemeindeebene über die Versorgung urteilen zu wollen, muss auch die Kriterien betrachten, die für die Menschen in diesen Gemeinden in Sachen Versorgung ausschlaggebend sind. Am stärksten fällt das in den Kategorien Mobilität und Freizeit auf. Die Anbindung an die nächste Autobahn ist sicherlich interessant, aber was ist mit der Erreichbarkeit der nächstgrößeren Stadt oder mit der Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten? Schön, wenn ich in fünf Minuten auf der A6 bin, bis zum nächsten Supermarkt aber zwanzig Minuten brauche. Auch die Frage, wie schnell der nächste Bahnhof erreicht werden kann, ist eine wichtige, hilfreich wäre aber auch, die Größe dieser Bahnhöfe und deren Bedeutung zu betrachten. So bringt die Nähe zum Mannheimer Bahnhof im IW-Check genauso viele Punkte wie die Nähe zum Hirschhorner Bahnhof – allerdings nicht die gleiche Anzahl an Verbindungen.
Was ist wichtiger: Flughafen oder Bushaltestelle?
Was ebenfalls nicht betrachtet wurde: die Anbindung mit Bussen und Straßenbahnen. Weil die Daten dazu nicht einheitlich erhoben werden konnten, sei auf die Bewertung dieses Teils des öffentlichen Nahverkehrs verzichtet worden. Gerade in unserer ländlich geprägten Region sind Busse aber ein unentbehrlicher Teil beim Thema Mobilität – besonders für Jugendliche und Senioren. Fraglich ist auch, wie wichtig im Vergleich zum nicht beachteten Busliniennetz die Nähe zu einem Flughafen ist. Vielflieger wählen ihren Wohnort vielleicht danach aus, für den Großteil der Bevölkerung ist der Weg zum Flughafen aber im Durchschnitt wahrscheinlich einmal im Jahr für den Sommerurlaub interessant – wenn überhaupt. Stehen uns hier in der Region ja auch viele naheliegendere Reiseziele offen, die auch ohne Flugzeug erreicht werden können.
In einem Punkt bestens versorgt
Womit wir auch schon beim wohl fragwürdigsten Punkt des Gemeindechecks sind, dem Bereich Freizeit. Wie oft gehen Sie regelmäßig ins Theater oder ins Museum? Zwei Einrichtungen, deren Erreichbarkeit betrachtet wurde, die den meisten aber nicht als erstes einfallen dürften, wenn man sie nach ihrer Freizeitgestaltung fragt. Und während Schwimmbäder immerhin auch in Betracht gezogen wurden, fehlen Sportplätze und Turnhallen komplett. Ebenfalls schmerzlich vermisst werden die Vereine. Gerade zuletzt hat unser Dorfspaziergang mit Lesern durch Eulenbis wieder gezeigt, wie wichtig diese für das Gemeindeleben sind. Ob beim Wandern, Kegeln, Dartspielen, Sternebeobachten oder beim Landfrauen-Treffen: Ohne Vereine würde in den meisten Gemeinden gar nichts laufen.
Und noch etwas haben wir hier, was in keiner der Kategorien abgebildet wird: Natur. Denn natürlich müssen beim Leben auf dem Land gewisse Abstriche in Sachen Erreichbarkeit gemacht werden. Dafür gewinnt man aber den unmittelbaren Zugang zu Wäldern, Feldern, Seen und allem, was diese bieten – und damit sind wir hier im Landkreis immerhin bestens versorgt.