Landau / Pirmasens: Der B10 auf der Spur RHEINPFALZ Plus Artikel Mit der Polizei auf Brummi-Jagd: Eine Nacht auf der B10 [mit Video und Bildergalerie]

Durchgenässt, aber fokussiert: Die Polizisten bei der Kontrolle.
Durchgenässt, aber fokussiert: Die Polizisten bei der Kontrolle.

Nachts auf der B10. Wenn das Blaulicht angeht, ist Schluss mit Ausreden: Die Polizei hat Lkw im Visier. Wer fliegt auf? Wer entwischt? Eine Reportage aus dem Streifenwagen.

Nachts um kurz nach elf klingelt es in der Landauer Redaktion. Unten in der Ostbahnstraße wartet die Polizei. Auf mich. Denn in dieser verregneten Frühlingsnacht werde ich meine erste Schicht in einem Streifenwagen schieben. Gemeinsam mit den Polizeikommissaren Philipp Reiter und Nils Endlich gehe ich auf Jagd nach Falschfahrern auf der B10.

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Nachtstreife auf der B10: Wenn die Polizei auf Lkw-Jagd geht
Polizeikontrolle bei Godramstein: Dokumente prüfen im strömenden Regen.
Polizeikontrolle bei Godramstein: Dokumente prüfen im strömenden Regen.

Auf der berühmt-berüchtigsten Bundesstraße der Pfalz gilt seit 2006 ein Nachtfahrverbot für Transit-Lkw. Nur wird dieses allzu gerne umgangen. Deswegen patrouilliert eine Streife der Polizeiinspektion Edenkoben, die für die B10 bis zur Kreisgrenze zuständig ist, regelmäßig, um Brummifahrer abzufangen, die dort nichts zu suchen haben.

Kommissar Reiter entdeckt einen verdächtigen Lkw – das Blaulicht geht an.
Kommissar Reiter entdeckt einen verdächtigen Lkw – das Blaulicht geht an.

Nach wenigen Minuten haben wir unseren ersten Ausguckposten bei Landau-Nord erreicht. Stopp auf dem Standstreifen. Seitenspiegel in Position. Geschärfter Blick. Was dann passiert? Erst mal gar nichts. Auf der Ost-West-Tangente, die zu Pendlerstunden berstend voll ist, herrscht gähnende Leere. Sogar Autos rauschen nur vereinzelt vorbei. Auf Lkw warten wir vergebens.

So sieht es aus, wenn ein Laster einen Laster abschleppt.
So sieht es aus, wenn ein Laster einen Laster abschleppt.

Erwischt oder frei? Wenn ein Kennzeichen über 100 Euro entscheidet

Da! Da kommt einer. Nein, SÜW-Kennzeichen. Der darf hier fahren. Anlieger- und Lieferverkehr trifft das Verbot nicht. Alle ohne hiesige Kennzeichen werden rausgezogen – egal, ob ausländisches oder deutsches Fahrzeug.

DieRegen prasselt, Blaulicht zuckt, Brummis donnern:
DieRegen prasselt, Blaulicht zuckt, Brummis donnern:

Doch weder das eine noch das andere kommt gerade vorbei. Der Minutenzeiger rotiert weitere Runden. Verstohlene Frage von der Rückbank: „Ähm, kommt so etwas öfter vor?“ Die beiden Polizisten nehmen’s routiniert-gelassen: „Ja, durchaus. Jede Nacht ist unvorhersehbar. Manchmal stehen wir eine Stunde lang rum, ohne dass was passiert. Und manchmal bräuchte man zwei oder drei Streifen, um alles zu bewältigen“, bilanziert Reiter.

Sprachbarriere? Kein Problem – mit Google-Übersetzer und Gesten klappt die Verständigung.
Sprachbarriere? Kein Problem – mit Google-Übersetzer und Gesten klappt die Verständigung.

Lkw-Kontrollen bei Nacht: Was wirklich hinter den Zahlen steckt

Zwischen 2022 und 2024 organisierte die Landauer Polizeidirektion fünf Großkontrollen. Zudem überwacht sie im Alltagsgeschäft die Sperrzeiten. „Wenn es die Einsatzlage zulässt, fahren wir die Strecke bei jedem Dienst ab“, erzählt das Streifen-Duo, das seit zwei Jahren zum Team Nachtkontrolle gehört.

„BITTE FOLGEN“: Mit klarer Ansage wird der erste Fahrer auf den Seitenstreifen gelotst.
»BITTE FOLGEN«: Mit klarer Ansage wird der erste Fahrer auf den Seitenstreifen gelotst.

Von täglichen Kontrollen ist man in der Realität allerdings noch weit entfernt. Vorjahresbilanz: 94 Mal fahndeten Edenkobener und Landauer Polizisten nach rollenden Riesen auf Abwegen. 206 Trucker fischten sie heraus. Tatsächliche Sperrzeitbrecher davon: knapp 14 Prozent. Die Quote kommt einem ziemlich läppisch vor. „Die meisten beliefern Supermärkte oder sind Tanklaster“, ist Reiters Erfahrung.

„BITTE FOLGEN“: Mit klarer Ansage wird der erste Fahrer auf den Seitenstreifen gelotst.
»BITTE FOLGEN«: Mit klarer Ansage wird der erste Fahrer auf den Seitenstreifen gelotst.

Ich bin gespannt, wie die Schlussrechnung nach der heutigen Nacht ausfällt. Wenn denn nur einer käme ...

Polnisch, Google Translate und Gesten: Wie Kommunikation bei Lkw-Kontrollen läuft
DieRegen prasselt, Blaulicht zuckt, Brummis donnern:
DieRegen prasselt, Blaulicht zuckt, Brummis donnern:

„Der!“, ruft Kommissar Reiter plötzlich zu mir nach hinten und hat parallel schon das Blaulicht angeworfen und den Fuß auf dem Gaspedal, um den polnischen Lastwagen einzuholen, den er erspäht hat. Und schon hat der Polizeiwagen überholt, schiebt sich vor ihn und grüßt auf der Dachanzeige mit den rot aufleuchtenden Worten „BITTE“ „FOLGEN“. 23.40 Uhr haben wir unsere erste Zielperson im Netz.

Der Moment wie aus einer Action-Serie: Blaulicht, U-Turn, Verfolgung.
Der Moment wie aus einer Action-Serie: Blaulicht, U-Turn, Verfolgung.

An der Abfahrt Godramstein lotsen wir den Transporter auf den Seitenstreifen der Landstraße, wo dessen Fahrer von den beiden jungen Polizisten freundlich begrüßt wird. Der restliche Part des Gesprächs: eine Mischung aus ein paar Brocken Polnisch, die man laut Reiter mit der Zeit lernt, viel Hände und Füße und Google-Übersetzer auf dem Handy. Das zückten die meisten Trucker schon von sich aus hervor, bemerkt Nils Endlich.

Sichtbar durchgenässt, aber fokussiert: Die Beamten bei der nächsten Kontrolle.
Sichtbar durchgenässt, aber fokussiert: Die Beamten bei der nächsten Kontrolle.

Für die Lkw-Fahrer gehören solche Polizeikontrollen ganz offensichtlich zum täglich Brot. Kein einziger, den wir in dieser Nacht rausziehen, macht irgendwie Terz. Da geht’s bei jeder Elterntaxi-Kontrolle wilder zu, möchte man fast sagen. Allerdings wird es nur eine Viertelstunde dauern, bis der Puls des polnischen Fahrers durch die Decke schießt. Im Moment aber ist er noch tiefenentspannt. Die Fahrzeugpapiere zeigen auch warum. Sein Laster liegt unter der magischen Grenze von 7,5 Tonnen, gilt damit nicht als Schwerverkehr und darf ungehindert weiterfahren. Wir verabschieden ihn zum Wenden und kehren zurück auf die Piste.

Der junge Brummi-Fahrer springt dem festgefahrenen Trucker zu Hilfe.
Der junge Brummi-Fahrer springt dem festgefahrenen Trucker zu Hilfe.

Warum die B10 zur Schatten-Autobahn für Lkw wurde

Da fliegt mir nach ein paar Metern fast der Block aus der Hand. So schnell kann ich gar nicht gucken, wie wir ein Wendemanöver mitten auf der Bundesstraße hinlegen. Wow, ich erlebe gerade meinen persönlichen Alarm-für-Cobra-11-Moment. Denn als uns ein Lkw mit Rastatter Kennzeichen entgegenkommt, nehmen die beiden Wächter der Nacht augenblicklich die Verfolgung auf. Die RTL-Blaulicht-Action-Kultserie hatte in etwa ihre Hochzeit, als auch das Nachtfahrverbot auf der B10 eingeführt wurde. Da gingen meine beiden heutigen Nachtschicht-Kompagnons noch zur Grundschule.

Der polnische Trucker ruft verzweifelt um Hilfe.
Der polnische Trucker ruft verzweifelt um Hilfe.

2006 hatte das Land den Schwerlastverkehr auf der gefragten Ost-West-Tangente in die nächtlichen Schranken gewiesen. Vorausgegangen war dem Verbot ein Protestschrei aus der Südpfalz. Denn nachdem 2003 die Maut auf Autobahnen eingeführt worden war, schoss das Verkehrsaufkommen auf der B10 in die Höhe.

Gemeinsam aus dem Morast: Improvisierte Rettung in der Nacht
Gemeinsam aus dem Morast: Improvisierte Rettung in der Nacht

Lieber Mautflucht als Mautpflicht war die Devise vieler Brummifahrer, die die B10 als Ausweichstrecke missbrauchten. Nicht zuletzt, weil die Querspange durch den Pfälzerwald als kürzeste Verbindung zwischen dem Karlsruher und saarländischen Raum zu verlockend ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das wissen auch Reiter und Endlich.

Zurück auf der Straße – aber nicht straffrei: Für das Vergehen gibt’s trotzdem ein Bußgeld.
Zurück auf der Straße – aber nicht straffrei: Für das Vergehen gibt’s trotzdem ein Bußgeld.

Was die Polizei wirklich denkt: Zwischen Verständnis und harter Linie

Wenn man den Job auf der Straße wie die beiden seit Jahren macht, dann sieht man in den Lkw-Kolonnen eben nicht nur Abgas- und Lärm-Kolosse, die durch Dörfer und Natur donnern, sondern die menschlichen Schicksale dahinter. „Die Lkw-Fahrer stehen unter immensem Druck. Im Endeffekt sind die die Leidtragenden.“ Manche ausländischen Fahrer erkennen die Schilder nicht, würden von ihrer Spedition falsch informiert oder nähmen einfach in Kauf, eventuell erwischt zu werden, um just-in-time liefern zu können, schwingt bei den beiden sogar Verständnis mit.

Schlamm, Regen, Dunkelheit: Lkw und Zugmaschine müssen mühsam getrennt werden
Schlamm, Regen, Dunkelheit: Lkw und Zugmaschine müssen mühsam getrennt werden

Aber natürlich gebe es auch die Dreisten, bei denen Taktik dahinterstecke. Wenn bei Transportunternehmen das Regelbrechen zur Strategie wird, hört bei Reiter und Endlich die innere Nachsicht auf. In solchen Fällen bleibt’s auch nicht bei den 100 Euro Bußgeld, die die Straßenkapitäne aktuell zu blechen haben. „Im strafrechtlichen Bereich droht den Logistikern eine Gewinnabschöpfung“, erklärt Endlich.

Gemeinsam aus dem Morast: Improvisierte Rettung in der Nacht
Gemeinsam aus dem Morast: Improvisierte Rettung in der Nacht

Vom Regelbrecher zum Retter: Ein Fahrer wächst über sich hinaus

Von seinem Arbeitgeber auf die falsche Fährte geführt wurde auch unser aktueller Rauszieh-Kandidat. „Wir haben über Schilder gesprochen. Ich schwöre. Mit diese Papiere hier keine Probleme“, sei ihm gesagt worden, verteidigt sich der junge Mann und streckt den Beamten ein Schreiben entgegen. Aber die beiden schütteln den Kopf: Nein, das ist nicht die nötige Ausnahmegenehmigung. „Chef hat gesagt: Bei deutschen Kennzeichen machen nichts. Ich nur Fahrer!“ Hach ... Dabei ist er doch gerade eben erst zum Helden der Nacht aufgestiegen.

Man verständigt sich auch mit Händen und Füßen.
Man verständigt sich auch mit Händen und Füßen.

Als wir nämlich unseren angestammten Kontrollpunkt erneut ansteuern, na, wer steht da noch da? Genau, unser polnischer Fahrer von gerade eben. Statt auf die B10 zurückzukehren, hat er sich im Schlamm festgefahren. Als er uns erblickt, reißt er verzweifelt die Hände hoch. Und was macht der junge Brummi-Fahrer aus Rastatt, den wir im „BITTE“-„FOLGEN“-Schlepptau haben? Holt sich das Okay der Beamten und steigt ohne zu zögern aus, um dem anderen Fahrer aus der Patsche zu helfen. Stellen Sie sich die nächste halbe Stunde in etwa so vor – wohlgemerkt in stockdusterer Nacht und nicht enden wollendem Bindfaden-Regen: Einen 13 Meter langen Auflieger im Grünstreifen von der Sattelzugmaschine abkoppeln, damit rückwärts quer über die Straße wenden, Abschleppwinde an polnischem Transporter befestigen, diesen mit viel Schmackes und noch mehr Versuchen aus dem Morast befreien, dann Seil wieder lösen, Zugmaschine quer über die Fahrbahn zurückwenden und passgenau unter den Auflieger bugsieren.

Zurück auf der Straße – aber nicht straffrei: Für das Vergehen gibt’s trotzdem ein Bußgeld.
Zurück auf der Straße – aber nicht straffrei: Für das Vergehen gibt’s trotzdem ein Bußgeld.

Keine Gnade trotz Heldentat: Warum Mitgefühl nicht vor Strafe schützt

Und dann: aussteigen und dem Lichtschein des Polizeiautos entgegentreten, wo schon die Bußgeld-Unterlagen warten. Denn für seine selbstlose Tat gibt’s zwar Punkte aufs Karma-Konto und ehrliche Anerkennung der beiden Polizisten. Mehr aber nicht. Wer hofft, dass diese ein Auge zudrücken, ist schief gewickelt.

Man verständigt sich auch mit Händen und Füßen.
Man verständigt sich auch mit Händen und Füßen.

Die Rettungsaktion hat Zeit gekostet. Innerhalb von zwei Stunden haben wir es gerade mal geschafft, vier Fahrer anzuhalten. Fazit: zwei ehrenhafte Ritter der Logistik und zwei aufgeflogene Nachtsünder.

Sprachbarriere? Kein Problem – mit Google-Übersetzer und Gesten klappt die Verständigung.
Sprachbarriere? Kein Problem – mit Google-Übersetzer und Gesten klappt die Verständigung.

Besser als Streife? Warum die Polizei auf Technik hofft

„Besonders wegen der Sprachbarrieren sind die Nachtkontrolllen immer sehr langwierig“, geben die beiden zu bedenken. Wenn es nach ihnen ginge, stünden überall entlang der B10 Überwachungsgeräte ähnlich den Mautsäulen. „Das wäre viel effizienter und würde einen größeren Bereich abdecken“, finden sie.

DieRegen prasselt, Blaulicht zuckt, Brummis donnern:
DieRegen prasselt, Blaulicht zuckt, Brummis donnern:

Es ist Viertel zwei, als die Blaulicht-Kutsche wieder vor der RHEINPFALZ vorfährt. Klitschnass und durchgefroren mache ich mich auf den Heimweg in die Domstadt, wo ein warmes Bettchen auf mich wartet. Auf meine beiden Weggefährten in Uniform wartet jetzt erst mal der PC. Denn wo würden wir denn leben, wenn nicht auf jede Stunde im Einsatz nicht auch eine halbe Stunde Dokumentationspflicht kommt.

Die B10-Story: Hier geht’s weiter

Alle anderen Serienteile unseres RHEINPFALZ-Reports „Der B10 auf der Spur“ finden Sie in unserem interaktiven Zeitstrahl zur B10 unter rheinpfalz.de/b10ausbau

Dort finden Sie ein komplettes Zeitpanorama der B10. 100 Jahre Pfälzer Asphaltgeschichte von Pirmasens bis Landau zum Durchklicken und Stöbern: mit vielen Hintergrundinfos, Fotos, Karten, Original-Dokumenten, Videos, aktuellen und historischen Artikeln sowie Leserbriefen aus der RHEINPFALZ.

Alle Teile unseres B10-Reports sind thematisch im Zeitstrahl eingeordnet und extra markiert. Das ist bereits veröffentlicht oder erwartet Sie noch:

Sprachbarriere? Kein Problem – mit Google-Übersetzer und Gesten klappt die Verständigung.
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