Landau / Pirmasens: Der B10 auf der Spur Weltfremde Verkehrsplanung: Der B10-Tunnel bei Annweiler wird nicht kommen – Leitartikel

In Annweiler ein zweiter B10-Tunnel – wer soll das bezahlen?
In Annweiler ein zweiter B10-Tunnel – wer soll das bezahlen?

Der B10-Ausbau ist ein Glaubenskrieg. Aktivisten sabotieren durch ihre Lautstärke eine vernünftige Debatte. Unabhängig davon: Der Tunnel bei Annweiler wird nicht kommen.

Ein Ausflug zum Trifels in Annweiler, eine Wanderung im Dahner Felsenland, ein Besuch bei der Verwandtschaft in Rodalben – die B10 ist die direkte Verbindung zwischen den Menschen in der Süd- und Südwestpfalz. Ihr Ausbau ist seit Jahrzehnten eines der umstrittensten Projekte in der Region. Sie ist zum Symbol geworden für eine aus den Fugen geratene Debatte, in der Mythen deutlich schwerer wiegen als Fakten.

Über die Zeit haben sich zwei Blöcke in der öffentlichen Wahrnehmung herausgebildet, die sich unerbittlich gegenüberstehen: auf der einen Seite die Ausbaubefürworter aus der Südwestpfalz, auf der anderen Seite die Gegner aus der Südpfalz. Was beide verbindet, ist ein Fetisch für diese Bundesstraße.

Weder blühende Landschaften noch Katastrophe

Für die Befürworter ist die vierspurige B10 die Hoffnung darauf, dass die Südwestpfalz zurückkehrt ins Wirtschaftswunderland vor dem Niedergang der Schuhindustrie. Die anderen sehen im Ausbau der Trasse einen Anschlag auf das Biosphärenreservat Pfälzerwald. Beide Sichtweisen sind unterkomplex und geradezu kleingeistig.

Denn der Ausbau wird weder dafür sorgen, dass die Region um Pirmasens wieder eine blühende Landschaft im Pfälzerwald wird noch der Abschnitt bis nach Landau zu einem Ödland, in dem nichts mehr gedeiht. Weder Ökonomie noch Ökologie funktionieren nach dem Schwarz-weiß-Prinzip, sie werden durch viele Faktoren beeinflusst.

Verkehrsplanung in Deutschland völlig weltfremd

Dennoch ist es den Straßenkämpfern gelungen, eine Meinungshegemonie darüber zu gewinnen, warum der B10-Ausbau entweder überlebenswichtig für den Fortbestand der Süd- und Südwestpfalz ist beziehungsweise ursächlich für deren Untergang. Sie haben die Debatte gekidnappt – vor allem mit ihrer Lautstärke, ihrer Penetranz und ihrem moralischen Furor. Die Gegner und Befürworter werfen sich nach wie vor in ihre Kampfmontur und rufen zur Schlacht auf, sobald auch nur ein neues Straßenschild an der B10 aufgestellt wird.

Dabei sind die Argumente für das Für und Wider des Projekts längst ausgetauscht, der vierspurige Ausbau ist politisch beschlossen – seit Jahrzehnten. Genau das ist aber das Problem an der deutschen Verkehrspolitik. Sie basiert auf der Annahme, dass die Weltenläufe keinen Einfluss haben auf den Straßenbau.

Tunnel in Bergzabern: ein bizarres Projekt

Ein Beispiel dafür ist das Tunnelprojekt in Bad Bergzabern, eines der bizarrsten Vorhaben in Rheinland-Pfalz. Der Bau wurde vor Jahrzehnten beschlossen, um den Durchgangsverkehr aus der Stadt zu holen. Der Kurstatus sollte nicht durch Autoabgase gefährdet werden.

Doch die goldenen Kurzeiten sind längst vorbei. Bad Bergzabern ist stellenweise eine Stadt im Niedergang. Angesichts dessen wäre es für den Handel wohl besser, es würden durch den Tunnel bald nicht noch mehr Leute an der Stadt vorbeifahren. Aber er wird gebaut, die Kosten liegen bei rund 100 Millionen Euro. Geplant ist geplant.

Die Röhre in Annweiler wird ein Traum bleiben

Auch in Sachen B10-Ausbau wird die Tunnelfrage für Annweiler seit Jahren gestellt. Seit Kurzem ist klar, dass das Land sich für die Basistunnellösung entschieden hat. Mainz will mit dieser Idee beim Bund vorstellig werden – Verkehrspolitik aus der Märklin-Welt. Dabei hat auch schon der Bundesrechnungshof die Kosten beklagt, die explodiert sind.

In einer Zeit, in der die Bundesrepublik Milliarden Schulden aufnimmt, das Land aufrüsten soll und die Wirtschaft am Boden ist, geht es nicht um die B10. Dieser Tunnel wird nie gebaut werden. Er ist zu teuer und hat in Berlin keine Priorität – angesichts vieler maroder Straßen und Brücken. Er bleibt ein Wunschtraum der Straßenplaner. So oder so: Er wäre nicht der Gamechanger dafür, dass es mit Deutschland wieder bergauf geht. Das gilt auch für die Süd- und Südwestpfalz.

Die B10-Story: Hier geht’s weiter

Alle anderen Serienteile unseres RHEINPFALZ-Reports „Der B10 auf der Spur“ finden Sie in unserem interaktiven Zeitstrahl zur B10 unter rheinpfalz.de/b10ausbau

Dort finden Sie ein komplettes Zeitpanorama der B10. 100 Jahre Pfälzer Asphaltgeschichte von Pirmasens bis Landau zum Durchklicken und Stöbern: mit vielen Hintergrundinfos, Fotos, Karten, Original-Dokumenten, Videos, aktuellen und historischen Artikeln sowie Leserbriefen aus der RHEINPFALZ.

Alle Teile unseres B10-Reports sind thematisch im Zeitstrahl eingeordnet und extra markiert. Das ist bereits veröffentlicht oder erwartet Sie noch:

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