Leiningerland RHEINPFALZ Plus Artikel Null Promille: Ohne Brummschädel ins neue Jahr

Stocknüchtern: Die Familien Mühlmichel und Diehl stoßen mit einem alkoholfreien Cabertin an.
Stocknüchtern: Die Familien Mühlmichel und Diehl stoßen mit einem alkoholfreien Cabertin an.

Immer mehr Leute wollen oder dürfen nicht trinken. Alkoholfreie Wein und Sekte boomen. Mit welchen Produkten Winzer aus dem Leiningerland auf den Trend reagieren.

Es schmeckt gut, hebt die Laune, selbst wenn die Kinder am Essen herumnörgeln, und es gehört für viele Menschen zu den Feiertagen dazu: das ein oder andere Glas Wein oder Sekt. Doch Varianten ohne Alkohol werden immer populärer. Das Deutsche Weininstitut (DWI) registrierte 2023 eine wachsende Beliebtheit alkoholfreier Weine: Nach Branchenangaben ist die Anzahl der Käufer im Handel um 30 Prozent gestiegen, der Absatz um 27 Prozent und der Umsatz um 54 Prozent. Auf Fachmessen wie der Eurovino gab es in diesem Jahr sogar eine eigene Verkostungszone für alkoholfreie Produkte.

„Die Nachfrage ist gestiegen“, berichtet Winzerin Karoline Gaul, die zusammen mit ihrer Schwester Dorothee das Weingut Gaul in Sausenheim betreibt. Die beiden führen einen Traubensecco im Sortiment, der zu hundert Prozent aus Saft besteht und sich daher sogar für Kinder eignet.

Geburtstagsparty mit Wasser und Saft

Die Leute trinken immer weniger Alkohol, sagt Winzer Markus Mühlmichel vom gleichnamigen Bio-Weingut in Kirchheim. Für die Gesundheit sei das natürlich gut, für die Winzer eher nicht. Die Branche stecke in einer tiefen Krise, beklagt er. Schuld daran seien aber auch der Krieg in der Ukraine, Corona und die Inflation.

Trotzdem: Die Generationen, die für ihren regelmäßigen Alkoholkonsum bekannte seien, fielen nach und nach weg: „Die Boomer kriegen ihr Glas vom Arzt verboten, und die alten Kunden sterben weg.“ Früher sei ein Jahresverbrauch von 400 Flaschen Wein für viele Stammkunden normal gewesen. Auch die jüngeren Menschen trinken laut Mühlmichel teilweise weniger Alkohol. „Mein Sohn und seine Freunde haben kürzlich einen 18. Geburtstag gefeiert – mit Wasser und Traubensaft.“

Erstmals Stillweine im Sortiment

Die Nachfrage nach alkoholfreien Alternativen sei „extrem hoch“, sagt Markus Mühlmichel. Seit einigen Jahren schon führt er alkoholfreie Seccos in seinem Sortiment – sowohl in einer roten als auch in einer weißen Variante. Die Kunden trinken die Seccos pur oder machen einen Aperitiv daraus, etwa einen alkoholfreien Sekt-Orange, weiß er. Damit sei man etwa bei Empfängen ein bisschen unauffälliger unterwegs und erspare sich dumme Sprüche.

Neu im Sortiment sind seit diesem Jahr erstmals Stillweine, also Weine ohne Kohlensäure. Dazu zählen ein roter Cabertin sowie zwei Weißweine – ein Souvignier gris und ein Donauriesling. Um erst einmal zu testen, wie die Weine bei den Kunden ankommen, habe er nur eine kleine Menge abgefüllt, sagt der Winzer – 700 Flaschen je Sorte. Der Weißwein sei bereits ausverkauft. Nicht nur junge Leute aus der sogenannten Gen Z interessierten sich dafür, sondern auch ältere Kunden, die wegen ihrer Medikamente keinen Alkohol trinken dürfen.

Aufwendig und teuer

Er habe lange gebraucht, bis er sich an die alkoholfreien Stillweine herangetraut habe, sagt er. Seccos seien nicht so kompliziert. Die Kohlensäure gleiche den Verlust des Alkohols, der als Geschmacksträger fungiert, ein wenig aus. Bei den Stillweinen ist mehr Know-how gefragt, vor allem, wenn man wie Mühlmichel die trockenen Weine bevorzugt.

Alkoholfreien Wein herzustellen sei deutlich aufwendiger und teurer: „Er kostet einen Euro pro Liter in der Herstellung“, sagt Mühlmichel. Als Basis dient immer ein herkömmlicher Wein mit Alkohol. Um diesen zu entziehen, gibt es verschiedene Verfahren; der Kirchheimer hat sich für die Vakuumdestillation entschieden. Dabei wird der Wein in einen Tank gegeben, in dem ein Vakuum, also ein Unterdruck erzeugt wird. „Normalerweise liegt der Siedepunkt von Alkohol bei 78 Grad“, sagt Mühlmichel. „Durch das Vakuum schafft man es, den Siedepunkt auf 30 Grad abzusenken. Dadurch bleiben mehr Aromen enthalten.“ Der Alkohol verdampft also bereits bei 30 Grad, steigt nach oben, kondensiert und fällt in einen Extra-Behälter. Den Alkohol verkauft Mühlmichel an eine Firma, die daraus Desinfektionsmittel herstellt. Zurück bleibt ein Wein, der nur noch 0,5 Prozent Alkohol enthält. Wegen dieses geringen Restgehalts eignet er sich aber weder für Kinder noch für trockene Alkoholiker, sagt Mühlmichel. Da dem Wein der Alkohol als Konservierungsstoff fehlt, muss er zügig kalt steril abgefüllt werden, damit kein Schimmel entsteht.

Kunden aus Norddeutschland

Auch Michael Triebel vom gleichnamigen Weingut in Asselheim hat einen alkoholfreien Secco sowie einen Wein im Sortiment, als Basis dient ein halbtrockener Muskateller. Eines ist ihm wichtig: „Wir wollen keine Kunden umerziehen, sondern eine neue Zielgruppe gewinnen.“ Interessanterweise stoßen seine alkoholfreien Getränke in der Pfalz auf verhaltene Resonanz, beobachtet der Winzer. Stattdessen zeigen vor allem Kunden aus Norddeutschland und größeren Städten Interesse an diesen Produkten. Auch er selbst trinkt hin und wieder ein Glas davon: „Wenn ich Auto fahren muss und keine Lust auf Wasser oder Cola habe.“

Entkorkt - Newsletter  - Anmeldeseiten 729 x 450 (1)

Dürfen wir nachschenken?

Was sind die Trends der Weinszene? Welche Neuigkeiten gibt es von den Weingütern in der Region? Was ist Naturwein? Wie arbeitet ein Kellermeister? Und wo stehen Weinautomaten in der Pfalz? In unserem kostenlosen Newsletter Entkorkt" liefern wir alle zwei Wochen Weinwissen für Pfälzer Weinliebhaber.

 

Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.  

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x