Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Alkoholverzicht: „Spart euch eure indiskreten Fragen!“

Silke Bauer trinkt keinen Alkohol und kann die Kommentare nicht mehr hören.
Silke Bauer trinkt keinen Alkohol und kann die Kommentare nicht mehr hören.

Wer keinen Alkohol trinkt, muss sich rechtfertigen. Das erlebt unsere Autorin immer wieder. Was sie sich stattdessen wünscht.

Sie werden mich jetzt vermutlich ein bisschen seltsam finden, und ich traue mich auch kaum, es in die Pfalz hinauszuposaunen, aber ich erzähle es trotzdem: Ich trinke seit fast vier Jahren keinen Alkohol mehr. Keinen Aperol zum Feierabend, keinen Sekt an Silvester und kein Radler zum Döner. Meinen heißgeliebten Kirschlikör habe ich ersatzlos gestrichen, Hugo trinke ich in der alkoholfreien Version, und ansonsten gibt es Sprudel und Kaffee. Ab und an backe ich mal einen Rotweinkuchen, und dass im Gulasch meiner Mutter ein bisschen Wein mitköchelt, ist okay für mich. Aber das war’s dann auch schon.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, es droht kein Nachwuchs. Ich bin auch keine trockene Alkoholikerin. Und religiöse Gründe sind es schon gar nicht. Ich will mich weder selbst geißeln noch die Spaßbremse spielen. Ich hausiere nicht damit und mache niemandem den Cocktail madig. Es ist nicht kompliziert: Ich will einfach keinen Alkohol mehr trinken. Ich denke, dass es auf lange Sicht besser für die Gesundheit ist.

Es gibt also eigentlich kein Problem. Doch viele meiner Mitmenschen machen eines daraus. Egal ob auf Empfängen, auf Partys oder in Restaurants: Bestellt man Wasser, ist das Entsetzen in etwa so groß, als hätte man gerade ein Schnitzel vom Golden Retriever geordert. Es dauert meist nur eine Schrecksekunde, dann beginnt das Feuerwerk der Indiskretion. Die Anwesenden fragen nach Schwangerschaft, alkoholkranker Verwandtschaft, traumatischen Unfällen unter Promille-Einfluss, Sekten-Mitgliedschaft und Medikamenten-Einnahme. Stellt man klar, dass nichts davon zutrifft, sind sie oft richtig enttäuscht. Viele werden dann erst recht penetrant und versuchen einen doch noch umzustimmen: „Komm schon, wenigstens ein Glas“, „Sei doch kein Spielverderber“, „Du bist doch noch so jung, ich habe früher richtig gesoffen“, „Limo ist aber auch nicht gesund“ – das Bullshit-Bingo ließe sich endlos weiterführen.

Wieso muss ich mich rechtfertigen, nur weil ich kein Nervengift in mich hineinkippe? Ich löchere die Leute umgekehrt doch auch nicht mit Fragen wie „Helfen dir Gin Tonics, deine kaputte Ehe besser zu ertragen?“, „Willst du wirklich vor deinen Kindern Schnaps trinken?“, „Ist es nicht zu früh für Bier?“, „Sind drei Gläser nicht zu viel?“ oder „Hast du keine Angst um deine Leber?“ Solange sich niemand betrunken ans Steuer setzt, ist mir das nämlich alles völlig egal.

Ich bin mir sicher, dass es vielen anderen Menschen, die nicht trinken, ähnlich geht. Für sie und für mich wünsche ich mir zu Weihnachten nur eins: ein bisschen mehr Toleranz.

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