Frankenthal / Ludwigshafen / Speyer
So startet das Jobcenter Vorderpfalz in die digitale Zukunft
Vieles dürfte Jochen Semmler vertraut gewesen sein, als er zu Jahresbeginn seine neue Funktion im Jobcenter Vorderpfalz-Ludwigshafen angetreten hat. Schließlich hatte der Geschäftsführer vor sechs Jahren bereits einen Schreibtisch im Nachbarzimmer seines heutigen Büros stehen. „Geschäftsführer operativ“ lautete im Behördensprech einschränkend die Zuständigkeit des 45-Jährigen bis März 2020.
Übersetzt heißt das, Semmler war von der Kaiser-Wilhelm-Straße in Ludwigshafen aus verantwortlich für die Planung, Steuerung und Umsetzung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen für Langzeitarbeitslose. Auch deren gelingende Integration nach einer Vermittlung in Job fiel in seine Verantwortung. Er war damit die rechte Hand der damaligen Jobcenter-Geschäftsführerin Anja Winnefeld. Nun hat er sie an der Spitze der Behörde beerbt.
Nicht in direkter Linie, denn knapp eineinhalb Jahre lang führte Jeanette Müller das Jobcenter, das in einer bundesweit einzigartigen Konstruktion den Arbeitsmarkt für Ludwigshafen, Frankenthal, Speyer und den Rhein-Pfalz-Kreis mit betreut. Die Personalentwicklungsmaßnahme der zuvor operativen Geschäftsführerin der benachbarten Arbeitsagentur endete planmäßig, weswegen sie das Staffelholz gerade an den studierten Diplom-Verwaltungswirt und -Kaufmann weitergereicht hat.
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Müller und Semmler haben nun also die Straßenseite gewechselt, sie zurück in die Arbeitsagentur, er einmal mehr ins Jobcenter. War der verheiratete Vater dreier Kinder zuletzt für die Arbeitsagentur viel unterwegs – seine regionale Zuständigkeit erstreckte sich bis Mainz und Bad Kreuznach –, kann er sich jetzt auf die Vorderpfalz fokussieren.
Auch inhaltlich sieht der gebürtige Ludwigshafener, der heute in Schwetzingen wohnt, neue Gestaltungsmöglichkeiten. Die Kundenstruktur im Jobcenter sei eine andere, im Gegensatz zur Arbeitsagentur gelte es dort, Menschen mit einem ausreichend langen Atem wieder an den ersten Arbeitsmarkt anzunähern. Aber der Grundgedanke ist identisch: das Angebot für den und die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt intelligent zusammenführen. „Das Instrumentarium ist ein anderes, das Ziel bleibt dasselbe.“
Wenige Totalverweigerer
Die Rückbenennung des Leistungsbezugs von Bürgergeld zu Grundsicherung begrüßt Semmler. Allerdings hält er es für nicht zielführend, die Debatte über Sanktionen allein auf die kleine Gruppe der sogenannten Totalverweigerer zu verengen. Für weniger als drei Prozent der vom Jobcenter betreuten 23.300 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten seien in den vergangenen Jahren am Ende tatsächliche Überweisungen an renitente Leistungsempfänger reduziert worden.
400 Mitarbeiter stehen mit diesen im Austausch, das Jobcenter Vorderpfalz ist damit das größte im Land. Bei den Unter-25-Jährigen liegt der Betreuungsschlüssel aktuell bei 1:90, bei den Älteren hält ein Berater zu 150 Kunden Kontakt, beide Quoten liegen damit im landesweiten Schnitt.
23,7 Millionen Euro können Semmler und seine Mannschaft in diesem Jahr für Eingliederungsmaßnahmen ausgeben. Ein Großteil fließt gezielt in die berufliche Qualifizierung, geförderte Erstausbildungen sowie konkrete Unterstützungsangebote beim Start in einen Job. „Eine 1:1-Begleitung bei der betrieblichen Eingliederung mag teuer sein, aber sie wirkt“, so Semmlers Erfahrung. „Erst recht bei Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen.“
Umstellen auf Kundenkonto
Die Hemmschwelle vor der Rückkehr in den Arbeitsmarkt nach längerer Zwangspause so weit wie möglich zu senken, diesem Auftrag fühlten sich die Jobcenter-Mitarbeiter nicht nur verpflichtet. Diesem Ziel diene auch eine konsequentere Digitalisierung der Kundenkontakte in einem Online-Portal. Weg von der unstrukturierten Mail-Kommunikation hin zu einem Kundenkonto mit Postfachservice und einer Uploadfunktion für Dokumente, das ist der Weg, den Semmler behutsam, aber beharrlich einschlagen will. Davon muss er nicht nur seine eigene Klientel überzeugen, auch die digitalen Schnittstellen innerhalb des Jobcenters müssen ausgebaut werden.
„Weniger händische Datenerfassung und schnelle Fallzuordnung bedeuten umgekehrt mehr Zeit für persönliche Kontakte“, wirbt der Jobcenter-Chef für die Übernahme eines zeitgemäßen Kommunikationsmodells, das in anderen Jobcentern bereits intensiver gepflegt wird.
Coachingerfahrung hat Semmler nicht nur im Job, in der Freizeit trainiert er in Schwetzingen eine Fußballjugendmannschaft. Auch da braucht es klare Ansagen, höflich verpackt und nachvollziehbar artikuliert. Im Jobcenter Vorderpfalz-Ludwigshafen herrscht eine wertschätzende Gesprächskultur, findet der neue Chef. Selbst wenn die Stimmung an einem der Schreibtische einmal gereizter sein sollte, die Erwartungshaltungen auseinanderdriften: Außer Kontrolle geraten ist voriges Jahr kein Beratungsgespräch. „Bisher haben wir immer eine tragfähige Lösung gefunden“, legt Semmler die Messlatte für das Management auch unter neuer Ägide hoch.
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