Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Unfreiwillig auf dem Gymnasium: So stark leidet ein Sechstklässler

Noah müht sich nach Kräften, büffelt und nimmt Nachhilfe: Aber fürs Gymnasium reicht es dennoch nicht.
Noah müht sich nach Kräften, büffelt und nimmt Nachhilfe: Aber fürs Gymnasium reicht es dennoch nicht.

Eigentlich besteht Konsens, dass ein Junge aus Eppstein auf die Realschule gehört. Mangels freier Plätze ist er aber im AEG geparkt – und todunglücklich. Ein Einzelfall?

Und wieder ein Zeugnis mit Vieren und Fünfen. Sauer ist Silvia Varga-Nowak deswegen nicht auf ihren Sohn. Im Gegenteil: Sie versucht seit Wochen alles, um dem Sechstklässler das zu verschaffen, was schon zu Beginn des Wechsels auf eine weiterführende Schule angezeigt war: einen Platz in einer Realschule. So lautete die Empfehlung am Ende der vierten Klasse, und daran wollte sich die Familie aus Eppstein auch halten. Das Problem: Sie konnten keinen ergattern, weder an der Friedrich-Schiller-Realschule plus noch an der IGS Robert Schuman. Weil die Nowaks entweder kein Losglück hatten oder zu weit ab vom Schuss wohnen, war für ihren Ältesten kein Platz frei an diesen beiden Frankenthaler Schulen.

Mit der zwangsweisen Folge, dass der Junge im Sommer 2024 zunächst entgegen seiner Eignung am Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) eingeschult wurde. Die Überlegung der Eltern: Dort durchläuft ein Unterstufenschüler routinemäßig eine zweijährige Orientierungsphase. So viel Zeit bleibt, um zu eruieren, ob er den Anforderungen am Gymnasium gewachsen ist oder nicht doch besser einen Gang zurückschalten sollte. Manche blühen entgegen der Empfehlung aus der Grundschule womöglich auf, bei anderen haben die Eltern die Fähigkeiten ihres Kindes überschätzt, wenn sie sich über die pädagogische Einschätzung hinwegsetzen und es doch am Gymnasium anmelden.

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Attest vom Kinderarzt

„Unser Sohn hat in der fünften Klasse noch eine Art Welpenschutz genossen, aber mit den erhöhten Leistungsanforderungen ist er im dritten Halbjahr massiv eingebrochen“, beobachtet seine besorgte Mutter. Allen Bemühungen zum Trotz. „Wenn er nicht lernt, bekommt er Nachhilfe.“ Freizeit kennt der Zwölfjährige nicht mehr, Frust und Versagensängste prägen seinen Schulalltag. Ein Attest vom Kinderarzt empfiehlt dringend einen Schulwechsel, um die psychische Überforderung zu mildern. Der wird dennoch frühestens nach den Sommerferien möglich sein.

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Vier bis sechs Wochen vor der regulären Zeugnisausgabe bekommen Sechstklässler am Ende der Orientierungsstufe ihre Notenübersicht, um mit etwas zeitlichen Vorlauf Ausschau halten zu können nach einem alternativen Realschulplatz. „Wie wir uns diese Monate weiter durchbeißen sollen, ist mir ein Rätsel“, leidet die Mutter mit ihrem Sohn. „Er ist nur noch verunsichert und gereizt, vom Sportverein haben wir ihn abgemeldet.“

Schiller-Realschule am Limit

Für seine Eltern geht die Suche nach einem Realschulplatz also bald in eine neue Runde. Ihr Favorit: die Friedrich-Schiller-Realschule plus in der Mörscher Straße. Dass die recht weit entfernt liegt vom Wohnort der Nowaks in Eppstein, könnte sich erneut als Handicap erweisen. Denn, so erläutert Rektor Dieter Jäger, als aufnehmende Schule stößt sein Haus bereits seit Jahren an die Grenzen. Auf 39 Klassen ist das imposante Sandsteingebäude im Jugendstil ausgelegt, 43 werden aktuell unterrichtet. „Bis unters Dach“, beschreibt der Pädagoge die Zustände. „Nicht allen Klassen können wir ein festes Zimmer zuordnen.“

In Absprache mit der Schulaufsicht ADD werde die Kapazität mit maximal fünf fünften Klassen pro Schuljahr bis ans Limit ausgereizt. Die Nachfrage ist größer. Also müssen Jäger und sein Team priorisieren. Zunächst werden Geschwisterkinder berücksichtigt, danach wird der Zirkel rund um die Adresse der Schillerschule aufgesetzt. Wer nach 125 Kindern außerhalb des Radius liegt, muss mit einer Absage leben.

Jedes Schuljahr über 30 Neuzugänge

Ab der siebten Klasse wird neu gerechnet. Denn dann fängt die Realschule erwartungsgemäß einen Teil der Teenager auf, die wegen zu schlechter Leistungen nicht auf dem Gymnasium bleiben können. Bis zu drei Dutzend sind das im Jahr. Weil mangels Räumen nicht mehr Klassen gebildet werden, wächst die Klassengröße auf mehr als 30 an. „Wir zählen landesweit zu den größten Realschulen“, weiß Jäger, der im achten Jahr Rektor an der „Schiller“ ist.

Er und sein 70-köpfiges Kollegium (inklusive der Fachoberschule) nähmen die tägliche Herausforderung mit ungebrochener Motivation an. „Es ist anstrengend, aber wir halten zusammen.“ Der gute Ruf und die konstant hohe Nachfrage nach einem Platz an der Schiller-Realschule erkläre sich auch aus diesem vorgelebten Teamgeist.

Die Tür von Schulleiter Dieter Jäger steht eigentlich weit offen. Aber so viele, wie in seine Friedrich-Schiller-Realschule plus
Die Tür von Schulleiter Dieter Jäger steht eigentlich weit offen. Aber so viele, wie in seine Friedrich-Schiller-Realschule plus wollen, kann er gar nicht aufnehmen.

Jeder Schüler in Rheinland-Pfalz erhält auch einen Platz in der gewünschten Schulart, stellt eine Sprecherin der Schulaufsicht ADD auf Nachfrage klar. Der Schulart, nicht einer spezifischen Schule wohlgemerkt. Nun ist es ein offenes Geheimnis in Frankenthal, dass viele Eltern der Schillerschule den Vorzug geben vor ihrem Pendant, der Friedrich-Ebert-Realschule plus im Süden der Stadt. Deren Schulleitung hat auf eine RHEINPFALZ-Anfrage nicht reagiert. Ob die Unterstufenklassen am Pilgerpfad stärker belegt werden könnten, ist nicht bekannt. Bereits in der Vergangenheit wollte die kommissarische Rektorin Margit Müller keine Stellung dazu nehmen, wie die Schule gegen ihr Negativimage angehen will. Langfristig soll es ein nagelneuer Schulcampus im Süden der Stadt richten.

„Überforderung kein Einzelfall“

Fakt ist, dass auch die Ebert-Realschule als Auffangbecken für die unbekannte Anzahl an Schülern in Betracht kommt, die im Karolinen- oder Albert-Einstein-Gymnasium im Sommer nicht in die siebte Klasse versetzt werden können. Mit diesem Gedanken freundet sich mittlerweile auch die Eppsteiner Familie an. Der Einbruch ihres Sohnes ist kein Einzelfall, ist sich Silvia Varga-Nowak sicher. Allein aus seiner Klasse am AEG könne sie mindestens eine Handvoll Namen aufzählen, die auf dem Gymnasium endeten, weil auf der Realschule kein Platz für sie war.

„Wir legen insbesondere bei den Neuanmeldungen für die fünften Klassen großen Wert auf Beratung“, teilt Karin Wolf, stellvertretende Schulleiterin am AEG, auf Anfrage mit. Alle Eltern und Kinder, die das Gymnasium ab August besuchen wollen, müssten vorab einen Gesprächstermin buchen. Nicht immer würden die pädagogischen Ratschläge beherzigt.

„Aus diesen und aus weiteren Gründen werden auch am AEG immer wieder Kinder angemeldet, die keine gymnasiale Eignung besitzen. Häufig führt dieser Umstand bereits im ersten Lernjahr zu starker Belastung und Überforderung, was der psychischen und physischen Gesundheit von Kindern schadet“, weiß Wolf aus Erfahrung. Gerade in dieser Entwicklungsphase seien Erfolgserlebnisse, Anerkennung und ein positives Selbstbild ausschlaggebend.

Eine Erfahrung, die die Nowaks schmerzlich vermissen. Bei ihnen liegen die Nerven blank, die jüngeren Geschwister seien bereits erkennbar verunsichert, berichtet die Mutter, die ein Tabuthema aufbrechen will. Und ihr Kind weniger leiden sehen will. „Er ist nur noch ein Häufchen Elend. Er kämpft und kämpft und sieht keine Erfolge. Das hält er nicht mehr lange durch.“

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