Frankenthal / Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Jobcenter: Wie die neue Geschäftsführerin das Bürgergeld begreift

Seit August Geschäftsführerin des Jobcenters Vorderpfalz: Jeanette Müller.
Seit August Geschäftsführerin des Jobcenters Vorderpfalz: Jeanette Müller.

Jobcenter statt Arbeitsagentur: Geschäftsführerin Jeanette Müller hat für ihre neue Funktion nur die Straßenseite gewechselt. Inhaltlich ist sie seit Jahren mit den Klippen der Sozialpolitik vertraut. Wie viel Zutrauen sie in ihr Team und ihre Kunden hat.

Für Jeanette Müller, die neue Geschäftsführerin des Jobcenters Vorderpfalz-Ludwigshafen, bleibt Vieles beim Alten: Der neue Schreibtisch steht nur auf der anderen Seite der Berliner Straße in Ludwigshafen. Die Geschäftsgrundlage für Entscheidungen in ihrer künftigen Behörde findet sich nicht mehr im dritten Sozialgesetzbuch, sondern im zweiten. Und ihre Klientel – Menschen, die länger als ein Jahr auf der Suche nach einer neuen Arbeit sind – unterscheiden sich in ihren Grundbedürfnissen nicht allzu sehr von derjenigen, die erst seit Kurzem mit einem Arbeitsplatzverlust konfrontiert ist. „Ich fange also nicht bei Null an, aber dafür in einem Haus, das gut aufgestellt ist“, findet Müller nach den ersten Wochen in neuer Funktion, aber dem gleichen Anliegen: Menschen wieder einen Job zu besorgen.

Wenige Totalverweigerer

Im August hat sie die Nachfolge von Anja Winnefeld angetreten, die nach 13 Jahren in Ludwigshafen auf eigenen Wunsch nach Mönchengladbach gewechselt ist. Zuletzt hatte Müller als operative Geschäftsführerin in der Agentur für Arbeit gewirkt, von der aus man auf das Eckgebäude des Jobcenters blicken kann. Warum nun der Wechsel, wenn sie doch nicht allzu viel Neues erwartet? „Sich in einen neuen Rechtskreis einzuarbeiten, reizt schon“, meint die 51-Jährige. Was sie damit meint: Kunden im Jobcenter unterliegen einem anderen, längerfristigen integrativen Ansatz. Dafür braucht es andere Strategien und Methoden, um erwerbsfähige Kunden nach längerer Präsenz in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Bis dahin steht ihnen und oft ihren Familien in den sogenannten Bedarfsgemeinschaften eine finanzielle Grundsicherung zu, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch das organisiert ein Jobcenter.

Wenn’s ums Geld geht, führt das in diesem Fall schnell zur kontroversen Debatte um den gerechtfertigten Bezug von Bürgergeld und dessen angemessener Höhe. In die lässt sich Müller als Behördenleiterin ungern hineinziehen. Zum einen sei sie keine politische Entscheiderin, sondern setze gesetzliche Vorgaben um. Zum anderen, so weit positioniert sie sich dann doch in der wieder aufgeflammten Diskussion, weil diese sich auf eine verschwindend geringe Anzahl an Totalverweigerern fokussiere, die – so die Kritiker – Leistungen beziehe ohne jegliche Leistungsbereitschaft zu zeigen.

„Wir sind dem Steuerzahler Rechenschaft schuldig für die Mittel, die er bereitstellt“, ist sich die Jobcenter-Chefin bewusst.
»Wir sind dem Steuerzahler Rechenschaft schuldig für die Mittel, die er bereitstellt«, ist sich die Jobcenter-Chefin bewusst.

„Im Jobcenter Vorderpfalz-Ludwigshafen lassen sich diejenigen, an die wir überhaupt nicht herankommen, an einer Hand abzählen – bei 23.800 erwerbsfähigen Bürgergeldempfängern.“ Der ein oder andere brauche eine strengere Begleitung oder klare Ansage, „und wenn überhaupt keine Kooperation zu erkennen ist, wenn eine Kontaktaufnahme kategorisch verweigert wird, dann braucht es womöglich eine spürbare Sanktion. Schließlich sind wir dem Steuerzahler Rechenschaft schuldig für die Mittel, die er bereitstellt.“

Aber im Alltag, so hat Müller bereits registriert, kommen die 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jobcenter mit Fördern weiter als mit Fordern. „Der Markt braucht nach wie vor Fachkräfte. Wer arbeiten will, hat gute Chancen, in der Region einen Arbeitgeber zu finden.“ Das Jobcenter nutze da seine Möglichkeiten zu Weiterbildung und Qualifikation, stoße aber an seine Grenzen, etwa bei unzureichenden Sprachkenntnissen bei Migranten, etwa bei fehlenden Bildungsabschlüssen, etwa beim Mangel an Kita-Plätzen, auf die gerade alleinerziehende Mütter angewiesen sind.

Wo KI an Grenzen stößt

„Die Beratung in der individuellen Lebenslage wird immer wichtiger, das kann uns keine KI abnehmen“, beschreibt Müller die komplexe Anforderung an die Fallmanager und Integrationsbegleiter. Zielgerichteter, ausdifferenzierter und vernetzter will sie diese daher ausrichten. Sie wollen zum einen Kunden noch marktgerechter qualifizieren und zum anderen die Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern intensivieren, um möglichst passgenaue Bewerber dauerhaft vermitteln zu können.

An einer Klientel ist das Vorderpfälzer Jobcenter näher dran als viele andere Behörden im Land: Die Jugendberufsagentur, die sich gezielt an unter 25-Jährige wendet, ist in Ludwigshafen kein virtueller Marktplatz, sondern eine Bürogemeinschaft von Arbeitsagentur, Jobcenter und Stadt Ludwigshafen. Dieses Modell einer direkten Anlaufstelle hat sich so gut bewährt, dass es demnächst auf Speyer ausgeweitet werden soll. Für Frankenthal besteht eine Kooperationsvereinbarung zwischen den drei Trägern.

Mit solchen Zielgruppen-Angeboten oder der im Frühjahr im Ludwigshafener Pfalzbau ausgerichteten Jobmesse „Aufwind“ sieht Müller Gestaltungsspielräume, die ein Jobcenter jenseits der Verwaltung von Langzeitarbeitslosigkeit nutzen kann. „Nur zu verwalten, wäre mir zu wenig, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle nicht ohne Verwaltung geht“, meint die Geschäftsführerin. „Wie wir mit Menschen in einer schwierigen Lebenslage umgehen, hat viel mit gestalten zu tun, damit, wie wir gemeinsam Perspektiven entwickeln anstatt Sachzwänge aufzuerlegen.“ Auch das ist eine Einstellung, die Jeanette Müller von der einen auf die andere Straßenseite mitgenommen hat.

Zur Person

Die frühere operative Geschäftsführerin bei der Arbeitsagentur, Jeanette Müller (51), ist nach Barbara Herzog (2005 bis 2011) und Anja Winnefeld (2011 bis 2024) die dritte Frau an der Spitze des Jobcenters Vorderpfalz. Die gebürtige Wittenbergerin wechselte 2003 vom Landesarbeitsamt Sachsen-Anhalt/Thüringen zur Zentrale nach Nürnberg, wo sie knapp fünf Jahre lang an Projekten zur Neuausrichtung und Weiterentwicklung der Bundesagentur für Arbeit beteiligt war. 2008 wechselte sie als Bereichsleiterin nach Ludwigshafen. Nach Zwischenstationen in der Agentur für Arbeit in Kaiserslautern und der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland kehrte Müller im März 2015 als Geschäftsführerin nach Ludwigshafen zurück. Der Chefin des gesamten Jobcenters mit aktuell rund 400 Mitarbeitern assistiert weiterhin Alexander Hornschuch.

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