Frankenthal
Kindersprache im Fokus: Ein Kongress vernetzt Fachkräfte und Eltern
„Das Besondere ist, dass hier interdisziplinär gearbeitet wird: Logopädie, Medizin, Pädagogik, Frühförderung und Beratung kommen an einem Ort zusammen“, sagt Nevros Yesiltepe über den Fachkongress „Kindersprache gemeinsam stärken“, der am 27. Februar im Congressforum stattfindet. Die Logopädin, die zwei Praxen in Frankenthal und Ludwigshafen führt, ist die alleinige Organisatorin der Veranstaltung. Ihr sei in der Region Rhein-Neckar und der Vorderpfalz kein vergleichbares Format bekannt, sagt sie. „Vortragsreihen und Symposien richten sich normalerweise an eine Berufsgruppe und behandeln ein Störungsbild – etwa Mutismus, also wenn ein Kind nicht spricht.“
Indem die 30-Jährige alle Akteure zusammenbringt, die mit Sprachförderung in Berührung kommen, hofft sie, dass in diesem Bereich eine stärkere Vernetzung stattfindet. „Fachkräfte sollen Störungsbilder erkennen, einordnen und wissen, wohin sie Eltern und Kinder gezielt weitervermitteln können.“
Wie wichtig das ist, erläutert Yesiltepe an einem Beispiel vom Vorjahr, als sie den Kongress erstmals veranstaltete: „Nach einem Vortrag über Mutismus meldete sich eine Kita, die ein betroffenes Kind betreut. Ein Jahr lang dachten die Erzieher, das Kind würde nicht sprechen, weil es schüchtern ist. Das Kind befindet sich inzwischen in Behandlung. Genau solche Effekte möchten wir erreichen.“
Mutter berichtet von Odyssee
Neben Fachvorträgen, die sich in diesem Jahr mit den Themen Autismus, Stottern, ADHS sowie Sprachdiagnostik bei Kindern mit Hörbeeinträchtigungen beschäftigen, soll wie im Vorjahr eine betroffene Mutter zu Wort kommen. Damals habe eine Frankenthalerin geschildert, wie sie fünf Jahre lang kämpfen musste, um die Autismus-Diagnose für ihr nicht sprechendes Kind zu bekommen, berichtet die Logopädin.
In diesem Jahr wird eine Mutter, deren Sohn in ihrer Frankenthaler Praxis Sprachbaum behandelt wird, als Rednerin auftreten. Die RHEINPFALZ hat vorab mit Jessica Koch gesprochen. Koch berichtet, sie habe gemerkt, dass mit Tobi „etwas nicht stimmt“, als er noch im Babyalter war. Jetzt ist ihr Sohn fünf Jahre alt und hat die dritte Pflegestufe. Hinter Mutter und Kind liegt ein langer Leidensweg: Mehr als 100 Arztbriefe hat Koch mittlerweile bekommen, insgesamt sechs Monate verbrachte Tobi in Krankenhäusern, eine Nierenkolik hat er unlängst überstanden. „Jetzt weiß ich, dass mein Kind an einer unbekannten Stoffwechselerkrankung leidet“, sagt die 43-Jährige.
Doch das ist noch nicht alles: Parallel zu den Symptomen der höchst seltenen Erkrankung wie Erbrechen und Apathie bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen beobachtete die Frankenthalerin bei ihrem Sohn schon früh Anzeichen, die auf das Autismus-Spektrum und ADHS hindeuten. Über ihre Odyssee bei Spezialisten sagt sie: „Immer wieder hörte ich Sätze wie: Das wächst sich aus. Warten wir erst einmal ab.“
Koch fühlte sich nicht ernst genommen. „Der Kampf dauert bis heute an. Um Termine, gegen lange Wartezeiten und um Überweisungen“, schildert sie. Besonders schmerzhaft sei ihre Erfahrung in einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) gewesen. Dort sei ihr gesagt worden, sie solle ihr Kind nicht mit weiteren Untersuchungen quälen und sich selbst einen Therapeuten suchen.
Über die Kita, die Tobi in Begleitung einer Integrationskraft besucht, sagt sie: „Hier wird mein Sohn wie alle anderen Kinder behandelt, dies allein ist aber keine Inklusion. Teilhabe heißt Wege zu finden, wenn ein Kind Unterstützung braucht. Und zwar, ohne dass Eltern dafür immer wieder lange und ermüdende Diskussionen führen müssen.“
Ihr Ziel: Eltern bestärken
Im SPZ Oggersheim hat die Mutter nach zwei Jahren auf der Warteliste nun einen Platz für ihren Sohn bekommen. Seine Sprachentwicklung sei auf dem Stand eines Dreijährigen – der Erfolg ihrer intensiven Förderung daheim und der Logopädischen Praxis Sprachbaum, in der Tobi betreut wird, seit er zwei Jahre alt ist.
Kochs Motivation, beim Kongress aufzutreten: „Ich möchte Eltern darin bestärken, an sich zu glauben und sich nicht kleinkriegen zu lassen. Nicht sie sind das Problem, sondern die Fachleute.“ Yesiltepe sieht das ähnlich: „Frau Koch steht stellvertretend für viele Familien. Ihre jahrelange Suche nach Hilfe zeigt eindrücklich, dass unser Hilfesystem verbessert werden muss. Gleichzeitig macht sie betroffenen Eltern Mut, dranzubleiben.“ Für die Logopädin sind „Eltern die wichtigsten Experten für ihre Kinder. Je früher sie informiert sind und aktiv werden, desto besser sind die Entwicklungschancen“.
Mehr sprachliche Auffälligkeiten
Für Yesiltepe ist Sprachförderung wichtiger denn je. Vor drei Jahren hätten bis zu 15 Prozent der Kinder sprachliche Auffälligkeiten gezeigt. Jetzt seien es bis zu 25 Prozent. Die Gründe in ihren Augen: Der Nachwuchs sitzt zu lange vor dem Bildschirm, Eltern stehen unter Zeitdruck und arbeiten, worunter die Zeit für Gespräche und Vorlesen leidet. Das könnten die meisten überlasteten Kitas nicht auffangen, dort würden weniger Sprachangebote stattfinden. „Besonders häufig beobachten wir eingeschränkten Wortschatz, Probleme im Sprachverständnis und in der Satzbildung – oft schon vor der Einschulung“, berichtet Yesiltepe.
Die Organisatorin verspricht sich vom zweiten Kongress neue Impulse, sowohl für die betroffenen Eltern als auch für die Seite der Fachleute. Während im Vorjahr nur das Mannheimer Kinderzentrum im Fokus stand, seien nun nahezu alle wichtigen regionalen Anlaufstellen vertreten – unter anderem das Klinikum Ludwigshafen, das Kinderzentrum Ludwigshafen, das Anna-Stift sowie das ZEL Heidelberg (Zentrum für Entwicklung & Lernen). Auch aus Frankenthal kommen Akteure: das Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation (PIH) sowie die Neumayerschule mit dem Förderschwerpunkt Sprache.