Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Was tun, wenn mein Kind nicht spricht?

Gemeinsam ein Bilderbuch anschauen ist eine von vielen Möglichkeiten, Kinder im Alltag spielerisch an Sprache heranzuführen.
Gemeinsam ein Bilderbuch anschauen ist eine von vielen Möglichkeiten, Kinder im Alltag spielerisch an Sprache heranzuführen.

Wenn ein Kleinkind nicht sprechen lernt, machen Eltern sich häufig große Sorgen. Eine Logopädin aus der Vorderpfalz weiß, worauf Familien achten sollten.

Kinder, die einfach nicht sprechen: Wie häufig erleben Sie das in Ihrer Praxis?
Ein großer Teil der Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, die wir behandeln, kann nicht oder nur sehr eingeschränkt sprechen. Sie kennen einzelne Wörter, können aber beispielsweise keine Sätze bilden, und kommunizieren hauptsächlich nonverbal.

Ab welchem Alter sollten Eltern genauer hinschauen, wenn ihr Kind nicht spricht?
Mit 18 Monaten sollte ein ansonsten normal entwickeltes Kind mindestens 50 Wörter beherrschen. Ist dieser Richtwert nicht erreicht, besteht vor dem zweiten Lebensjahr noch nicht per se ein Therapiebedarf. Aber zumindest sollte man dann den Kinderarzt bei der Vorsorgeuntersuchung darauf ansprechen.

Welche Ursachen können dahinter stecken, wenn ein Kind spät oder nur eingeschränkt spricht?
Neben kognitiven und neurologischen Einschränkungen kann das zunächst einmal am Hörvermögen liegen. Etliche Kinder haben beispielsweise Wasser im Ohr. Das lässt sich häufig durch das Einsetzen eines Röhrchens beheben. Sobald sie wieder gut hören, holen sie beim Sprechen auch schnell wieder auf.

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld beim verzögerten Spracherwerb?
Wenn Eltern viel mit ihrem Kind reden und Alltagshandlung etwa beim Einkaufen mit Sprache begleiten, lernen Kinder die Worte ganz automatisch durch die ständige Wiederholung, auch wenn sie diese selbst noch nicht nutzen. Aber häufig verbringen Familien wenig Zeit bewusst mit den Kindern, sie werden irgendwo abgegeben oder abgesetzt.

Zum Beispiel vor dem Fernseher oder Tablet?
Medienkonsum spielt eine große Rolle. Leider verbringen Kinder häufig zu viel Zeit vorm Bildschirm. Das wirkt sich auch negativ auf die Sprachentwicklung aus.

Die heute Vier- bis Fünfjährigen sind mitten in der Corona-Zeit aufgewachsen. Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf deren Entwicklung?
Den Kindern hat der soziale Kontakt, das Miteinander mit Gleichaltrigen, das Voneinanderlernen und Abschauen gefehlt. Viele Betreuungseinrichtungen waren geschlossen. Nicht nur der Spracherwerb, die emotionale Entwicklung insgesamt hat darunter gelitten.

Wenn ein Kind in einem bestimmten Alter nicht spricht, was können Eltern in solchen Situationen tun?
Als Allererstes sollte man das mit dem Kinderarzt abklären. Wenn Eltern den Verdacht haben, dass etwas nicht stimmt, sollten sie darauf bestehen, mit ihren Beobachtungen und Sorgen ernst genommen zu werden. Eine große Anlaufstelle in unserer Region ist das Kinderzentrum in Ludwigshafen. Ich weiß allerdings, dass man hier bis zu zwei Jahre auf einen Platz wartet. Hilfreich ist sicher auch ein Beratungstermin beim Logopäden. Meine Kollegen und ich können schauen, ob tatsächlich Handlungsbedarf besteht.

Wie sind hier die Wartezeiten?
Auf einen Therapieplatz wartet man inzwischen mindestens sechs Monate, selbst wenn man zeitlich flexibel ist und auch vormittags kann. Das Problem: Je später die Therapie beginnt, umso weniger Zeit hat man, mit dem Kind vor dem Schulstart zu arbeiten.

Wie arbeiten Sie in der Praxis mit spät sprechenden Kindern?
Wir begleiten Handlungsabläufe spielerisch, erklären viel, wiederholen immer wieder die gleichen Worte. So nach dem Muster: Wo sind Deine Schuhe? Ja, das sind Deine Schuhe. Komm, wir ziehen Deine Schuhe an.

Also Methoden, die Eltern gut in den Alltag einbauen können?
Auf jeden Fall. Extrem hilfreich ist es, Handlungsabläufe des Kindes beim Anziehen, Spazierengehen, gemeinsamen Einkaufen immer sprachlich zu begleiten und nicht selbst auf stumm zu schalten. Singen, Fingerspiele und Reime sind ebenfalls toll, genauso Hörbücher und Vorlesen beziehungsweise gemeinsam Bilderbücher anzuschauen. Wichtig ist, dass Eltern bewusst in ganzen Sätzen und mit Blickkontakt kommunizieren und nicht in die Babysprache verfallen oder falsche Ausdrücke des Kindes übernehmen.

Leitet zwei logopädische Praxen in Frankenthal und Ludwigshafen: Nevros Yesiltepe. Foto:
Leitet zwei logopädische Praxen in Frankenthal und Ludwigshafen: Nevros Yesiltepe. Foto:

Zur Person

Nevros Yesiltepe (29) führt zwei logopädische Praxen in Ludwigshafen (seit 2020) und Frankenthal (2021). Sie beschäftigt zehn Therapeuten. Vor ihrer Selbstständigkeit war Yesiltepe als Logopädin in Frankenthal angestellt. Die 30-Jährige lebt in Weinheim. Fachkräfte verschiedener Bereiche der Arbeit mit Kindern über Spracherwerb aufzuklären und für den Umgang mit Defiziten zu sensibilisieren, ist ihr ein wichtiges Anliegen. Am Freitag, 7. März, lädt die Logopädin deshalb Experten aus ganz Deutschland zu einem Kongress „Kindersprache stärken“ ins Congress-Forum Frankenthal ein. Angemeldet sind laut Yesiltepe bereits über 200 Teilnehmern, darunter neben Sprachtherapeuten auch Ärzte, Erzieher und Vertreter der Fachdienste der Kommunen. Der Erlös aus den Eintrittsgeldern in Höhe von rund 5000 Euro soll an das Kinderhospiz Sterntaler gehen.

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