Bolanden
Nach zehn Jahren Sanierung: Bolander Burgmauer ist wieder sicher
Zehn Jahre lang wurde in Bolanden die Burgmauer saniert – unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, auch weit über Bolanden hinaus. Obwohl von der einstmals stolzen, laut dem Bauarchäologen Achim Wendt „geradezu protzigen“ Anlage nur wenige Mauerreste übriggeblieben sind, regen diese offenbar die Phantasie der Nachwelt an. Vielleicht sind die Nordpfälzer sogar ein wenig stolz auf „ihre“ Bolander. Übrigens nicht zu Unrecht, wie Wendt anlässlich der abschließenden Burgbegehung am Donnerstag betonte: Die Familie gehörte im späten 12. Jahrhundert zu den mächtigsten Familien im gesamten Südwesten des damaligen Kaiserreichs. Vor allem der legendäre Kaiser Barbarossa hielt große Stücke auf den berühmtesten Bolander, Werner II.
Federführend bei der Sanierungskampagne war der Heimatverein. Der Vorsitzende Thomas Danner und der ehemalige Vorsitzende Volker Lünstroth hatten hier die Fäden in der Hand. Voll des Lobes sind die beiden für die Spendenbereitschaft der Menschen in der Region. Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um das Großprojekt:
Warum wurde die Mauer überhaupt saniert?
Saniert werden musste, weil die Anlage öffentlich zugänglich ist und die Ortsgemeinde Bolanden als Eigentümerin für die Sicherheit sorgen muss. Bauherr war der Heimatverein.
Warum nicht die Ortsgemeinde?
Weil der Heimatverein, wie Thomas Danner erklärt, gerne die Fäden in der Hand behalten wollte. Außerdem ließ sich das Ganze ohne bürokratische Zwänge besser organisieren.
Worum ging es bei der Sanierung?
Bei „Sanierung“ darf man nicht an Restaurierung oder gar Wiederaufbau denken. Es ging wirklich nur darum, die Mauerreste vor dem weiteren Zerbröseln zu bewahren und verkehrssicher zu machen. Für mehr fehlte das Geld.
Wie viel hat die Sanierung gekostet?
Kalkuliert war mit rund 550.000 Euro. Am Ende waren es rund 320.000 Euro.
Wer hat das bezahlt?
Zu jeweils etwa einem Drittel die Ortsgemeinde Bolanden, die Landesdenkmalpflege und der Bolander Heimatverein.
Warum hat das so lange gedauert?
Saniert werden konnte witterungsbedingt nur im Sommer. Deswegen waren die Arbeiten in Bauabschnitte, einer pro Jahr, aufgeteilt. Dafür musste die Finanzierung jedes Mal neu organisiert werden. Auch die Gemeinde musste die Mittel Jahr für Jahr neu im Haushalt ausweisen. Die schwierigste Aufgabe blieb am Heimatverein hängen. Weil er seinen Anteil, immerhin ein Drittel der Gesamtkosten, nicht allein über Mitgliedsbeiträge finanzieren konnte, musste er immer wieder genügend Spender finden.
Wie ist das dem Heimatverein gelungen?
Indem er kreativ wurde. Einnahmen kamen vor allem vom Parkfest oder dem Bücherbasar, für reine Geldspenden wurde ein Konto eingerichtet, dafür rührte der Verein fleißig die Werbetrommel. Außerdem holte er Sponsoren ins Boot, die beispielsweise Benefizkonzerte organisierten. Zum Glück war das Interesse an der Burg groß, und damit auch die Spendenbereitschaft. Es gab Stamm-Sponsoren, die jedes Jahr auf der Spenderliste standen, manche mit vierstelligen Beträgen.
Wurde wirklich in jedem Jahr gearbeitet?
Nein, zwei Saisons fielen coronabedingt aus.
Wer hat die Bauarbeiten erledigt, und waren auch ehrenamtliche Helfer am Start?
Eine solch anspruchsvolle Aufgabe können nur Spezialisten erledigen. Die fand der Heimatverein in der Firma Dausner aus Oberdiebach. Es handelt sich um eine Fachfirma für historische Bauten. Trotzdem sind auch ehrenamtliche Helfer zum Zug gekommen: Sie haben in jeder Saison das Gelände vorbereitet und die Mauern von Bewuchs freigeschnitten. Übrigens wurden die Arbeiten immer auch archäologisch und bauhistorisch begleitet: von der Landesdenkmalpflege Mainz und der Generaldirektion Kulturelles Erbe Speyer. Planer war der Architekt Marc Sattel.
Was wurde bei der Sanierung genau gemacht?
Das Mauerwerk wurde von Bewuchs befreit, lockere Steine wurden abgetragen und wieder aufgemauert, Fensternischen neu gefasst, es wurde Mörtel eingespritzt oder nach Bedarf ein Anker gesetzt, und in den besonders zerstörten Bereichen wurde auch mal eine Mauerkrone abgenommen und neu aufgebaut.
Gab es dabei auch überraschende Funde oder Erkenntnisse?
Allerdings. Das ist ja das Spannende an der Sache. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Die Burg ist wohl um die 80 Jahre älter als bisher gedacht. Zweifel an der konventionellen Datierung, die vom Jahr 1200 oder später als Baubeginn ausgeht, gab es allerdings schon länger. Der Grund: der berühmteste aller Bolander war Werner II., ein Gefolgsmann Kaiser Barbarossas. Er war im Jahr 1200 aber bereits tot. Nach der alten Datierung hätte er noch auf Altbolanden, dem Stammsitz der Familie, residiert, was wenig plausibel erscheint, denn diese Burg war kaum mehr als ein befestigter Herrenhof. Neubolanden dagegen, das in seiner ältesten Form einen ungewöhnlich großen, wohl an die 30 Meter hohen Bergfried und einen geradezu hochherrschaftlichen Palas (das Wohngebäude einer mittelalterlichen Burg) hatte, passt viel besser zu einem Mann wie Werner. Zudem wurden Scherben gefunden, die eine entsprechende Datierung nahelegen. Sowohl der Bergfried als auch der Palas wurden in späteren Phasen abgerissen. Vom Bergfried existieren gar keine Reste, vom Palas überdauerte ein Keller, der später mit Stallungen und Wirtschaftsgebäuden überbaut wurde. Vom Pferdestall haben sich sogar noch Einarbeiten für die Boxentrennungen erhalten. Der Stall selbst wurde in einer späteren Phase niedergebrannt, auf dem Pflaster kam bei den Grabungen eine Ascheschicht zum Vorschein. Eine weiter Erkenntnis: Die deutlich sichtbare Bresche im Ostteil der Mauer entstand wohl bei einer Burgerweiterung im 15. Jahrhundert. Sie führt in den sogenannten Zwinger, ein der Ringmauer vorgelagertes und von einer zweiten Mauer abgeschlossenes Areal, das der Verteidigung diente. Vor der Sanierung hatte man noch gemutmaßt, dass die Mauer gewaltsam durchbrochen wurde, etwa bei der Einnahme der Burg.
Wie veränderte sich die Burg im Lauf der Jahrhunderte?
Erbaut wurde sie wohl um 1120, zeitgleich mit dem Kloster Hane. Umgebaut und erweitert im 14. und 15. Jahrhundert, im Bauernkrieg 1525 zerstört, danach aber wieder aufgebaut, im Dreißigjährigen Krieg von spanischen Truppen besetzt, 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg von den Franzosen zerstört. Die Ruine wurde verkauft und diente bis 1822 als Steinbruch.
Gibt es alte Abbildungen der Burg, die zeigen, wie sie einmal ausgesehen hat?
Aus dem Mittelalter, der eigentlich interessantesten Zeit, ist natürlich nichts überliefert. Allerdings gibt es ein Gemälde vom Beginn des 17. Jahrhunderts. Und das ist, wie die bauhistorischen Untersuchungen gezeigt haben, offenbar durchaus authentisch. Das Original befindet sich im Historischen Museum der Pfalz in Speyer als Leihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Auf der Hinweistafel auf dem Burggelände findet sich eine Abbildung.
Wer waren eigentlich die Herren von Bolanden?
Um das Jahr 1200 gehörte die Familie zu den mächtigen Geschlechtern des Stauferreichs. Auf dem Höhepunkt ihres Reichtums und Einflusses besaß sie viel Land, kontrollierte über 20 Burgen, besaß Klöster und konnte um die 1500 Ritter als Gefolgsleute aufbieten. Und das, obwohl es sich strenggenommen gar nicht um Adlige, sondern um sogenannte Ministeriale handelte, Menschen, die aus dem Leibeigenen-Stand kamen und bis ins Spätmittelalter noch persönlich unfrei waren. Solche Ministeriale, auf Deutsch Dienstmänner, gab es im Mittelalter viele. Sie entwickelten sich aus besonders hochstehenden Leibeigenenfamilien, die an Fürstenhöfen wichtige Positionen innehatten und das Vertrauen ihrer Herren genossen, bis sie schließlich selbst de facto, wenn auch nicht rechtlich, mit Adligen gleichzusetzen waren. Trotzdem wurden sie vom alten Adel oft als unebenbürtig angesehen. Allerdings gelang es den Bolandern binnen weniger Generationen, in adlige Kreise einzuheiraten. Sie waren offenbar politisch geschickt und schafften es in den engeren Zirkel des jeweiligen Kaisers. Als Kaiser Barbarossa auf Kreuzzug war, half Werner II. von Bolanden dessen Sohn Heinrich VI beim Führen der kaiserlichen Geschäfte. Später bekleideten Bolander das erbliche Hofamt des Reichstruchsessen. Zu den Ursprüngen der Familie ist allerdings wenig bekannt, wahrscheinlich weil sie unfreier Herkunft war. Vermutlich stand sie anfangs in Diensten des Mainzer Bischofs, eines Kurfürsten des Reichs. Bereits um 1288 starben die beiden noch existierenden weltlichen Hauptlinien der Familie aus, die beiden überlebenden männlichen Erben waren Priester und hatten keine Nachkommen. Als letztes erlosch 1602 die Seitenlinie der Herren von Hohenfels.
