Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Keine Altersgrenze in der digitalen Welt

Sie machen ältere Menschen fit fürs Internet: Einige der Digitalbotschafter des Donnersbergkreises.
Sie machen ältere Menschen fit fürs Internet: Einige der Digitalbotschafter des Donnersbergkreises.

Das Internet kann vor Einsamkeit schützen. Wie, das zeigen Digitalbotschafter älteren Menschen. Die Ehrenamtler sind ständig auf der Suche nach Verstärkung.

Renate Bohnert hatte kürzlich ein echtes Aha-Erlebnis im Internet. „Ich hatte auf dem Speicher alte Spiele gefunden, zu denen es weder Kartons noch Spielanleitungen gab.“ Sie wusste also weder den Namen noch die Spielregeln. Schade! Kurzerhand hielt sie die Spielbretter vor die Kamera ihres Tablets, ließ sie von Google Lens abfotografieren und hatte im Nu die Namen. Über die Google-Suche fand sie dann auch noch die passenden Spielanleitungen. Die Reaktivierung war gelungen.

Renate Bohnert ist eine der Teilnehmerinnen der Digitalworkshops, die Digitalbotschafter des Kreises regelmäßig anbieten. Neben der Suchfunktion der Kamera nutzt sie regelmäßig Google Maps, den Navigationsservice, den auch Adam Strohe sehr zu schätzen weiß. „Wenn man beispielsweise in einer fremden Stadt zu Fuß unterwegs ist, passiert es schnell mal, dass man sich verläuft. Dann einfach Google Maps anschalten und auf Fußgängermodus gehen, und schon weiß man wieder, wo es lang geht“, lobt er.

Apps für alle Interessensgebiete

Gemeinsam mit rund zehn weiteren digital interessierten Senioren kommt er regelmäßig dienstags ins alte Rathaus nach Harxheim, wo Hans Joachim Herweck als Digitalbeauftragter Ansprechpartner ist. Herweck ist von Berufs wegen sehr früh in die digitale Welt eingetaucht. „Oft bringen die Teilnehmer ihre eigenen Themen mit“, sagt er. Und sehr oft geht es dabei um die Nutzung von Apps, von Anwendersoftware, die es millionenfach für die unterschiedlichsten Interessen und Zielgruppen gibt.

Anfangs habe er viel Zeit damit verbracht, bei den Interessenten die Skepsis gegenüber dem digitalen Leben zu zerstreuen. „Viele haben Angst, sie könnten auf Betrüger hereinfallen, oder am Ende versehentlich 20 Waschmaschinen bestellen“, schildert Herweck schmunzelnd. „Natürlich kann man auch im Internet auf Betrüger hereinfallen, wie im echten Leben auch. Aber wenn man hier bestimmte Verhaltensregeln beherzigt, dann ist das Surfen im Internet ebenso gefährlich wie bei Grün über die Ampel zu gehen“, sagt er. Man kann auch dann noch unter die Räder kommen, aber eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nun mal nirgends.

Navi und Bestsellerlisten gefragt

Seine Harxheimer „Schützlinge“ haben die Schnupperphase bereits weit hinter sich gelassen, manche sind mittlerweile ständige Nutzer und im Umgang mit Handy, Tablet oder Laptop firm geworden. So hat Gabi Tisch ein ganz konkretes Anliegen. Sie sucht einen Podcast, der sich mit Buchbesprechungen beschäftigt. „Ich lese gerne und habe mich bisher immer an den Bestsellerlisten orientiert, wenn ich mir neuen Lesestoff besorgt habe“, schildert sie. Jetzt würde sie ihre Infos gerne online besorgen. Großen Nutzen zieht sie aus ihren Digitalkenntnissen aber auch, wenn sie als Kunstkennerin auf YouTube auf einer englischsprachigen Seite landet. „Ich weiß, wie man einen deutschen Untertitel installieren kann“, sagt sie. Das sei für sie ein großer Gewinn. Daneben braucht sie ihr Handy auch zum Navigieren beim Autofahren und – ach ja – auch immer mal wieder zum Telefonieren.

In Harxheim trifft sich regelmäßig eine Gruppe, um von Hans Joachim Herweck (rechts) im Umgang mit digitalen Angeboten geschult
In Harxheim trifft sich regelmäßig eine Gruppe, um von Hans Joachim Herweck (rechts) im Umgang mit digitalen Angeboten geschult zu werden.

Apps für Pflanzen und Vogelstimmen

„Was fast alle unsere Teilnehmer häufig brauchen, ist die Kalenderfunktion“, berichtet Herweck. Termine online verwalten oder mit Familienmitgliedern teilen, wann kann ein Arzttermin eingeplant werden, wann brauchen die Enkel einen Fahrdienst, das zu koordinieren ist im Alltag eine große willkommene Erleichterung. „Aber es geht viel weiter“, so Herweck. So werden Apps zur Pflanzenbestimmung oder zur Vogelstimmenerkennung heruntergeladen, Fotos gemacht und bearbeitet oder sogar Grußkarten erstellt.

„Wir hatten eine Teilnehmerin, die hatte eine diebische Freude daran, zu ihrem Geburtstag in der Familie eine Umfrage auf WhatsApp zu starten: Wer kommt, wer kommt nicht, wer weiß es noch nicht“, erzählt Herweck lachend. „Die Enkel haben nicht schlecht gestaunt, was ihre Oma hinbekommt.“ Ein Renner sind auch selbsterstellte Grußkarten zu Ostern oder Weihnachten. Da sind die „Silver Surfer“, wie Internetnutzer ab 50 Jahren auch genannt werden, mit Feuereifer dabei. „Schließlich soll das Ganze ja auch noch Spaß machen“, sagt Herweck.

App-Angebote der Discounter

Manchmal geht es aber auch um wichtige Informationen, die eine Orientierung im immer stärker digital ausgerichteten Alltag erleichtern sollen. So steht an diesem Nachmittag das Thema Discounter-Apps auf dem Plan. Ein Infovideo, das Herweck zuvor auf Seriosität und Verständlichkeit geprüft hat, erklärt den Teilnehmern im Harxheimer Rathaus den Hintergrund. Welche Apps die Supermärkte anbieten, welche Vorteile sie für Kunden bieten, wie man sie laden und im Fall des Falles wieder loswerden kann, und natürlich auch, was die Anbieter selbst davon haben, wenn sie ihre Apps in der Menschheit verteilen. „Daten sammeln“, so der junge IT-Spezialist auf der Leinwand, sei nicht kriminell. Es sei nur wichtig, sich klarzumachen, dass man mit dem Erwerb der App dem jeweiligen Anbieter etwas von sich und seinem Einkaufsverhalten preisgebe. „Das ist so wie der Bäcker an der Ecke weiß, dass ich montags immer zwei Brezeln für meine Enkel kaufe. Aber eben in viel größerem Stil“, macht Herweck deutlich.

Internet kann man nicht löschen

Eine seiner „Digitalkolleginnen“ ist die Gemeindeschwester plus Tonja Loureiro. „Ich nehme das Thema Digitalisierung mit zu meinen Klienten und ermutige sie dazu, sich den Entwicklungen zu öffnen“, sagt sie. „Keine Angst, das Internet kann man nicht löschen.“ Patientenakte, Arzttermine, WhatsApp-Gruppen, Videokonferenzen mit Kindern oder Enkeln – das alles, so erlebt es Loureiro, ist für viele ältere Menschen ein echter Gewinn. Auch Alexa, die digitale Assistentin in Gestalt einer Box, stellt sie bei der Gelegenheit gerne vor. „Alexa, spiel mal Helene Fischer“, oder „Alexa, wie wird das Wetter im Zellertal morgen“, all das kann damit allein über Sprache abgerufen werden. „Digitalisierung, das haben wir vor allem in Corona-Zeiten gemerkt, kann gerade für Menschen, die nicht mehr mobil sind, ein wichtiger Helfer gegen Einsamkeit sein“, so die Erfahrung von Loureiro.

Aus diesem Grund hält sie die 700 Digitalbotschafter in Rheinland-Pfalz für einen großen Gewinn. Auf Kreisebene hofft sie, zu den bisher 28 Botschaftern noch weitere gewinnen zu können. Besonders im Westkreis in der Rockenhausener Ecke seien die Botschafter bislang noch unterrepräsentiert.

Info

Wer sich als Digitalbotschafter engagieren möchte, kann sich bewerben unter der Mailadresse: digitalbotschafter@medienanstalt-rlp.de oder telefonisch unter 06131 279675.

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