Helmut Kohl Stiftung
Klassentreffen der Bonner Republik
Es hat ein bisschen was von Klassentreffen. Da ist Horst Teltschik, der außenpolitische Berater Helmut Kohls. Oder auch Maria Böhmer – die Pfälzer Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission „erbte“ nach dem Ende der Ära Kohl den Bundestagswahlkreis des Ludwigshafener Staatsmanns. Da ist Werner Weidenfeld, einst Professor in Mainz, Kohls Mann für Politikberatung und die transatlantischen Beziehungen. Da ist Bernhard Vogel aus Speyer, fast 90-jährig, Kohls Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz.
Da sind viele andere ergraute Häupter der Bonner Republik, aber auch viele jüngere Köpfe der aktuellen Berliner Politik, zumeist aus dem Dunstkreis der CDU, die Kohl von 1973 bis 1998 anführte. Zum Beispiel Ex-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die etwas verspätet eintrifft. Aber da sitzt auch Thorsten Schäfer-Gümbel von der SPD oder Linda Teuteberg von der FDP. Auch der österreichische Altkanzler Wolfgang Schüssel ist gekommen.
Post von Maike Kohl-Richter
430 Menschen sitzen am Dienstagabend in der im Zweiten Weltkrieg zerstörten, danach neu aufgebauten und seit 1983 wieder als Gotteshaus genutzten Französischen Friedrichstadtkirche. Es sei an der Zeit, „mit Fantasie und Sachverstand die Ära Kohl zu würdigen“, umreißt Volker Kauder, 2005 bis 2018 Unionsfraktionschef im Bundestag, eingangs die Mission der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung, die hierher eingeladen hat. Es ist ihre erste große, öffentliche Veranstaltung. Seit einem Jahr ist Kauder nun Chef der Kohl-Stiftung.
Der Schwabe hat Post aus der Pfalz bekommen: von der Witwe des 2017 verstorbenen Altkanzlers, Maike Kohl-Richter. Sie spricht der Bundesstiftung das Recht ab, Helmut Kohls Namen zu benutzen. Die Söhne des Altkanzlers, Walter und Peter, haben sich zwar nicht gegen die Stiftung gestellt, fehlen aber ebenso. Allein Walters Sohn Johannes Volkmann, der in Brüssel arbeitet und in der CDU Hessen aktiv ist, ist dabei. Eine Rede hält er nicht, obwohl der 25-Jährige ja für die junge Generation stehen könnte, für die die Stiftung besonders da sein soll. Das alles machen weder Kauder, noch die anderen Redner dieses Abends öffentlich zum Thema. Aber es schwingt im Hinterkopf mit, es ist Thema beim Umtrunk bei Riesling und Spätburgunder des Weinguts Petri aus Herxheim am Berg.
Aber der Reihe nach. Vor 40 Jahren löste Helmut Kohl den SPD-Kanzler Helmut Schmidt ab, nachdem die FDP die Koalition mit den Sozialdemokraten verlassen und die Seiten gewechselt hatte. 5870 Tage mit Kohl an der Spitze der deutschen Regierung sollten folgen. Anlass genug, für die Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung, ihren ersten großen Aufschlag zu wagen. Und der Abend ist kurzweilig. Neben klugen Ansprachen und Vorträgen gibt es da auch einen von UFA-Chef Nico Hofmanns Team produzierten Vier-Minuten-Film. „Kanzler der Einheit, Europäer aus Leidenschaft“ – ein informatives, aber doch auch heroisierendes Werk.
50 Prozent der Jugend weiß wenig über Kohl
Zeitzeugen-Videos und Umfragezahlen zum politischen Vermächtnis Helmut Kohls runden das Programm ab. Projektleiter Michael Sommer vom Institut für Demoskopie Allensbach stellt die Ergebnisse aus zwei repräsentativen Befragungen vor, einmal zur Gesamtbevölkerung und einmal zur Gruppe der 15- bis 25-Jährigen, also der Jugend, die erst nach der Ära Kohl geboren wurde.
Wenig überraschend: Die Deutschen insgesamt denken beim Namen Kohl zu 78 Prozent zuerst an die Wiedervereinigung und zu 70 Prozent an die CDU. 83 Prozent sagen, Kohl habe einen wesentlichen Anteil an der Deutschen Einheit und – 56 Prozent sagen das – an der Einführung des Euro. Gleichwohl rangiert der Kanzler aus der Pfalz nur an Platz vier der Liste der aus Sicht der Bürger wichtigsten Regierungschefs der Bundesrepublik: 59 Prozent sehen Konrad Adenauer an Platz 1, danach folgen Willy Brandt und Angela Merkel – danach erst Kohl und Helmut Schmidt.
Bei der jungen Generation kennen 16 Prozent den Namen Helmut Kohl gar nicht. 23 Prozent sagen, sie wüssten einiges über ihn, 50 Prozent aber erklären, nur wenig über den Ludwigshafener zu wissen. Bei der Jugend ist Angela Merkel bekannter als Konrad Adenauer, und auch hier herrscht die Meinung vor, Merkel sei bedeutender als Kohl. Gleichwohl sagen jene jungen Deutschen, die Kohl kennen, zu 47 Prozent, der Pfälzer zähle zu den großen Persönlichkeiten der Geschichte.
„Nichts ist auserzählt“
Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, der zum Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung zählt, skizziert die anstehende Aufgabe, die Ära Kohl zu erforschen und zu dokumentieren: „Nichts ist auserzählt, gar nichts.“ Es gebe kilometerlange Aktenberge dazu – „stürzen wir uns auf sie“. „Erst unsere Fragen brechen das Schweigen der Akten“, appelliert Korte, diese Arbeit auch öffentlich zu erörtern. Man müsse konkret anschauen, wie Kohl regierte. Wie er mithilfe seiner Partei Macht ausübte. Wie er lustvoll polemisieren konnte. „Empörungsverweigerung war Kohl fremd“, so der Politikprofessor und benennt einen Kontrast zur heutigen Politik, in der Wahlkampf nur noch ein „gegenseitiges Niederschmusen“ sei. Gelächter im Publikum.
Wie Korte teilen auch CDU-Chef Friedrich Merz und Altkanzlerin Angela Merkel, die hier einen seltenen gemeinsamen Auftritt haben und die bekannten Spannungen zwischen ihnen weglächeln, launische Anekdoten. Aber sie wagen sich auch an die Frage, was Helmut Kohl wohl von der heutigen weltpolitischen Lage gehalten – und wie er agiert hätte. Merkel gibt zwar zu bedenken, dass jeder in seiner Zeit lebe, sie lässt aber keinen Zweifel daran, dass Kohl alles getan hätte, um der Ukraine zu helfen, ihre Souveränität zu verteidigen.
Merkel: Vorsicht ist keine Schwäche
Wie weit das gehen würde? Da bleibt Merkel gewohnt vage, aber sie mahnt am Ende: Man solle Putins Worte ernst nehmen. Es scheint fast wie eine Verteidigung ihres von der CDU bisweilen als zu zögerlich gescholtenen Nachfolgers Olaf Scholz, als Merkel hinzufügt: Putins Worte nicht als Bluff abzutun, sei „kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausweis politischer Klugheit“. Auch Kohl hätte inmitten einer solchen Krise die künftige Beziehung stets mitbedacht, ist Merkel überzeugt.
Friedrich Merz hat zuvor diesen Bogen geschlagen: Es stehe durch Putins Krieg das Europa auf dem Spiel, das Kohl „ganz maßgeblich mit aufgebaut hat“. Er schnarrt, gewohnt trocken: Die „friedlichen, freiheitlichen und demokratischen Werte“ Europas seien „im Kern bedroht“.
Wer hat die Deutungshoheit?
Die Frage, wer die Deutungshoheit über Kohls Vermächtnis hat, bleibt derweil ganz grundsätzlich umstritten. Die per Bundesgesetz errichtete Kohl-Stiftung „entspricht nicht dem Willen meines Mannes“, lässt Maike Kohl-Richter in einem anderthalb Seiten langen, auf ihrer Internetseite „Zum 1. Oktober 2022“ veröffentlichten Brief wissen. „Ich würde es bedauern, wenn ich neben meinen anderen Rechtsstreitigkeiten meine Ankündigung tatsächlich umsetzen und auch noch gegen diese Stiftung Klage einreichen müsste“, droht Kohl-Richter, die einen Verein für eine private Kohl-Stiftung mit Sitz in Ludwigshafen gegründet hat.
Die Bundesstiftung soll künftig eine Ausstellung im „Otto-Wels-Haus“, Unter den Linden 50, haben. Die Räume müssen aber noch mindestens zwei Jahre saniert werden. Für den Übergang bekommt die Stiftung einen Informationsraum im Bundestagsgebäude „Jakob-Kaiser-Haus“ neben dem Eingang Wilhelmstraße 68. Kleinere Ausstellungen sollen da stattfinden. Das Internet bleibt also vorerst die wichtigste Plattform der Stiftung. Dort sind zum Beispiel auch Zeitzeugeninterviews abzurufen, zum Beispiel mit Ex-EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker oder Ex-Finanzminister Theo Waigel.