Bad Dürkheim
Fragen und Antworten: Kommen weitere Wölfe in die Pfalz?
Im Juli wurde der Wolf mit der Bezeichnung GW2886m zum ersten Mal in der Region nachgewiesen. Er hatte mehrere Nutztiere in der Südwestpfalz gerissen. Seither ist er durch die Pfalz gewandert: Er wurde im Leiningerland nachgewiesen, bei Wachenheim von einer Wildtier-Foto-Falle fotografiert und bei Martinshöhe (Kreis Kaiserslautern) riss er ebenfalls ein Nutztier, am 11. August. Dies stand etwa einen Monat später fest.
Warum dauert das so lange?
Laut Michael Back vom Koordinationszentrum Luchs und Wolf (KLUWO) müssen die Experten bei Nutztier-Rissen auf die Labor-Ergebnisse der genetischen Analysen warten. Bei gerissenen Wildtieren gehe das schneller, da Back die Körper öffnen dürfe und daran bereits erste Hinweise erkennen könne. Nutztiere dagegen dürften wegen des Seuchenschutzes nur vom Landesuntersuchungsamt aufgeschnitten werden. Und es sei den Haltern der Tiere freigestellt, ob sie diese dort vorbeibringen, sie abholen lassen oder gar nichts von beidem.
Wie kann man an Tierkörpern erkennen, welches Tier für den deren Tod verantwortlich war?
Die sogenannte „Riss-Charakteristik“ sei bei jedem Tier unterschiedlich: Ein Luchs habe zum Beispiel scharfe Krallen, die für tiefere Kratzer und Verletzungen sorgten. Wölfe und Hunde dagegen haben laut Back eher stumpfe Krallen. Er erklärt: „Wenn Hunde versuchen, ein Tier zu fangen, rutschen sie an dem Fell entlang, da kann man dann Blutungen unter der Haut und Blutergüsse feststellen.“ Wölfe dagegen hetzten ihre Beute bis zum Schluss und töteten sie mit einem Kehlbiss.
Gab es schon Wildtier-Risse von GW2886m?
Back vermutet, dass der Wolf bereits Wildtiere gerissen hat, sie aber noch nicht entdeckt wurden. Denn von den Nutztieren, die er bisher getötet hat, werde ein Wolf nicht satt. Die Tiere bräuchten zwei bis zweienhalb Kilogramm Fleisch pro Tag, um satt zu werden.
Warum tötet der Wolf mehrere Nutztiere, wenn er sie dann nicht frisst?
In so einem Fall liegen laut Back mehrere Faktoren vor: Wenn ein Wolf ein Tier flüchten sieht, werde in ihm der Jagdtrieb ausgelöst. Wenn er eines gefangen habe, seien in freier Wildbahn die übrigen Tiere des Rudels außer Sicht. Da Nutztiere eingezäunt sind, können sie sich nicht außer Sicht begeben und flüchten innerhalb des Zauns, wie Back erklärt. Das löse wieder den Instinkt des Wolfes aus, die Tiere zu jagen. Dieses Verhalten, alle auf einmal zu töten, wäre ja in freier Wildbahn „totaler Quatsch“, wie Back sagt. „Wenn er die gesamte Beute in seinem Jagdrevier auf einmal töten würde, da hätte er ja nichts davon.“
Es gibt inzwischen ein Foto von GW2886m. Ist er gesund?
Michael Back hält GW2886m für einen ganz normalen Wolf, weder abgemagert noch dick. Wölfe seien von Haus aus schmal gebaut. Auf Fotos im Internet sehe man häufig Wölfe mit Winterfell. GW2886m trägt aktuell den Sommerpelz und sehe dadurch sehr schlank aus.
Könnten andere Wölfe wegen der Anwesenheit von GW2886m nachkommen?
Dass Wölfe andere „nachziehen“, dafür gebe es keine Belege. Allerdings: Wenn eine Wölfin auf Partnersuche zufällig in die Gegend kommt, ist die Chance, dass sie bleibt natürlich höher, wenn sie mit GW2886m auf einen potenziellen Partner trifft.
Wie lange wird GW2886m wohl bleiben?
Das kommt darauf an. Wenn er auf Partnersuche ist und niemanden findet, wird er vermutlich irgendwann verschwinden, wie Back erklärt. Ein Beispiel: Im nördlichen Rheinland-Pfalz habe eine Wölfin etwa ein Jahr in einem Waldgebiet alleine gelebt, irgendwann sei sie plötzlich verschwunden. Im Fall von GW2886m werde es im Herbst spannend. Denn in dieser Zeit beginne die Wanderphase der Wölfe, in der sich Jungtiere vom Rudel lösten und selbst losziehen. Auf diesem Weg könnte eventuell eine Partnerin für GW2886m auftauchen.
Der bisherige Weg von GW2886m durch die Pfalz:
Im Pfälzerwald leben ja bereits Luchse. Konkurrieren diese mit den Wölfen um Nahrung?
Was Wild angeht, ja. Laut Back würden gerade Rehe von beiden Tierarten gejagt. Allerdings gehörten auch kleinere Tiere wie Mäuse zum Speiseplan eines Luchses, während ein Wolf diese eher auslässt. Doch auch Luchse bräuchten etwa eineinhalb Kilogramm Fleisch am Tag, weshalb auch sie auf größere Wildarten angewiesen seien, um zu überleben. Wildschweine greife ein Luchs dagegen eher nicht an, denn diese seien wehrhaft und Luchse eher konfliktscheu, sagt Back. Ein Problem mit der Nahrungsversorgung gebe es für beide eher nicht: Im Wald gebe es ausreichend Wild.
Was passiert, wenn sich ein Wolf und ein Luchs begegnen?
Da Luchse Konfrontationen eher vermeiden, wie Back sagt, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie sich überhaupt treffen. Wenn einer von beiden ein Tier gerissen hat und der andere „etwas abhaben möchte“, würde ein Luchs ebenfalls eher abziehen.
Ist es möglich, als Spaziergänger im Wald GW2886m zu treffen?
Rein theoretisch ja, doch die Wahrscheinlichkeit sei äußerst gering. Während Luchse laut Back eher neugierig sind, verschwinden Wölfe, wenn sie einen Menschen frühzeitig bemerken. „Wenn man ganz leise um eine Kurve herumkommt, er dort steht und mit etwas beschäftigt ist, dann könnte das unter Umständen passieren“, sagt Back. In einem solchen Fall solle man sich bemerkbar machen, ein bisschen mit sich selbst reden, zum Beispiel. Wenn ein Wolf einen Menschen bemerke, laufe er normalerweise weg.
Könnte er vielleicht aus Angst angreifen?
Auch das ist aus Sicht von Back sehr unwahrscheinlich. Wenn sich Wölfe allerdings an Menschen gewöhnten, zum Beispiel weil in der Nähe von Wohnhäusern Futter rausgestellt werde, könnte es schon passieren, dass ein Wolf mal ein paar Schritte auf einen Wanderer zumacht, weil er denkt, es gibt etwas zu essen. Daher appelliert Back an die Menschen, bloß keine Wildtiere zu füttern.




