Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Wolfsrissen: Züchter verärgert über träge Behörden

Antje Wutzke hat Angst um ihre Thüringer Waldziegen in Neustadt-Königsbach.
Antje Wutzke hat Angst um ihre Thüringer Waldziegen in Neustadt-Königsbach.

Als realitätsfern kritisieren Tierhalter in der Pfalz die offiziellen Empfehlungen zum Schutz vor dem Wolf. Schaf-, Ziegen- und Pferdehalter verstehen auch nicht, wieso Schutzmaßnahmen noch nicht bezuschusst werden. Der Unmut wächst. Eine Züchterin will gerissene Tiere vor die Tür der Behörden legen.

Viele Tierhalter verfügen bereits über die angeblich wolfssicheren Zäune mit einer Höhe von 90 Zentimetern, die sie ohne Zuschuss komplett aus eigener Tasche bezahlt haben, wie Sven Keller von der Busenberger Wasgauschäferei, der 700 Tiere im Dahner Tal auf Weiden stehen hat. „Große Halter sollten schon länger die Zäune haben“, findet Keller, der allerdings alles andere als entspannt auf die Rissmeldungen und Sichtungen aus Carlsberg (Kreis Bad Dürkheim), Martinshöhe (Kreis Kaiserslautern) sowie Fischbach bei Dahn, Schmitshausen und Rosenkopf (Kreis Südwestpfalz) blickt. „Wenn der Wolf hier bleibt, haben wir ein Problem“, ist sich Keller sicher, der von Kollegen gehört hat, dass sie in dem Fall aufhören wollen. Die Ausgleichszahlungen für gerissene Tiere deckten die Schäden nur zu einem kleinen Teil, moniert der Züchter, der seit den 1980er Jahren Schafe hält. Wenn der Wolf in einer Herde gewesen sei, komme es im Nachhinein zu Fehlgeburten und die Tiere verlören an Gewicht. Diesen Schaden gleiche keine Behörde aus.

Viele Zäune bieten keinen Schutz

„Die 90er Zäune kann man vergessen.“ Antje Wutzke, die 70 Ziegen auf dem Zeiselbacher Hof in Neustadt-Königsbach hält, hat sich spezielle Wolfszäune mit einer Höhe von 1,20 Metern gekauft und verdankt diesen Zäunen vielleicht, dass ihre Bockherde, die bei Wachenheim von dem Wolf verschont wurde, der in dem Gebiet in eine Fotofalle getappt ist. „Der Aufwand ist absoluter Wahnsinn“, findet die Ziegenzüchterin, die seit 2015 ihren Hof hat und nicht weiß, wie sie ihren Kunden die nötige Preissteigerung erklären soll.

Herdenschutzhunde verängstigen Menschen

Vor allem die Empfehlung für einen Herdenschutzhund hält sie für problematisch. Sie selbst habe einen bulgarischen Hirtenhund, der eineinhalb Jahre lang sozialisiert werden musste. Trotzdem rufe das Ordnungsamt regelmäßig an, da sich Anwohner beschwert hätten und Angst haben. „Die Leute wissen nicht damit umzugehen“, findet auch Julia Pernice vom Vogelstockerhof in Eußerthal, die zwei dieser Herdenschutzhunde hat. Um ihre 25 Zuchtpferde und jährlich bis zu 15 Fohlen zu beschützen, bräuchte sie zwölf davon, was absolut nicht machbar sei. Das Problem mit den Herdenschutzhunden sei deren Wesen, das für den Schutz vor dem Wolf ideal sei, aber schlecht mit einem Städter harmoniere, der mit seinem E-Bike durch den Wald radle. „Die Leute kapieren nicht, dass der nicht auf Sitz oder Platz reagiert“, schildert Pernice ihre Erfahrungen mit Wanderern und Mountainbikern. Der Elektrozaun halte diese Hunde auch nicht zurück. Die Vorstellung von dutzenden dieser Hunde im Pfälzerwald, um die vielen Herden zu schützen, passt nicht nur nach Meinung von Pernice überhaupt nicht zu Touristenmassen, die durch die Wälder ziehen. „Das gibt Ärger“, ist sich die Pferdezüchterin sicher. Dirk Eichberger, der bei Erlenbach im Dahner Tal Schafe hält, will sich genau aus dem Grund keinen Herdenschutzhund anschaffen. „Wenn der abhaut und tagelang sich rumtreibt, ist der Schaden für den Tourismus groß“, ist sich Eichberger sicher.

Für Pernice und Wutzke ist klar, dass mit einem dauerhaft hier lebenden Wolf die bisherige Praxis der Offenhaltung von kleinen Tälern im Pfälzerwald nicht mehr funktioniert. Die vielen kleinen Tierhalter würden lieber aufgeben, als ihre Schafe, Ziegen oder Pferde dem Wolf zu servieren. „Diesen Artenreichtum opfert man einer einzigen Art, nämlich dem Wolf“, bringt es Pernice auf den Punkt.

Empfohlene Schutzmaßnahmen nicht ausreichend

Die vom Umweltministerium empfohlenen Schutzmaßnahmen hält Pernice für nicht ausreichend. „Wenn der Wolf Blut geleckt hat, geht der über jeden Zaun“, ist sie sich sicher. Allein die Gegenwart des Wolfes werde die Tiere närrisch machen, glaubt Pernice und verweist auf Erfahrungen von Freunden in Niedersachsen, die schon länger Erfahrungen mit Wölfen haben. Auch Wutzke befürchtet Beeinträchtigungen allein durch einen in der Nähe streunenden Wolf. „Ziegen reagieren sehr sensibel und geben dann keine Milch mehr.“

Großflächig einzuzäunen sei zudem ein Problem für den Naturschutz. „So eine Fläche ist absolut wildfrei. Da kommt kein Fuchs oder Marder mehr rein“, schildert Wutzke ihre Erfahrungen mit den Wolfszäunen. Igel würden am bis zum Boden reichenden und straff gespannten Elektrozaun „gegrillt“.

Züchter kritisieren Trägheit der Behörden

Alle drei Züchter monieren die Trägheit der Behörden, die noch kein Präventionsgebiet hier ausgewiesen haben, obwohl die ersten Tiere von offenbar ein und demselben Wolf gerissen wurden. Nur nach der Ausweisung des Präventionsgebietes können Züchter Zuschüsse für Schutzmaßnahmen beantragen. Und selbst dann dauere alles viel zu lange. „Ich muss dann von drei Anbietern Angebote einholen und bis das durch das Genehmigungsverfahren ist, war der Wolf längst da und hat sich mehrere Tiere geholt“, kritisiert Wutzke. Ihre Kollegin Pernice will im Fall der Fälle die Behörden mit den Taten des Wolfs direkt konfrontieren. „Wenn der mir ein Fohlen tötet, stehe ich mit dem Tier vor dem Landratsamt in Landau“, kündigt die Pferdezüchterin an.

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