Sommer-Interview
Thomas Holländer über sein Leben als Feuerwehrmann und „Tatort“-Schauspieler
Holly, mit 60 steht jetzt die Rente als Feuerwehrmann an. Hast du dafür schon Pläne gemacht?
Ich habe jetzt mehr Zeit für mein Hobby: das Theaterspielen. Auch beim „Tatort“ kann ich jetzt für mehr Dreh-Termine zusagen, das war manchmal nicht möglich durch den Dienst als Feuerwehrmann. Außerdem habe ich mit dem Modellbau angefangen. Generell will ich mich fit halten – die Schauspielerei ist gut für den Kopf, denn man muss dafür viel Text auswendig lernen. Eine Couch-Kartoffel bin ich nie gewesen und das werde ich jetzt auch nicht.
Was steht denn aktuell für den Schauspieler Holly an?
Ich spiele momentan in zwei Stücken beim Boulevardtheater Deidesheim mit, mit denen wir auch auf Tournee gehen: „Loss mer moi Ruh“ ist ein Zweimannstück und das andere heißt „Mach Dich naggisch“ – beide sind ausverkauft.
Und der ARD-„Tatort“?
Momentan habe ich noch keine Anfrage, aber die melden sich bestimmt. Wegen Corona ist bei den Dreharbeiten einiges flachgefallen.
In wie vielen „Tatort“-Krimis hast du bisher mitgespielt?
Das sind bestimmt 20 Folgen gewesen. Ich bin ja nicht nur in Ludwigshafen dabei gewesen, sondern auch in Mainz, Hamburg, Stuttgart oder dem Schwarzwald. Mit Andreas Hoppe, der in Ludwigshafen den Mario Kopper an der Seite von Lena Odenthal gespielt hat, bin ich immer noch befreundet. Der hat mir gerade zu meinem 60. Geburtstag gratuliert.
Du spielst eigentlich immer eine bestimmte Rolle ...
...ja, entweder einen Bösen oder einen Polizisten. Ich war auch schon mal ein korrupter LKA-Beamter (lacht).
Gibt’s da bei den Casting-Agenturen eine Karteikarte, auf der „harter Kerl“ steht?
Weiß ich nicht. Privat bin ich so gefährlich wie ein Schmetterling, sagt meine Frau immer. In den Filmen gucke ich so finster, weil der Regisseur das so will. Die Regieanweisungen sind für mich manchmal ein Problem. Beim Mainzer „Tatort“ mit Heike Makatsch musste ich in einer Tankstelle an einer Zapfsäule rauchen – und das als Feuerwehrmann. Ich habe noch zur Regisseurin gesagt: Ist das dein Ernst? Aber es war nichts zu machen. Immerhin waren die Zapfsäulen abgestellt. Ich habe genau gewusst, wenn das ausgestrahlt wird, was ich dann am Montag von meinen Kollegen zu hören bekomme. Und so war’s dann auch.
Mit Andreas Hoppe gibt’s noch privaten Kontakt, auch mit Ulrike Folkerts, die Lena Odenthal spielt?
Mit Andi verbindet mich eine echte Freundschaft. Ulrike sehe ich nur, wenn wir drehen.
Hast du es bedauert, dass die Autoren die Figur Mario Kopper aus dem „Tatort“ rausgeschrieben haben?
Definitiv. Ich finde, der „Tatort“ Ludwigshafen hat dadurch einiges an Flair verloren – das sagen auch Leute aus meinem Umfeld.
Beim Boulevardtheater Deidesheim spielst du keine Nebenrollen, sondern Hauptrollen.
Ja, ich kann auch mal meine lustige Seite in einer Komödie zeigen. Im Stück „Loss mer moi Ruh“ spiele ich einen von zwei Alten, die in Kur sind. Der eine ist privat krankenversichert, der andere – das bin ich – ist gesetzlich versichert. Die beiden vergleichen sich ständig. Das ist saulustig. Aber die Rolle in einem Zweimannstück ist eine Herausforderung: Ich habe 55 Seiten Text zu lernen. Ich habe keine Pause, stehe die ganze Zeit auf der Bühne.
Wie ist das mit der Schauspielerei losgegangen?
Eigentlich war ich zuerst im Gesangverein Rheingönheim. Ich habe mitgesungen, und an Weihnachten haben wir ein Theaterstück aufgeführt, da habe ich mitgemacht. Danach haben die Leute gesagt, bewerb’ dich doch mal beim Prinzregententheater – die haben mich genommen, und so ist das Ganze vor mehr als 20 Jahren losgegangen.
Was hast du für Erinnerungen an deinen ersten Bühnenauftritt?
Das war das Stück „Von der Currywurst zum Millionär“. Ein Hauptdarsteller ist ausgefallen und ich musste einspringen. Ich hatte drei Wochen Zeit, den Text zu lernen. Wir hatten ein Gastspiel in Ladenburg vor 400 Leuten. Ich hatte furchtbares Lampenfieber und bin fast gestorben. Das Ensemble hat mich durchgezogen. Ich war hinterher fix und fertig.
Ich stelle es mir schwer vor, den Text auswendig zu lernen, oder?
Das ist eigentlich nicht das Problem. Ich lese den Text immer abends, bevor ich ins Bett gehe. Außerdem kann man sich das auch mit dem „Aufsprechen“ merken – dabei liest man den Text laut vor und merkt sich ihn über das Hören. Viel schwerer, als den Text zu lernen, ist es, überzeugend auf der Bühne zu sein. Die Leute, die da unten sitzen, müssen dir glauben, was du sagst. Deine Mimik und Gestik muss stimmen und zur Situation passen.
Kommen wir auf das Berufsleben zu sprechen: 33 Jahre Feuerwehrmann. Welche Einsätze bleiben in Erinnerung?
Ich habe Sachen erlebt, von denen andere nicht träumen wollen. Da waren extrem schlimme Dinge dabei, die mich bis ins Grab verfolgen werden. Mein härtester Einsatz war am 2. September 1999. In einer Wohnung in der Westendstraße sind morgens vier Kinder verbrannt. Das war ein Einsatz, nachdem ich geweint habe. Das war früher verpönt bei der Feuerwehr. Da hat sich zum Glück einiges geändert: Es gibt für uns nach belastenden Einsätzen die Möglichkeit, mit einem Psychologen zu sprechen. Das ist sehr gut. Man muss reden, um das loszuwerden.
Du warst auch bei dem Hausbrand am Danziger Platz im Februar 2008 im Einsatz, bei dem neun Menschen türkischer Herkunft ums Leben gekommen und 60 Leute verletzt worden sind. Die Stimmung danach in der Stadt war heftig.
Der Einsatz war hart. Aber härter war das, was danach abgelaufen ist: die Anfeindungen gegenüber der Feuerwehr, die völlig haltlosen Vorwürfe, wir wären nicht schnell genug am Brandort gewesen. Das war für uns ein Riesenproblem und hat uns alle sehr belastet.
Als Feuerwehrmann muss man schreckliche Einsätze verarbeiten. Gab’s auch positive Dinge?
Für mich ist das Positive, dass du als Feuerwehrmann Menschen helfen kannst. Wenn man jemanden zurückholt ins Leben – das ist das Nonplusultra für einen Feuerwehrmann. In den ganzen 33 Jahren haben sich vier Menschen bei mir bedankt.
Das ist nicht viel.
Für die meisten Leute ist das selbstverständlich. Die wählen 112 und erwarten dann, dass wir kommen.
Wird man auch als Mensch wahrgenommen oder sehen die Leute nur die Uniform?
Du wirst nur als Helfer und Retter wahrgenommen. Aber da hat sich in den letzten Jahren auch etwas verändert: Der Respekt ist verloren gegangen.
Man hört das auch von Rettungsdiensten und der Polizei. Einsätze werden behindert. Es wird gefilmt, statt geholfen.
Das ist so. Die Leute sind respektloser geworden. Es gibt keine Hemmschwelle mehr.
Ende Juli ist jetzt Schluss als Feuerwehrmann. Wird der Job fehlen?
Nein. Mein Körper sagt mir schon, es ist jetzt gut. Ich sehe zwar fit aus, aber die Regenerationsphasen sind länger geworden. Du musst oft nachts raus, musst mit der schweren Ausrüstung durch Treppenhäuser. Früher hast du das nach einem Tag weggesteckt, heute brauchst du vier, fünf Tage. Wenn ich weitermachen müsste, würde ich irgendwann am Stock gehen.
Du warst auch als Ausbilder für die Feuerwehr tätig. Was sagst du jungen Leuten, die sich für diesen Beruf interessieren. Was muss man mitbringen?
Feuerwehrmann zu sein, ist eine Berufung. Das ist kein Job, den du einfach so machen kannst. Du musst dafür geboren sein und du musst es auch unbedingt wollen. Es geht darum, zu überleben – es geht um dein Leben, das deines Kameraden, der mit dir in ein brennendes Haus reingeht, und den Menschen, den du retten willst. Das ist kein Spaß. Da geht es um alles. Ich habe das allen neuen Leuten eingebläut: Ihr geht zu zweit rein und ihr kommt zu zweit wieder heraus. Seinen Partner lässt man nicht im Stich – nie im Leben! Du lässt auch den Löschschlauch nie los, wenn du drin bist – das ist dein Rückweg. Wir in Ludwigshafen sind eine verdammt gute Truppe – das muss auch so sein, weil wir so viele Störfallbetriebe in der Stadt haben.
Wie sehr prägt dieser Beruf einen Menschen?
Du musst ein Teamplayer sein und Verantwortung übernehmen. Einzelgänger haben da nichts verloren. Du musst 24 Stunden am Tag bereit sein, dein Leben zu riskieren. Das ist nicht einfach nur ein Job.
Jetzt ist damit Schluss. Gehst du auch mit einem weinenden Auge?
Meine Kameraden werde ich vermissen, die Gespräche und die Frotzeleien – das wird mir fehlen, aber der Rest nicht, glaube ich.
Du warst als Feuerwehrmann auch bei Austauscheinsätzen im Ausland – was ist da hängengeblieben?
Mit dem ehemaligen Feuerwehrchef unserer Partnerstadt Lorient, Christian Guillemot, ist eine enge Freundschaft entstanden. Er ist für mich wie ein kleiner Bruder. Wir haben ja damals bei der Ölpest in der Bretagne geholfen und sehen uns seitdem regelmäßig. Ich war auch 1997 in New York. Das war ein gute Truppe dort. 16 Mann von der Wache sind später am 11. September 2001 ums Leben gekommen, als das World Trade Center nach den Terroranschlägen zusammenstürzte. In den USA werden Feuerwehrleute als Helden verehrt. Außerdem war ich in Abu Dhabi als Ausbilder. Ich habe gelernt, egal, wo du bist auf der Welt: Die Feuerwehr ist wie eine Familie.
Hast du auch mal als Schauspieler einen Feuerwehrmann gespielt?
Einmal im „Tatort“ aus Hamburg mit Robert Atzorn. Das war okay gewesen und ich hatte auch ein bisschen Text.
In Hamburg hast du auch mal einen SEK-Leiter gespielt, der mit seiner Truppe ein entführtes Flugzeug befreit. Kam dir da deine Erfahrung als Zeitsoldat zugute?
Klar. Ich weiß, wie man eine Waffe hält. Und als Feldwebel weiß man, wie man Kommandos gibt.
Du hast neben den „Tatort“-Darstellern auch viele prominente Schauspieler kennengelernt, etwa als du in „Otto’s Eleven“ den Bodyguard von Sky du Mont gespielt hast. Wie ticken die Promis?
Die sind alle locker und cool gewesen. Mirco Nontschew war auch privat ein lustiger und netter Typ. Leider ist er letztes Jahr gestorben.
Wann sehen wir dich wieder im Fernsehen?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen, aber wenn’s soweit ist, werde ich Bescheid sagen.
Hast du etwas Besonderes nach dem Abschluss deines Berufslebens geplant?
Im September fliege ich mit meiner Frau Kerstin nach Dubai – wir wollen uns dort richtig verwöhnen lassen. Und ich habe damit angefangen, eine Autobiografie über mein Leben zu schreiben. Einen Verlag in München habe ich schon.
Zur Person: Thomas Holländer
Thomas „Holly“ Holländer ist gebürtiger Ludwigshafener. Nach einer Malerlehre war er acht Jahre lang Zeitsoldat bei der Bundeswehr. 1989 fing er bei der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen an, nach 33 Jahren scheidet er dort als Brandinspektor aus. Seit 20 Jahren ist er Schauspieler. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, hat drei Töchter und wohnt in Mundenheim.
Zur Sache: Sommer-Interview
In den Sommermonaten sprechen wir mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen über Gott und die Welt, über Sehnsuchtsorte, Urlaubspläne, Berufliches und ihren Bezug zur Region.
Bisher erschienen sind :
Fabian Burstein über die Buga in Mannheim;
Sänger Uli Valnion über Arbeiterrechte und Mundartmusik;
Dekan Paul Metzger über sein neues Amt und den Spardruck auf die Kirche sowie
Vanesse Trucksees und Stefano Castronovo über ihr Eiscafé Nessano.